„Krebsbekämpfung“: Zum Problem der Kriegsmetaphorik in der Medizin (2009)

Vortrag zum 22. „Medizin – Theologie – Symposium“ der Ev. Akademie Tutzing in Rothenburg o. d. Tauber, 20.-22.11.2009.

  

Bereits in der Antike wurde das Krebstier mit der Krebskrankheit assoziiert. So meinte der griechische Arzt Galen, der im 2. Jahrhundert n. Chr. in Rom wirkte, dass der Name Krebs (griech. karkínos, karkínoma) wegen der Ähnlichkeit der geschwollenen Venen eines äußeren Tumors mit Krebsbeinen gewählt worden sei.[1] In unserem kulturellen Gedächtnis ist die Diagnose „Krebs“ mit den Begriffen Bösartigkeit und Unheilbarkeit verbunden: die „bösartige“ Geschwulst als „unheilbare“ Krankheit. In diesem Sinne heißt es in einer Predigt von Johann Geiler von Keisersberg (1445-1510) über das „Narrenschiff“ Ende des 15. Jahrhunderts: „der siechtag [krankheit] des kreps bleibt nit, er friszt stets um sich.“[2] Trotz der beeindruckenden medizinischen Forschritte und Behandlungserfolge in den letzten Jahrzehnten erscheint der Krebs im Allgemeinen weiterhin als die Krankheit zum Tode par excellence. Über seine metaphorische Verwendung ist spätestens seit dem berühmten Buch von Susan Sonntag: „Krankheit als Metapher“ eingehend diskutiert worden.[3] Aus medizinhistorischer Sicht sind es zwei Umstände, die den Krebs als Metapher zur Beschreibung anthropologischer und sozialer Verhältnisse besonders geeignet erscheinen lässt. Zum einen handelt es sich um das aggressive und zugleich destruktive Umsichgreifen der Geschwulst, die gleichsam den gesunden Körper wie ein Raubtier nach und nach auffrisst; zum anderen geht es bei der Krebsbekämpfung immer um die möglichst radikale Ausmerzung des Krankheitsherdes – mit „Stahl und Strahl“, wie die klassische Formel lautet.

Nirgendwo sonst in der Medizin wurde Metaphorik der systematischen Kriegsführung und Vernichtung des Feindes stärker ausgebildet als in der Krebsforschung und bei der Krebsbehandlung. Gilt es doch, den heimtückischen Angreifer mit allen erdenklichen Mitteln zu vernichten, „auszurotten“. Die jüngste Entfaltung der Palliativmedizin hat diese Einstellung gewissermaßen aufgeweicht, aber nicht grundsätzlich verändert. Insbesondere eignet sich der Krebs als eine Metapher zur Kennzeichnung von gefährlichen Individuen oder Gruppen, welche die Gesellschaft zersetzen. Dementsprechend heißt es bereits in der Bibel (2. Tim. 2,17) im Hinblick auf ketzerische Widersacher: „und ir wort frisset umb sich wie der krebs“.[4] Gerade in politischen Auseinandersetzungen ist immer wieder die Rede von „Krebsgeschwüren“, die radikal zu entfernen seien, um die Gesellschaft, den Staat zu retten.[5] Ich möchte hier nur ein Beispiel zitieren, das man bei einer Internet-Recherche rasch ausfindig machen kann und das sich auf den Kriegsgegner in einem umkämpften Gebiet im Nahen Osten bezieht: „Es gibt alle möglichen Lösungen für krebsartige Erscheinungen. Einige werden sagen, es ist notwendig, Organe zu amputieren. Im Augenblick betreibe ich Chemotherapie.“[6]

Im Folgenden möchte ich einige Meilensteine der Krebsforschung im weiteren Sinne kurz beleuchten. Es geht dabei weniger um eine glorreiche Fortschrittsgeschichte, als vielmehr um gewisse Konzepte, die klarmachen, auf welchen historischen Voraussetzungen die moderne Biomedizin beruht, von denen sie selbst oft nichts mehr weiß oder wissen möchte. Bei meinem Streifzug durch die Krebsproblematik möchte ich in fünf Schritten vorgehen.

 

(1) Melancholie und Krebs: zur Tradition der Humoralpathologie (Säftelehre)

 

Das wichtigste Konzept der vormodernen Medizin lieferte die bereits in der Antike begründete Lehre von den vier Körpersäften (Blut, gelbe Galle, schwarze Galle Schleim). Nach der klassischen Krankheitslehre des Galen werde bei einer bestimmten Form der Melancholie das Gehirn sekundär von der schwarzen Galle affiziert, wenn das Leiden von einer Verdauungsstörung im Magen ausgehe, und es zu Blähungen, Stockungen, Sodbrennen etc., d. h. zu einer „Hypochondrie“ komme.[7] Dann steige vom Oberbauch eine entsprechende schwarzgallige, rußartige Ausdünstung zum Gehirn auf und erzeuge dort – durch eine Verdunkelung des Gehirns – die entsprechenden Symptome wie Furcht, Mutlosigkeit, Wahnvorstellungen und Todessehnsucht. Indem die Magengegend bzw. die Oberbauchorgane (hypochondrium) als Ursprungsort der Melancholie angesehen wurden, erschienen Melancholie und Hypochondrie seither eng miteinander verknüpft (Melancholia hypochondriaca) und bildeten bis zum 18. Jahrhundert und darüber hinaus eine Krankheitseinheit.

Es ist, im Hinblick auf die moderne Psychoonkologie, bemerkenswert, dass „Melancholie“ bereits nach antiker Lehrmeinung „Krebs“ erzeugen konnte. So verwandte schon Hippokrates um 400 v. Chr. recht häufig die Bezeichnung karkínos für alle nicht heilenden Geschwüre einschließlich Hämorrhoiden und die Bezeichnung karkínoma für den bösartigen Krebs. Freilich sind die betreffenden Begriffe wie „Melancholie“und „Karzinom“ im Kontext der oben erwähnten  Humoralpathologie zu verstehen. Galen stellte den Zusammenhang von schwarzer Galle und Krebs folgendermaßen dar: „Ohne Sieden erzeugt die schwarze Galle die Krebse, und wenn sie schärfer ist, solche mit Geschwüren, diese sind nun schwärzer als die Farbe der entzündeten Teile und sehr wenig heiß; die Blutadern sind bei Ihnen mehr gefüllt und gespannt als bei Entzündungen; denn die Flüssigkeit, welche die Krebse erzeugt, tritt infolge ihrer Dicke weniger aus ihren Gefäßen in das umgebende Fleisch aus.“ Krebs erschien demnach als Konstitutionskrankheit, weswegen eine innerliche Behandlung angezeigt war. In dieser humoralpathologischen Tradition trat der Krebs im Allgemeinen als apostema melancholicum in Erscheinung, als melancholische Geschwulst, die ab der frühen Neuzeit als „Scirrhus“ bezeichnet wurde. So schrieb der berühmte Leidener Medizinprofessor Herman Boerhaave (1668-1738): „Wenn edelmüthige Leute das ihnen widerfahrene Unrecht sich tief zu Hertzen gehen lassen, und einen immer eingedenkenden Zorn in ihrer Brust tragen, so pflegen sie oftmals in die größte Melancholie zu verfallen […]. Was Wunder also, daß davon Scirrhi entstehen, und, wenn dergleichen bereits da sind, diese in einen Krebs verwandelt werden […].“[8]

Diese Lehre von der Schwarzen Galle (griech. melan chole; lat. atra bilis) als der Ursache des Krebses wurde im 17. und 18. Jahrhundert an das neue anatomisch-physiologische Wissen adaptiert. [9]  Nach Entdeckung der Chylusgefäße durch Gasparo Aselli 1622 und des großen Blutkreislaufs durch William Harvey 1628, nach der Demonstration der Lymphgefäße durch Bedbeck Olaeus und der iatro-physikalischen Ausrichtung der Medizin durch René Descartes einige Jahrzehnt später wurde nun anstelle der Schwarzen Galle die Lymphe für die Krebsentstehung verantwortlich gemacht. Man nahm an, dass die aus den Gefäßen getretene Lymphe einen Scirrhus bildet, wenn sie koaguliert und erhärtet, einen bösartigen Cancer aber, wenn sie „gärt oder sauer wird, oder sonst eine Schärfe enthält“.[10] In Zedlers „Universal-Lexikon“, dem Standardwerk des frühen 18. Jahrhunderts, heißt es dementsprechen: „Die Ursache des Krebses ist eine Verstopffung derer Drüßlein und Gefäßlein / welch evon dicken und scharffen Feuchtigkeiten entstehet. […] Die Schärffe dieser Materie erweckte nicht nur anhaltende Schmertzen / Hitze und Röthe / sondern wird offters etzend / so / dass sich die Schmertzen hernach vermehren und garstige um sich fressende Geschwüre verursachen.“[11]

Die Auseinandersetzung mit der Theorie von der „sauren Lymphe“ bestimmte den wissenschaftlichen Diskurs bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.[12] Eine besondere Ausprägung der humoralpathologischen Krebstheorie war die Lehre von der „Blutdyskrasie als Ausgangspunkt aller Krankheiten“, wie sie vor allem der bedeutende Wiener Pathologe Carl von Rokitansky (1804-1878) in der Mitte des 19. Jahrhunderts vertrat. Die so genannte Krasenlehre besagte, dass das Blut bei der „Krebsdyskrasie“ venöser Natur mit vorwiegendem Albumingehalt sei und sich durch geringe Konsistenz und Gerinnungsfähigkeit, aber große Neigung zur Hypostase auszeichne. „Ein so abnorm gemischtes Blut erzeuge Exsudate, um seine normale Krase wieder herzustellen, und so entstehe dann das zur Krebsbildung notwendige Blastem.“[13] Aber zu diesem Zeitpunkt (1842), als Rokitansky seine Krasenlehre propagierte, wurde er bereits von Rudolf Virchow kritisiert. Die Zellenlehre, der die Zukunft gehören sollte, war auf dem Vormarsch, worauf ich zurückkommen werde.

  

(2) Imagination und Krankheitssamen: magisch-parasitologische Theorien

 

Bei der Betrachtung der Vorgeschichte der modernen Krebsforschung wollen wir jedoch nicht bei den soeben skizzierten Theorien der Säftelehre stehen bleiben. Denn im Ausgang von Paracelsus und der alchemischen Medizin kam es im 16. Jahrhundert zu einer quasi parasitologischen Krebstheorie, die im Kern moderne zellularpathologische, virologische und genetische Theorien antizipierte und gewissermaßen den Anfang der „biomedizinischen“ Krebsforschung in der Neuzeit markiert. Gleichwohl waren  Humoralpathologie und Galenismus weiterhin präsent und selbst Paracelsus war von ihnen tief beeinflusst. In seiner Schrift „Von allen offnen Schäden, so aus der Natur geboren werden“ (1528) stellte er die These auf, dass der Krebs „aus zweien Ursprüngen“ komme: „den mannen aus dem haemorrhoidischen blut, und behalt den hindern teil des leibs“; den Frauen entspringe er „aus den menstrualischen flüssen und halt den vordern teil in [!] des leibs“.[14] Die Verstopfung, Stauung (oppilatio) der Hämorrhoiden bzw. das Ausbleiben, die Verhaltung der Menstruation mache den Krebs „tötlich“. Wenn die Austreibungskraft (virtus expulsiva) durch die Verstopfung blockiert werde, so sei sie „ein muter des tots“.[15]

Etwa ein Jahrhundert später formulierte der flämische Arzt und Alchemiker Johann Baptist van Helmont eine Art biochemische Krebstheorie, die von einer „gärenden Fäulungs-Art“ ausgeht, welche eine unsichtbares Bild (idea) des Krebses erzeuge. So würden beispielsweise durch Quetschen und Drücken der weiblichen Brust die Milchdrüsen zermalmt und der „empfindliche Lebens-Geist“ empfange dadurch  einen gewissen Schmerz wie „einen stechenden Dorn“. Daraus entspringe eine Leidenschaft, „die gantz wütend ist: Und fähret ein feuriges sämliches [!] Bild davon heraus (welches deswegen gifftig ist:) Und wird von dem Safft desselben Ortes eingesogen / und fängt mit selbigem an zu gären. Daher hernach ferner eine wehtuende / stechende / schlagende Geschwulst entstehet / welche auch gifftig ist wegen des wütens.“[16] Van Helmont vertritt mit seinem Begriff des „Samens“ (Adjektiv: „sämlich“) eine Theorie des Krankheitskeimes. Seine radikal psychosomatische Auffassung spiegelt sich in seiner bildreichen Sprache wider: „Und ist demnach das sämliche Bild / welchs von der stürmischen Beunruhigung des Lebens-Geistes entspringet / und in dem Lebens-Geist dieses Orts gleichsam abgemahlet wird / der rechte eigentliche Krebs zu nennen / es mag nun die Geschwulst noch zu / oder in ein offenes Geschwüre ausgebrochen seyn.“[17]  Der Lebensgeist drucke „gifftige Bilder“ in sich, „auf eben die Weise / wie die Phantasie und Einbildungs-Krafft gewisse ihren Leidenschafften gleichförmige Bilder zu figuriren pfleget.“ Nach dieser Vorstellung könne also die durchaus substanziell gedachte Imagination Krebs erzeugen.[18]

Im Kontext der soeben vorgestellten Lehre des Paracelsismus, die als Ursache der Krankheiten einen spezifischen Krankheitssamen annahm – die Medizingeschichtsschreibung spricht hier vom „ontologischen Krankheitsbegriff“ –, trat erstmals die Idee eines Krebskeimes in den Mittelpunkt des Interesses, der als eine Infektion und nicht als Qualität eines Lebenssaftes begriffen wurde. Die moderne Krebslehre konnte jedoch erst im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit dem Siegeszug der naturwissenschaftlichen Medizin und insbesondere der Zellenlehre entstehen.

 

(3) Zellen, Viren, Gene: Stichwörter zur naturwissenschaftlichen Krebsforschung

 

In diesem Abschnitt kann ich nur sehr knapp auf einige Meilensteine  der modernen Krebsforschung seit Mitte des 19. Jahrhunderts hinweisen. Es handelt sich sozusagen um den Kanon der naturwissenschaftlich-biologischen Krebstheorien, die gerade noch im historischen Blickfeld der Biomedizin liegen, während man all das, was bisher beschrieben wurde, dem unwissenschaftlichen „Okkultismus“ – so der Kampfausdruck vor 100 Jahren – zurechnete. Ich möchte nun den Bogen von der Zellentheorie Johannes Müllers, des großen Anatomen und Physiologen der ausgehenden Goethezeit, bis hin zum molkularbiologischen Paradigma der Onkogene schlagen, das in unseren Tagen Hochkonjunktur hat.

Johannes Müller, der 1833 von Bonn nach Berlin berufen wurde und dort sein weltberühmtes Laboratorium einrichtete, war auch im internationalen Maßstab der entscheidende Promotor der aufblühenden Lebenswissenschaften und insbesondere der biomedizinischen Krebsforschung. Er und seine Schüler – ich erwähne hier nur Matthias Schleiden (1804-1881), Jakob Henle (1809-1885), Theodor Schwann (1810-1882) und Rudolf Virchow (1822-1902) – sollten die Medizin vor allem mit Hilfe des Mikroskops auf eine neue Grundlage stellen. Die umwälzende Innovation ging von der wissenschaftlichen Erkenntnis aus, dass die Zelle als „Elementarorganismus“ von Tier und Pflanze zu begreifen sei. Nachdem Schleiden 1838 seine Theorie über die Bildung der Pflanzenzelle veröffentlicht hatte, stellte Schwann die „Uebereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum der Thiere und Pflanzen“[19] fest und formulierte bereits im selben Jahr seine Lehre von der Entwicklung von Geweben im tierischen Organismus aus Zellen –  als Ausdruck mechanistisch-materialistisch zu verstehender Naturgesetze. Somit widersprach er strikt der Idee einer „Lebenskraft“[20], mit der Johannes Müller als Goethe-Verehrer noch geliebäugelt hatte.

Von seinem Assistenten Schwann angeregt, widmete sich Johannes Müller dem Krebsproblem und veröffentlichte 1838 seine Epoche machende Schrift „Ueber den feinern Bau und die Formen der krankhaften Geschwülste“.[21] Das wichtigste Resultat dieser Studie bestand in der allgemeinen Beobachtung, dass die pathologischen Neubildungen ebenso wie das normale tierische Gewebe aus Zellen bestehen. „Denn aus Zellen entwickeln sich alle Gewebe, und ein sehr grosser Theil der nicht krebshaften Geschwülste besteht aus Zellen.“[22] Müller charakterisierte die „Natur des Krebses“ in einer Reihe von Lehrsätzen, von denen ich hier nur den dritten zitieren möchte: „Das Carcinom ist kein heterologes Gewebe und die feinsten Theile seines Gewebes unterscheiden sich nicht wesentlich von den Gewebetheilen gutartiger Geschwülste und der primitiven Gewebe des Embryo.“ Denn, so führt er aus: „Die Elemente des Carcinoma sind Körner, Zellen, geschwänzte Körper, die sich aus Zellen bilden, Fasern, die sich wieder aus geschwänzten Körpern bilden. Andere Elemente kommen auch nicht in den gutartigen Geschwülsten vor.“[23]

Zwanzig Jahre später erschien Rudolf Virchows „Cellularpathologie“ (1858), die auch für die Krebsforschung von fundamentaler Bedeutung war. Alle physiologischen und pathologischen Prozesse im menschlichen Organismus sollten nun auf die Zelle als dessen Elementarbaustein zurückgeführt werden. „Omnis cellula ex cellula“, lautete die  Maxime.[24] Der Krebs wurde von nun an als ein zellbiologischer Prozess begriffen. Es sei hier erwähnt, das Virchow bereits 1845 erstmals einen Krankheitsfall von „weißem Blut“ beschrieben und damit den Begriff der Leukämie geprägt hatte. Auf die höchst differenzierten Auseinandersetzungen mit Virchows Lehre von den „krankhaften Geschwülsten“ in der Folgezeit kann ich hier nicht näher eingehen.[25]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es dann in Deutschland eine große Initiative zur wissenschaftlichen Krebsforschung. Am 18. Februar 1900 wurde nämlich auf Initiative des Internisten Ernst von Leyden (1832-1910) in Berlin das „Comité für Krebsforschung“, das später als Deutsches Zentralkomitee für Krebsforschung (DZK) firmierte, gegründet. Es brachte eine reichsweite Krebs-Sammelstatistik auf den Weg, um Inzidenz und Ätiologie der Krebskrankheit zu erforschen und förderte eine rege Vortrags- und Publikationstätigkeit. Besonders hervorzuheben ist die Einrichtung von drei Krebsforschungsinstituten, deren Gründungsdirektoren zugleich im Vorstand des DZK mitwirkten. Die drei maßgeblichen Pioniere waren: (1) der Immunologe Paul Ehrlich, an dessen Frankfurter Institut 1902 eine Abteilung für Krebsforschung eröffnet wurde; (2) der bereits erwähnte Internist Ernst von Leyden, der 1903 eine Abteilung an der I. Medizinischen Klinik der Charite einrichtete, die 1908 zum selbständigen Institut avancierte; und schließlich (3) der Chirurg Vinzenz Czerny, der 1906 in Heidelberg das „Samariterhaus“ als Institut für Experimentelle Krebsforschung einweihen konnte, den historischen Vorläufer des heutigen Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ).[26]

In dieser Gründerzeit wurden auch Embryonal- und parasitäre Theorien formuliert, um das Krebsproblem zu lösen.[27] Einerseits nahm man an, das Krebsgewebe ähnele dem Embryonalgewebe und der Krebs entspringe einem versprengten embryonalen Keim. Diese Theorie, welche die heutigen Erkenntnisse über so genannte Tumorstammzellen vorwegnahm, ging auf den Virchow-Schüler Julius Cohnheim (1839-1884) zurück. Andererseits wurde der Krebs als Infektionskrankheit begriffen, der durch Mikroorganismen verursacht werde. Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stellten verschiedene Ärzte und Naturforscher die Hypothese auf, dass der Krebs durch spezifische Krebsparasiten hervorgerufen werde.[28] Doch erst 1910/11 gelang es Peyton Rous am New Yorker Rockefeller Institute, Hühnersarkome durch ein zellfreies Filtrat zu übertragen. Rous (1879-1970) wurde alt genug, um 1966, mehr als 50 Jahre nach seiner Entdeckung, den Nobelpreis für die Aufklärung der Virusätiologie des Hühnersarkoms in Empfang zu nehmen.

In dieser frühen Phase der modernen Krebsforschung drängte sich neben der infektiösen Theorie auch die Annahme hereditärer Faktoren auf, insbesondere durch tierexperimentelle Beobachtungen des Brustkrebses bei Mäusen (Murray 1911).[29]  1928 veröffentlichte K. H. Bauer, auf den ich noch näher eingehen werde, sein wegweisendes Buch „Die Mutationstheorie der Geschwulstbildung“, womit er die moderne Onkogen-Theorie antizipierte. K. H. Bauer, der sich als Chirurg so intensiv wie kein anderer Kliniker mit der Krebskrankheit auseinandergesetzt hatte, gründete als Hauptinitiator 1964 des Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, das seinerzeit sieben Institute unter einem Dach vereinte. Heute gehört das DKFZ zu den prominentesten deutschen Großforschungseinrichtungen.

An dieser Stelle soll kurz die Krebsforschung in der unmittelbaren Nachkriegszeit umrissen werden, die mit dem Namen K. H. Bauer verknüpft war. Sein monumentales Lehrbuch „Das Krebsproblem“ (1949, 2. Aufl. 1963) habe ich als Schüler verschlungen und damit mein erstes größeres Referat in der Oberstufe des Gymnasiums bestritten. Bauers These war, dass Krebs allgemein als Folge einer Mutation von Körperzellen zu begreifen sei. Alle schädigenden Stoffe bzw. Einwirkungen, welche die Erbanlagen in den Keimzellen verändern, können auch Krebs durch Mutation der Körperzellen im Bereich der wachstumsregulierenden Erbstrukturen hervorrufen. Diese zellbiologisch fundierte Krebstheorie antizipierte die Grundidee der späteren biomedizinischen bzw. molekularbiologischen Krebsforschung, die sich erst nach der Grundlegung der Molekulargenetik, nach der Aufklärung der DNA-Struktur durch Watson und Crick im Jahr 1953 und der Entdeckung des „Gens“ als grundlegender Einheit der Erbinformation entwickeln konnte. Das Zusammenführen von virologischen und genetischen Forschungsansätzen führte schließlich zur Theorie der „Onkogene“. In den 1970er Jahren konnten die US-amerikanische Virologen Michael Bishop (geb. 1936) und Harold Varmus (geb. 1936) zeigen, dass es sich bei einem viralen Onkogen tatsächlich um ein normales Zellgen handelt, das von Retroviren zuvor aus der Wirtszelle erworben wurde. Hierfür erhielten sie gemeinsam 1989 den Nobelpreis.

Der Tumorvirologie gelang in den 1980er Jahren die Identifizierung von Tumor-Suppresor-Genen, deren mutierte Formen bösartige Neoplasmen auslösen können. Diese Erkenntnisse spielten und spielen eine große Rolle bei der prädiktiven Diagnostik, etwa beim erblichen Dickdarmkarzinom oder bei der Einschätzung des Risikos, an Brustkrebs zu erkranken.[30] Auf die gravierenden psychologischen, sozialen und ethischen Probleme, die damit verbunden sind, kann hier nicht eingegangen werden. Gleichwohl richten sich die Hoffnungen der molekulargenetischen Krebsforschung auf eine gezielte Prophylaxe bzw. medikamentöse Therapie, insbesondere auf die Entwicklung von Gen-Chips für die ärztliche Praxis, sowie auf Möglichkeiten einer Schutzimpfung gegen Krebs. Eine erste Impfung dieser Art, nämlich zur Vorbeugung des Zervixkarzinoms (Gebärmutterhalskrebs), wurde bereits entwickelt, die gegen Humane Papillomaviren (HPV) immunisiert.[31] Der HPV-Impstoff Gardasil® wurde Ende September 2006 für Europa zugelassen.[32]

 

(4) Krebsbehandlung, Krebskämpfung: „Stahl und Strahl“ und andere Mittel

 

Die antike Medizin hatte drei Ansätze der Therapie zur Verfügung: durch das Wort (Diätetik), durch das Medikament (Innere Medizin) und durch das Messer (Chirurgie). Die entsprechende Maxime des Hippokrates lautete: „Was Medikamente nicht  heilen, heilt  das Eisen. Was das Eisen nicht heilt, heilt das Feuer, und was das Feuer nicht heilt, ist unheilbar.“[33] Diese Ansätze wurden auch in der Krebshandlung angewandt und waren mehr oder weniger auch noch im 18. Jahrhundert präsent, wie wir dem Zedler`schen Universal-Lexikon entnehmen können. Dort heißt es: Ärzte und Wundärzte hätten die Geschwülste für unheilbar gehalten, „dahero wenn sie nicht durch den Schnitt gänzlich ausgerottet werden / öffters dergleichen Patienten elende Leute werden / und unter denen größten Schmertzen und Gestanck sterben.“[34] Unzählige innerliche und äußerliche Arzneien wurden in Rezeptform empfohlen, um „die Säffte zu versüssen“ bzw. „die Schärffe derer Feuchtigkeiten zu mäßigen“.[35] Dabei schrieb man unter vielen anderen Substanzen vor allem Quecksilber und Arsen eine besondere Heilkraft zu. Weiter liest man bei Zedler: „Das Arsenum fixum wird von Helmont sehr gerühmt. Andere loben jung frisch Hühner-Tauben-Hunde-Katzen-Fleisch aufgeleget, Denn solch Fleisch sauget als ein Schwamm die Schärffe in sich und lindert also zugleich den Schmertz. Paracelsus und nach ihm Kühnrath lehren aus Bach-Krebsen mit andern Dingen versetzet eine heilsame Artzney wider den Krebs zu bereiten. Oder man nimmt einen lebendigen Krebs; bindet ihn auf den Krebs-Schaden, und lässet ihn darauf sterben.“[36]  Gerade in der Krebsbehandlung waren also magische Vorstellungen nach dem Simile-Prinzip (Krebs-Tier gegen Krebs-Krankheit) und alchemische Mittel (Arsen, Quecksilber) beliebt.

Erst mit der naturwissenschaftlichen, technologischen Umwälzung der Medizin ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kam es auch zu einem tief greifenden Wandel der Krebsbekämpfung. Durch Einführung der Inhalationsnarkose und der Antisepsis und später Asepsis konnte die Chirurgie auf eine gänzlich neue Grundlage gestellt werden. Das Zeitalter der Krebschirurgie begann. Der Wiener Chirurg Theodor Billroth (1829-1894), ein Pionier der Bauchchirurgie, führte 1881 erstmals erfolgreich eine Pylorusresektion in einem Fall von Magenkrebs durch.[37] Zuvor hatte er schon 1873 eine Laryngektomie bei einem 36jährigen Mann mit Kehlkopfkrebs vorgenommen. Seinem oben erwähnten Schüler Vinzenz Czerny (1842-1916) gelang 1878 die erste erfolgreiche vaginale Totalexstirpation bei Gebärmutterkrebs. Czerny war seinerzeit sicher der bedeutendste Krebschirurg in Deutschland.[38]

Nach der Entdeckung der X-Strahlen durch Robert Röntgen im Jahre 1895 und der Entdeckung des Radiums durch Madame Curie 1898 begann mit der Strahlentherapie eine neue Epoche der Krebsbehandlung. Nach der Jahrhundertwende wurden an mehreren Kliniken die Röntgen- bzw. die Radiumtherapie eingeführt. 1913 verkündete der Münchner Frauenarzt Albert Döderlein auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie: „Wir stehen im Beginn einer neuen Krebsbehandlung“.[39] Bei der Verwendung radioaktiver Substanzen seit Beginn des 20. Jahrhunderts kam neben dem sehr teuren Radium auch das von Otto Hahn 1907 entdeckte billigere Mesotherium bei der Behandlung des Uteruskarzinoms zum Einsatz. Zunächst galt die Strahlentherapie nur als palliatives Mittel bei inoperablen Tumoren, später wurden sie auch bei operablen Tumoren anstelle der Radikaloperation eingesetzt.[40] Unter Beteiligung von Czernys 1. Oberarzt  Richard Werner wurde 1912 die Zeitschrift „Strahlentherapie“ begründet. Es sei hier angemerkt, dass Werner als frühester Mitarbeiter Czernys wegen seiner jüdischen Abstammung 1933 vom Dienst suspendiert wurde und schließlich 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt als Kranker den Haftbedingungen erlag.

Im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hatte die Strahlentherapie ihre Blütezeit und erschien bei manchen Indikationen statistisch gesehen den chirurgischen Behandlungen ebenbürtig, wie etwa bei der Radiumbehandlung der Genitalkrebse, die gemäß einer statistischen Studie der Berliner Universitätsfrauenklinik der Operation ebenbürtig zu sein schien.[41] So bildete sich im frühen  20. Jahrhundert die klassische Krebsbekämpfung „mit Stahl und Strahl“ heraus, ein markanter Topos, der die Krebstherapie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf den Nenner bringt. Für seine eigene Krebsklinik („Samariterhaus“) in Heidelberg hatte Vinzenz Czerny 1913 entsprechende Behandlungsrichtlinien formuliert, die für diese Epoche maßgeblich waren, und der Operation einen Vorrang vor der Strahlentherapie einräumten. So lautete der erste Grundsatz: „Operable Tumoren sind radikal zu operieren, wenn nicht eine direkte Kontraindikation gegen einen Eingriff besteht“.[42] Die Strahlentherapie wurde grundsätzlich bis auf bestimmte Ausnahmen (inoperable Tumoren, gut kontrollierte bösartige Tumoren) als „Zusatzbehandlung“ empfohlen.

Auf die weitere Entwicklung der Strahlentherapie von den 1920er bis 1950er Jahren kann hier nicht näher eingegangen werden. Es geht um den Weg von der Hochvolt- zur Megavolttherapie und schließlich die Konstruktion des Betatrons, eines Elektronenbeschleunigers („Elektronenschleuder“), der während der Kriegsjahre in Deutschland und in den USA gleichzeitig entwickelt wurde. Damit war die Grundlage  für die unterschiedlichen – z. T. gigantisch dimensionierten – Geräte geschaffen, so dass sich die Methoden der Strahlentherapie der unmittelbaren Nachkriegszeit entfalten konnten.[43] Zu erwähnen ist hier die Nuklearmedizin als eine neue Disziplin, die mit ihrer „Isotopentherapie“ das Behandlungsspektrum erweiterte. So wurde erstmals in Deutschland 1950 ein Patient mit Schilddrüsenkarzinom durch Radiojod (J 131) von dem Nuklearmedizin Cuno Winkler in Aachen (später Bonn) behandelt.[44]

In der Nachkriegszeit konnte auch die Chemotherapie, die Paul Ehrlich mit der Entwicklung des Salvarsans 1910 begründet hatte, erstmals für die Krebsbehandlung genutzt werden. In den 1950er Jahren wurden nämlich Zytostatika und Antimetaboliten entwickelt, nachdem bereits im Ersten Weltkrieg die wachstumshemmende Wirkung des Kampfgases Schwefel-Lost (Senfgas) beobachtet worden war. Damit wurde vor allem die Leukämie chemotherapeutisch behandelbar. Auf die weitere bis heute andauernde Entwicklung der Zytostatika kann ich hier nicht im Einzelnen eingehen, etwa auf die Präparate mit heute z. T. vergessenen Handelsnamen wie „Purinethol“ (6-Mercaptopurin), „Myleran“ (Busulfan) oder das „Endoxan“ (Cyclophosphamid), ein Derivat des Kampfgases Stickstoff-Lost. Dass die stark toxischen Nebenwirkungen gerade in der Pionierzeit der Chemotherapie enge Grenzen setzten, ist hinlänglich bekannt.[45]

Gleichzeitig mit der Chemotherapie wurde auch die Hormontherapie eingeführt, nachdem man die hormonelle Beeinflussbarkeit vor allem beim Mamma- und Prostatakarzinom beobachtet hatte. Östrogene beschleunigten das Wachstum des Brustkrebses, antiöstrogen wirkende Hormone dagegen führten zu einer Verkleinerung des Tumors. K. H. Bauer führte 1948 in Heidelberg erstmals die Elektrokoagulation bei einem Hypophysentumor ein und wandte diese Methode dann 1952 bei der Behandlung eines Mammakarzinoms an (veralteter Ausdruck: „Hypophysenkastration“). Wenig später wurde stattdessen radioaktives Gold in die Hypophyse implantiert, um dem Brustkrebs hormonell gegenzusteuern.

Bauer, der selbst wegen eines erfolgreich operierten Kolonkarzinoms im fortgeschrittenen Alter mit einem Anus praeter lebte und weiterhin als Chirurg operierte, formulierte die Krebsbehandlung in der klassischen Kampfmetaphorik: Das oberste Gebot der Krebsbehandlung sei „die Ausrottung der Krebsgeschwulst“: „Nach dem heutigen Stand der Dinge gibt es eine Krebsheilung […] nur durch Radikaloperation oder durch strahlentherapeutische Krebsvernichtung, selbstverständlich auch durch vernünftige Kombination beider.“[46] Die Radikaloperation solle als chirurgisches Ideal die  Krebsgeschwulst mit der Wurzel „allseits im Gesunden entfernen und den Körper wieder krebsfrei machen.“[47]

Erst ab den 1970er Jahren entwickelt sich mit den Fortschritten der Chemotherapie, der Immunologie, der molekulargenetischen Biomedizin und der Psychoonkologie die  Onkologie als ein transdisziplinärer Bereich der klinischen Krankenversorgung, der gegenwärtig eine immer wichtigere Rolle spielt – organisiert etwa als „Tumorzentrum“ oder neuerdings als Comprehensive Cancer Center (CCC).

 

(5) „Wunderheilung“ und Spontanremission: das Placebo-Rätsel

 

Auf keinem anderen Feld der so genannten Alternativ- bzw. Komplementärmedizin gibt es so erhitzt geführte Kontroversen wie auf dem Feld der Krebsbehandlung. Ich kann hier nicht näher auf die Aufsehen erregenden und zum Teil skandalösen Ereignisse der letzten Jahrzehnte eingehen: von der „Ganzheitstherapie“, mit der einst Joseph Issels seit den 1950er Jahren den Krebs als „systemische Krankheit“ heilen wollte, bis hin zur gegenwärtig grassierenden „Germanischen Neuen Medizin“ des Dirk Hamer, der mit seiner psycho-biologischen Doktrin meint, dass – so ist es auf seiner Homepage zu lesen – „an die 95% sämtlicher Krebspatienten geheilt werden [könnten], die dadurch ihr normales Alter erreichen würden, wenn …“ – ja, wenn die böse Schulmedizin nicht wäre.[48] Eine solche „alternative“ Krebsmedizin versteht sich heute zumeist nicht mehr als historisch begründeter Gegenentwurf zum naturwissenschaftlichen Menschenbild und Krankheitsverständnis, etwa im Sinne der klassischen Naturheilkunde im 19. Jahrhundert, sondern beansprucht für sich selbst naturwissenschaftliche Evidenz. Ihre Vertreter spielen sich vielfach als „Pioniere einer wissenschaftlichen Avantgarde“ auf.[49]

Es ist allgemein bekannt: Je schrecklicher die Krankheit, umso wunderbarer erscheint deren – tatsächliche oder vermeintliche – Heilung. Ich möchte abschließend auf das Verhältnis von Krebserkrankung und Heilungswunder bzw. Wunderheilung eingehen, die in der medizinischen Terminologie der „Spontanremission“ subsumiert werden. Wir sind hier mit dem vielleicht größten Rätsel in der klinischen Praxis konfrontiert: dem objektiv kaum fassbaren Placebo-Effekt. Ein Fallbeispiel soll dies verdeutlichen. 2003 wurde ich vom zuständigen Gremium eines römisch-katholischen Bistums gebeten, ein medizinhistorisches Gutachten über ein „Wunder“ zu erstellen, das einem 1919 verstorbenen frommen Ingenieur, Bankdirektor und Abgeordneten zugerechnet wurde. Zum Verständnis sei gesagt: In katholischer Tradition werden Zeichen und Wunder nach dem Tod eines solchen „Diener Gottes“ nicht auf dessen Person zurückgeführt, „sondern auf Gott, an den er seine Fürbitte richtet.“[50] Das Motiv war klar: Man wollte für den Betreffenden ein Seligsprechungsverfahren beim Papst erwirken, die Voraussetzung für die Heiligsprechung. Ohne anerkanntes Wunder aber gibt es keine Seligsprechung.

Im folgenden sei die betreffende Krankheits- und Heilungsgeschichte kurz skizziert. Im August 1933 wurde ein 62-jähriger Patient wegen äußerst starker Leibschmerzen stationär in einem Städtischen Krankenhaus aufgenommen. Die Röntgenkontrastaufnahme ergab die Verdachtsdiagnose „Magenkarzinom“, das als inoperabel eingestuft wurde, weswegen eine ins Auge gefasste Operation unterblieb. Der Patient wurde als hoffnungsloser Karzinompatient eingestuft und entsprechend behandelt. Er bekam zeitweilig außer einer Diät (Schleimsuppe, Milch, Zwieback) Injektionen („Ernährungsspritzen“) und Infusionen (Salzwasser mit Traubenzucker in die Beine“). Er erhielt im September und Oktober jeweils eine Serie 13 bzw. 9 Röntgenbestrahlungen, zu deren Beginn der behandelnde Arzt dem Sohn des Patienten mitteilte, dass der Krebs schon „kindkopfgroß“ sei. Es hieß: „Es gäbe keine Rettung Der Krebs würde weiter fressen. Wenn der Darm durchgefressen wäre, sei es vorbei.“[51] Mitte Oktober verschlechterte sich sein Zustand: Er konnte kaum Speisen zu sich nehmen und magerte stark ab. Es entwickelten sich eine Reihe von Geschwüren (Abszessen) im Unterbauch, aus denen Eiter und Blut austraten, jedoch keine Speisereste. Nach ärztlicher Auskunft handele es sich um dabei um einen „jauchenden Krebs“.  Ab 1. November wurden ihm wegen unerträglicher Schmerzen Morphiumpräparate injiziert („Pantoponspritzen“), am 4. November empfing er die Wegzehrung und Krankensalbung („hl. Ölung“).

Mitte November erzählte ihm der Hausgeistliche von dem verehrten 1919 verstorbenen Mann, der bereits in einem anderen Fall auf wunderbare Weise geholfen habe. Der Patient fasste Vertrauen zu diesem Verstorbenen und betete täglich morgens und abends zu ihm. Als er in der Woche vor Weihnachten an besonders schwerem Erbrechen und starkem Durchfall litt, kam es zur plötzlichen Besserung. Am 23. Dezember fühlte er sich besser, konnte aufstehen, bekam Appetit, das Erbrechen verschwand. Sein Körpergesicht nahm kontinuierlich wieder zu. Mitte Januar schloss sich auch das letzte Geschwür, der Patient war praktisch beschwerdefrei. Nachuntersuchungen (Röntgenaufnahmen, Analysen des Stuhls) ergaben, dass der Patient gesundheitlich wieder hergestellt war. Ein wichtiges Detail ist hier hinzuzufügen: Der Hausgeistliche hatte einen Tag vor der dramatischen Besserung ein Gebetsritual in der Gruppe, eine so genannte „Novene“, für den Patienten begonnen, bei der man sich an den verehrten Verstorbenen, den Diener Gottes, wandte. Die Heilung wurde nun als ein himmlisches Zeichen gedeutet und auf dessen wirksame Fürbitte zurückgeführt.

Sehr interessant ist nun das Verhalten der Ärzte. Während die plötzliche Heilung von Seiten des Patienten und des Geistlichen als Wunder (d. h. als Gebetsheilung) aufgefasst wurde, vollzogen die Ärzte gleichsam einen salto mortale in ihrer Diagnosestellung: Der zunächst absolut sicher diagnostizierte Magenkrebs wurde im Nachhinein zu einem perforierten Magengeschwür umgedeutet. Die völlig überraschende Wiederherstellung des Patienten schien nun zu beweisen, dass die ursprüngliche Diagnose eines unheilbaren Krebses falsch sein musste (die Heilung eines wie auch immer komplizierten Magengeschwürs mit „Perforationsperitonitis“ und Fistelbildung erschien im Gegensatz zu der eines Magenkrebses wenigstens  denkbar). Vor die Alternative gestellt, entweder das Eintreten eines für absolut unwahrscheinlich gehaltenen Ereignisses („Wunder“) anzuerkennen, oder aber ihre eigene Diagnose zu verwerfen, entschieden sich die Ärzte für letzteres.

Lassen wir zum Schluss einen Autor der so genannten Neuen Frankfurter Schule zu Wort kommen, der 2006 verstorben ist. Der an Darmkrebs erkrankte Robert Gernhardt setzte sich in seinen 2004 erschienen  „K-Gedichten“ (I Krankheit als Schangse / II. Krieg als Shwindle) auch mit seiner eigenen Krankheit auseinander. Eines dieser Gedichte sei hier wiedergegeben:

 

5. MAI. BEGINN DER CHEMO

 

Krebskrieger fängt sein Tagwerk an:

Auf denn: Chemie! Heut heißt es: Ran!

 

Krebskrieger weiß, daß unterliegt,

wer Krebs nur kriegt und nicht bekriegt.

 

Krebskrieger muß aufs Ganze gehen.

Er stellt die Frage: Wer packt wen?

 

Packt Mann den Krebs? Packt Krebs den Mann?

Krebskrieger fängt sein Kriegswerk an.[52]

 

Als Beispiel für die psychologische Methode Visualisierung bei der Krebsbekämpfung siehe das Bilderbuch für kindliche Patienten: „Der Chemo-Kasper“:

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=1&ved=0CCAQFjAA&url=http%3A%2F%2Fcms.onlinebase.nl%2Fuserfiles%2Fc1icccpo%2Ffile%2Fbook_medinfo_ChemoCasper_German.pdf&ei=wNXoU6_jPOmM7AaJhIG4DQ&usg=AFQjCNGAhqsAlgNGYdSxx4s2QBcvxtHV5g&bvm=bv.72676100,d.bGE

 

 

 

[1] Vgl. Galen, Ed. Kühn XI, S. 141; siehe auch Felix Georg Brunner: Pathologie und Therapie der Geschwülste in der antiken Medizin bei Celsus und Galen. Zürich 1977, S. 49.

[2] Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 5. Bd. Leipzig 1873, Sp. 2129 (Nachdruck = Bd. 11, Deutscher Taschenbuch Verlag 1984); die Quelle ist „Keisersbergs predigen über Brants narrenschiff“, dt. Ausgabe von Pauli 1520“ herausgegeben, hier S. 143 (siehe Quellenverzeichnis Deutsches Wörterbuch […]. 1. Bd. 1 (Nachdruck = Bd. 1, Deutscher Taschenbuch Verlag 1984), S. LXXIX.

[3] Susan Sonntag: Illness als metaphor, New York 1977.

[4] Deutsches Wörterbuch [siehe oben], ebd.

[5] Spätestens seitdem Rudolf Virchow den menschlichen Organismus als einen „Zellenstaat“ charakterisiert hatte, dienten die „entarteten Zellen“, welche die Krebsgeschwulst ausmachen, als Analogon zu sozial subversiven Individuen oder Gruppen.

[6] So der israelische Generalstabschef Moshe Ya´alon in einem Haaretz-Interview vom 30. August 2002 im Hinblick auf die ihm notwendig erscheinende Ausweisung von Palästinensern; vgl. „Freitag 13“ vom 21.3.2003; http://www.freitag.de/2003/13/03130701.php (Stand: 30.06.2008); mit ähnlicher Diktion warnte der Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) im Hinblick auf die Terroranschläge in Istanbul im November 2003: Die Tendenz, Terroranschläge gegen Menschen egal an welchem Ort zu verüben, breite sich „wie ein Krebsgeschwür“, siehe Berliner Zeitung vom 22. 11. 2003; http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2003/1122/berlin/0034/index.html (Stand: 30.06.2008).

[7] Vgl. Rudolph E. Siegel: Galen. On the Affected Parts. Translation from the Greek Text with Explenatory Notes. Basel; München; Paris; London; New York; Sydney 1976, S. 89-94.

[8] Hermann Boerhaave: Wichtige Abhandlung vom Krebs und Kranckheiten der Knochen aufs neue übersetzt und mit vielen Anmerckungen versehen. Frankfurt a. M. 1765, S. 19.

[9] Vgl. Jacob Wolff: Die Lehre von der Krebskrankheit von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart [1. Teil]. Jena 1907, S. 11.

[10] A. a. O., S. 58.

[11] Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexikon. 15. Bd. Halle; Leipzig 1737, Sp. 1812 f.

[12] Jacob Wolff: Die Lehre von der Krebskrankheit [siehe oben], S. 80; so vertrat John Hunter 1786 die Auffassung, dass die Lymphe aus dem Blut stamme und sich durch „lymph coagulating“ zur Krebsgeschwulst organisiere; vgl. a. a. O., S. 163.

[13] Ebd.

[14] Theophrast von Hohenheim gen. Paracelsus: Sämtliche Werke. 1. Abteilung: Medizinische, naturwissenschaftliche und philosophische Schriften. 14 Bde. Hg. von Karl Sudhoff. München, Berlin: 1929-1933, 6. Bd., S. 264.

[15] A. a. O., S. 265.

[16] Christian Knorr von Rosenroth : Aufgang der Artzney-Kunst. Bd. II, München 1971, S. 967/32

[17] Ebd.

[18] Aber auch in anthropologischer Hinsicht ist Krebs als Metapher brauchbar. Es sei an Herders Vers „gram ist der krebs der schönheit“ erinnert oder an Hagedorns Ausspruch „des aberglaubens krebs, der viele Lehrer (Professoren) plagt“, vgl. Deutsches Wörterbuch [siehe oben], Sp. 2129 f.

[19] So der Titel seiner größeren Abhandlung von 1839.

[20] Ein später philosophischer Reflex des traditionellen Vitalismus stellt der Begriff des élan vital bei Henri Bergson (1907) dar.

[21] Vgl. L. J. Rather, Patricia Rather, and John B. Frerichs: Johannes Müller and the Nineteenth-Century Originis of Tumor Cell Theory. Canton, MA (USA) 1986 [enthält eine englische Übersetzung der betreffenden Schrift von J. Müller].

[22] Johannes Müller : Untersuchungen über den feinern Bau der krebshaften Geschwülste [als Erste Abtheilung, der o. g. Schrift von 1838], S. 3.

[23] Ebd.

[24] In Abwandlung des Leitsatzes von William Harvey (1651): „ex ovo omnia“; vgl. Heinz Schott: Die Chronik der Medizin [siehe oben], S. 182.

[25] Virchow widmete diesem Thema dreißig Vorlesungen im Wintersemster 1862/63, die in mehreren Bänden veröffentlicht wurden: Rudolf Virchow: Die krankhaften Geschwülste. Dreissig Vorlesungen […]. Berlin 1863.

[26] Vgl. Peter Schneck: Das Deutsche Zentralkomitee zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit und seine Leistungen. In: 100 Years of Organized Cancer Research [siehe oben], S. 25 f.

[27] Vgl. Jacob Wolff [siehe oben], S. 327-409 und S. 519-710.

[28] Vgl. Wolfgang Eckart : Tumorvirologie – Leitlinien der Forschungsgeschichte. In: 100 Years of Organized Cancer Research [siehe oben], S. 101-106, hier: S. 101.

[29] A. a. O., S. 102.

[30] Vgl. Wolfgang Eckart : Tumorvirologie [siehe oben], S. 106.

[31] Vgl. Ulrike Strauch: Auf den Spuren der Zellbiologie. In: General-Anzeiger 19.20. Juli 2008, S. VII.

[32] Kürzlich wurde dem Virologe Harald zur Hausen für die Entdeckung der Humanen Papillomaviren als Erreger des Zerviskarzinoms der Nobelpreis für Medizin oder Physiologie 2008 zugesprochen.

[33] Hippokrates, Aphorismen 7, 87; vgl. Oevres complètes d’Hippocrate, Ed. Littré, T. 4. Paris 1844, S. 609.

[34] Zedler, 15. Bd., Sp. 1813.

[35] A. a. O., Sp. 1814.

[36] A. a. O., Sp. 1815.

[37] H. Wiklicky: 100 Jahre Magenresektion. In: Pathophysiologie und Pharmakotherapie des peptischen Geschwürs. Hg. von Harald Brunner. München; Wien; Balitmore 1982, S. 123.

[38] Vinzenz Czerny und Karl Heinrich Bauer: Zwei Heidelberger Krebsforscher. In: 100 Years of Organized Cancer Research [siehe oben], S. 31-36.

[39] Vgl. Pia Rastetter : Die Anfänge der Strahlentherapie des Uteruskarzinoms in Deutschland (1895-1920). In: 100 Years of organized cancer research  [siehe oben], S. 133.

[40] A. a. O., S. 134.

[41] Vgl. Klaus Zöphel: Frühe Formen und Ergebnisse der Krebsbehandlung mit radioaktiven Substanzen (1900-1914). In: 100 Years of organized cancer research  [siehe oben], 128.

[42] Zit. n. Wagner in: 100 Years of organized cancer research  [siehe oben], S. 32.

[43] Vgl. Burghard Weis: Von der Hochvolt- zur Megavolttherapie. Strahlentherapie und Großtechnologie in Deutschland und den USA, 1925-1955. In: 100 Years of organized cancer research  [siehe oben], S. 141.

[44] Heinz Schott: Die Chronik der Medizin [.siehe oben], S. 486.

[45] Ebd., S. 499.

[46] Zit n. Heinz Schott: Die Chronik der Medizin [siehe oben], S. 487.

[47] Ebd.

[48] Vgl. http://www.pilhar.com/Hamer/NeuMed/nm.htm (Stand: 2.07.2008).

[49] Uwe Heyll: Naturheilkunde und „alternative“ Krebstherapie im 20. Jahrhundert. In: 100 Years of Organized Cancer Research [siehe oben]. S. 124.

[50] Astrid Lueg: „Wunderheilung“ – „Heilungswunder“. Untersuchungen zum Verständnis- und Bedeutungswandel komplexer Begriffe aus medizinischer Sicht, dargestellt an Quellen und Beispielen der Neuzeit. Med. Diss. Bonn 1995, S. 81.

[51] So die Frau des Patienten laut Protokoll.

[52] Vgl. Die K-Gedichte 2004; I. Krankheit als Schangse. In: Robert Gernhardt: Gesammelte Gedichte 1954-2004. Frankfurt 2005, S.887.

 

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