Westliche Medizin im Dialog mit der chinesisch-koreanischen Medizin. Wo kann man von einander lernen, wo sind die beiden unvereinbar? (Vortrag 2011)

Vortrag auf dem Humboldt-Kolleg „West-Östlicher Dialog in Wissenschaft und Kultur – Grenzen überschreitende Kommunikation –  Herausforderungen und Chancen von Dialogen über zeitliche, räumliche, psychologische und fachliche Grenzen hinweg“ am 24. September 2011 in Seoul.

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) hat in den letzten Jahrzehnten einen großen Aufschwung in Europa und insbesondere in Deutschland genommen. Viele Krankenhäuser und insbesondere Rehabilitationskliniken haben inzwischen spezielle Abteilungen für die TCM eingerichtet, die als ergänzender Bestandteil des modernen medizinischen Behandlungsangebots begriffen wird. Die Akupunktur ist in der heutigen ärztlichen Praxis allgemein sehr verbreitet und wird beispielsweise in der Orthopädie zur Schmerzbekämpfung eingesetzt. Die Verfahren der TCM bilden ein zentrales Element der so genannten Alternativ- oder Komplementärmedizin und haben auf dem Gesundheitsmarkt erhebliche Bedeutung erlangt. Allerdings hat das, was uns heute in Deutschland und anderen westlichen Ländern begegnet, oft wenig mit der traditionellen Lehre und ihrer disziplinären Ausbildung zu tun. Viele Ärzte eignen sich bestimmte Techniken in Fortbildungskursen an, ohne tiefer in die Materie einzusteigen, geschweige denn die Originalquellen lesen und interpretieren zu können und in jahrelanger praktischer Ausbildung diese Techniken zu lernen. So verlangt zum Beispiel Zungen- oder Pulsdiagnostik ein intensives Studium mit ausgedehnten praktischen Übungen. Wo aber kann man dies in Deutschland lernen? Und wer studiert schon fünf oder sechs Jahre traditionelle Medizin in China oder Korea? Deshalb müssen gewisse Behandlungsangebote in Deutschland mit Skepsis betrachtet werden.

Es ist ein verbreiteter Irrtum, dass die asiatische Medizin allgemein – die altindische ebenso wie die Spielarten der traditionellen chinesischen Medizin – im Gegensatz zur westlichen Medizin Jahrtausende alt sei und der Westen, namentlich Europa, keine entsprechende Tradition aufweisen könne. Diese Legende ist gerade auch unter den Anhängern der asiatischen Medizin im Westen recht beliebt, gleichwohl falsch. Denn wenn wir Ägypten und Mesopotamien als geschichtlichen Ursprung der griechischen Kultur und insbesondere Medizin einbeziehen, dann reicht auch die Tradition der abendländischen Medizin etwa fünf Jahrtausende zurück. Und im Gegensatz zur asiatischen Medizin, deren Ursprünge sich wohl wegen der überwiegend mündlichen Überlieferung nicht an Schriftzeugnissen zurückverfolgen lassen, manifestieren sich die Wurzeln der abendländischen Medizin u. a. in den Hieroglyphen altägyptischer Papyri. Es ist müßig darüber zu streiten, welcher Kulturkreis älter ist. Eindeutig kann diese Frage nach wissenschaftlichen Kriterien meines Erachtens nicht beantwortet werden. Eines ist sicher: Auch die westliche Medizin hat eine uralte Tradition, weswegen ich plakativ von einer Traditionellen Westlichen Medizin (TWM) sprechen möchte. Allerdings, das ist der große Unterschied zur asiatischen Situation, wurde diese Tradition radikal im 19. Jahrhundert durch die wissenschaftlich-technische Revolution und den Siegeszug der Naturwissenschaften aus der Universitätsmedizin ausklammert und als obsolet und z. T. als „Okkultismus“ abgetan. (Folie)     

Die Ausgangsfrage im Thema meines Vortrags lautet: Wo kann man von einander lernen, wo sind westliche und ostasiatische Medizin unvereinbar? Dieser Frage möchte ich in fünf Schritten nachgehen. 

 

1. Die traditionelle westliche Humoralpathologie

Die abendländische Medizin, deren wesentliche Grundlage die Griechen in den vorchristlichen Jahrhunderten geschaffen haben, gründete sich mehr als zwei Jahrtausende lang auf die so genannte Humoralpathologie oder Qualitäten- bzw. Säftelehre. (Folie) Die vier Kardinalsäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim standen im Zentrum der Betrachtung. Sie wurden in Analogiereihen mit den Elementen (Luft, Feuer, Erde, Wasser), den Lebensaltern (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter und Greisenalter) sowie den Jahreszeiten (Frühling, Sommer, Herbst und Winter) in Beziehung gesetzt. Die entsprechenden Primärqualitäten waren trocken, heiß, feucht und kalt, so erschien das Blut trocken und heiß, die gelbe Galle heiß und feucht, die schwarze Galle trocken und kalt und der Schleim feucht und kalt. Davon leitete sich dann logisch die gegenläufige Behandlung nach dem Prinzip contraria contrariis (Gegensätzliches ist mit Gegensätzlichem zu behandeln) ab. So war beispielsweise eine schwarzgallige Krankheit (eine Melancholie) mit ihren Qualitäten trocken und kalt mit einem Heilmittel zu behandeln, das feucht und heiß war. Dieses Modell war in sich stringent und rational und bot eine plausible Erklärung für alle inneren Erkrankungen. Ein Ungleichgewicht der Säfte, eine Disharmonie, oder ein von einer giftigen Materie (materia peccans) verdorbener Saft führten zur Krankheit. Therapie bedeutete, das Gleichgewicht der Säfte durch ableitende oder reinigende Maßnahmen wieder herzustellen. Der Aderlass und das Purgieren (Abführen) waren hierfür klassische Methoden. (Folie) Klistieren und Schröpfen waren gerade bei den Badestuben höchst populär und spielen in der Naturheilkunde auch heute noch eine gewisse Rolle. (Folie)

Eine wichtige Idee dieser traditionellen westlichen Medizin war mit dem Begriff der Heilkraft der Natur (medicatrix naturae; griech. physis) verbunden, der in der hippokratischen Medizin von zentraler Bedeutung war. Primär würde die Natur heilen, sekundär erst der Arzt, der dann einzugreifen habe, wenn die Natur sich selbst nicht mehr heilen könne. Natura sanat, medicus curat, lautet der überlieferte Spruch in vereinfachter Form. Er ist in der naturwissenschaftlichen Medizin bzw. Biomedizin weithin vergessen worden, hat aber auch heute noch in der westlichen Naturheilkunde, denken wir z. B. an die Hydrotherapie in Form der Kneipp-Kur, von grundlegender Wichtigkeit.    

 

2. Die traditionelle naturphilosophisch-magische Medizin

Mit der soeben skizzierten humoralpathologischen Tradition und der mit ihr zusammenhängenden Lehre von der gesunden Lebensführung, die in der Medizingeschichte als „Diätetik“ bezeichnet wird, ist jedoch der Inhalt der Traditionellen Westlichen Medizin keineswegs erschöpft. Es gibt noch einen anderen wichtigen Strang, der von der neuplatonischen Naturphilosophie, der natürlichen Magie (magia naturalis), Alchemie und Astrologie der Renaissance und frühen Neuzeit ausgeht. Eine Leitfigur dieses Traditionsstranges war Paracelsus (Theophrastus Bombast von Hohenheim), der im 16. Jahrhundert die Humoralpathologie kritisierte und nicht die Säfte, sondern spezifische „Krankheitssamen“ als Krankheitsursachen annahm, die er mit alchemistisch hergestellten Arzneimitteln gezielt bekämpfen wollte. Das Menschen- und Weltbild der von Paracelsus beeinflussten alchemistisch orientierten Medizin wies einige Besonderheit auf, die für die asiatische Anschauung von Interesse sein dürften. Zunächst die Mikrokosmos-Makrokosmos-Lehre, wonach der Mensch als Mikrokosmos die Welt, Umwelt, widerspiegelt und seine Körperorgane mit ähnlichen Naturdingen korrespondieren und in ein Verhältnis der Sympathie- oder auch Antipathie mit den Naturdingen bis hin zu den Himmelskörpern treten. (2 Folien) Sodann wird durch die Alchemie die Vorstellung gepflegt, das die Natur eine Magierin sei, deren geheimnisvolles Wirken erforscht werden müsse, um es zum Wohle der Menschen nachzuahmen und zu vollenden. (Folie) Dies galt vor allem für die alchemistischen Arzneimittelzubereitung im Labor. Die Stoffverwandlung im Menschen sah man in Analogie zur Tätigkeit der Natur und der Stoffverwandlung im alchemistischen Labor und in der Küche. Man sah hier einen Lebensgeist (spiritus vitae; archeus) am Werk, der für Leben und Gesundheit des Organismus verantwortlich war. Dieser Lebensgeist konnte gestört, blockiert oder irritiert werden, etwa durch Imaginationen (imaginationes), Ein-Bildungen, die schwere Gesundheitsschäden oder Missbildungen hervorrufen konnten.

Der bedeutendste Paracelsist des 17. Jahrhunderts Johann Baptist van Helmont sprach von der idea morbosa, einer krankhaften Idee, einem animal phantasticum, als spezifische Krankheitsursache. Diese naturphilosophisch-magische Lehre ging allgemein von der Annahme aus, dass die geheimen, quasi geistigen Wirkkräfte der Naturdinge sich äußerlich kundtun, etwa durch die Farbe eines Steins oder die Form einer Wurzel oder eines Blattes. Man sprach hier von Signaturen: Die Natur, so glaubte man, würde die Dinge zeichnen, signieren, so dass wir beispielsweise beim Knabengüldenkraut von den hodenförmigen Wurzeln auf dessen Potenz und Fruchtbarkeit steigernde Wirkung schließen könnten. (Folie) Der Magnet, zunächst der Magneteisenstein und ab der Mitte des 18. Jahrhunderts der Stahlmagnet, spielte in diesem Kontext eine herausragende Rolle. Er wurde nicht nur als Behandlungsinstrument eingesetzt, um etwa Eisensplitter aus der Wunde zu ziehen oder die verrückte Gebärmutter wieder in ihre richtige Lage zu bringen, sondern diente vor allem als wichtigstes Symbol für die geheimen anziehenden, sympathetischen Kräfte der Natur. Diese wurden unter verschiedenen Namen konzeptualisiert: als Weltseele (anima mundi), als Äther oder als Fluidum, Allflut, wie sie Franz Anton Mesmer in seinem Heilkonzept des animalischen Magnetismus (Mesmerismus) bezeichnete. (2 Folien) Leitidee war die sympathetische Übertragung der Heilkraft der Natur in Form des Fluidums. Die Homöopathie, die Samuel Hahnemann um 1800 begründete, folgt insofern dieser traditionellen naturphilosophisch-magischen Medizin, als sie strikt dem Simile- oder Ähnlichkeitsprinzip folgt (similia similibus curantur), das für die magische Medizin fundamental war. Es muss hier noch ein wichtige Entwicklung angedeutet werden: Die magische anmutende Praxis des Mesmerismus gab den Anstoß für die ärztliche Hypnose und Suggestionstherapie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht zuletzt wurden hier selbsthypnotische, autosuggestive Techniken entwickelt, die in ihrer praktischen Wirkung, beispielsweise in Form des weltbekannten Autogenen Trainings, durchaus die Qualität östlicher Meditationstechniken haben kann. Dieser kurze Abriss soll genügen, um Ihnen klar zu machen, was alles neben vielem anderen unter den Begriff der Traditionellen Westlichen Medizin zu subsumieren wäre. 

 

3. Traditionelle westliche und chinesisch-koreanische Medizin: Parallelen?

Ich bin kein Kenner der TCM, geschweige denn der chinesisch-koreanischen Medizin. Ich gehe davon aus, dass auch diese – analog der Traditionellen Westlichen Medizin – ein Konglomerat verschiedener Ansätze darstellt, das im Laufe der Zeit immer wieder verändert und an neue Rahmenbedingungen adaptiert wurde. Der große Unterschied zwischen der Situation in Ostasien und der in Europa bzw. im Westen besteht darin, dass wie eingangs gesagt die westliche Medizin, soweit sie sich als akademische Wissenschaft verstand, im 19. Jahrhundert radikal mit ihrer eigenen Geschichte gebrochen hat, während in Ostasien zwar die westliche Medizin im Laufe des 20. Jahrhunderts vorherrschend wurde, die Asiaten, insbesondere die Chinesen, aber ihre eigene historische Tradition nie gänzlich verleugnet und als absolut überholt entwertet haben. Mit anderen Worten: Die eigene Tradition wurde in Asien nie gänzlich ausgeblendet. Allerdings möchte ich sogleich hinzufügen, dass die Traditionelle Westliche Medizin nur im Bereich der universitären Medizin so gut wie flächendeckend ignoriert wird, auf dem Gesundheitsmarkt insgesamt, aber auch in der universitär ausgebildeten Ärzteschaft leben traditionelle westliche Heilkonzepte insbesondere unter dem label Naturheilkunde unter den verschiedensten Modifikationen weiter, abgesehen von den bereits erwähnten Importen aus dem Fernen Osten.       

Es gibt durchaus Parallelen zwischen westlicher und östlicher Tradition. Im Übrigen ist bis heute nicht geklärt, inwieweit, etwa über die Seidenstraße, nicht doch bereits in der Antike ein Austausch zwischen China und Europa stattgefunden hat. Doch wie immer es sich damit verhalten mag: Gewisse analoge Denkmodelle und Grundannahmen fallen ins Auge. Die Vier-Säfte-Lehre mit ihren Analogien hat gewisse Ähnlichkeit mit den fünf Wandlungsphasen der TCM (Folie). Statt vier Säften haben wir hier fünf Elemente, fünf Organe, fünf Qualitäten. Das Qi, das auch im Japanischen und Koreanischen so ähnlich heißt, bedeutet Lebensenergie, Fluidum, Luft, Hauch, Äther und entspricht der westlichen traditionellen Vorstellung einer alles durchdringenden kosmischen Kraft, die sich im Menschen als „Lebensgeist“ äußert und die noch in der deutschen Romantik, etwa von dem schwäbischen Dichterarzt Justinus Kerner, als „Nervengeist“ (spiritus nervosus) bezeichnet wurde. Der Westen hat zwar keine Akupunktur als Technik des Nadelns erfunden, aber durchaus Methoden gekannt, wie das Fluidum im Körper neu geordnet, Blockaden aufgehoben und eine gesunde Harmonie wieder hergestellt werden sollte. Der Mesmerismus und insbesondere der Phrenomagnetismus um 1800 wäre hier ein schönes Beispiel. Schließlich sei noch die Phytotherapie erwähnt, die vor der Entwicklung der modernen Pharmazie im 19. Jahrhundert in Europa in hoher Blüte stand und wahrscheinlich nicht weniger ausgefeilt war, als die der TCM. Es gibt westliche naturheilkundliche Behandlungsmethoden, die zwar weniger verbreitet und randständig sind, aber doch an die Moxibustion erinnern, wie zum Beispiel der Baunscheidtismus, der Mitte des 19. Jahrhunderts von dem Bonner Mechaniker Karl Baunscheidt propagiert wurde. (Folie) Dabei wurden jedoch keine Moxa-Hütchen auf der Haut verbrannt, sondern mit einem so genannten „Nervenwecker“, einem Nadelinstrument, an bestimmten Stellen die Haut geritzt und gereizt.       

 

4. Naturwissenschaftliche Medizin versus traditionelle (vormoderne) Medizin

Was ist überhaupt westliche Medizin? Eine kurze Definition muss hier genügen. Es handelt sich um jene Medizin, die sich im 19. Jahrhundert auf rein naturwissenschaftlicher Grundlage – Physik, Chemie, Biologie – entwickelte und im Zeitalter von Nationalismus und Imperialismus zu einem tief greifenden Wandel von Wissenschaft und Gesellschaft beitrug. Zellularpathologie und Bakteriologie, Evolutionsbiologie (im Darwin’schen Sinn) und Eugenik („Rassenhygiene“) neben technologischen Innovationen etwa in der Bildgebung (Röntgen), Anästhesiologie und Chirurgie wären hier zu nennen. Es gab Ende des 20. Jahrhunderts durch die molekulare Genetik und die Informationstechnologie (insbesondere das Internet) einen ungeheuren Umbruch nicht nur in Forschung und Krankenversorgung, sondern auch im wissenschaftlichen Selbstverständnis der Medizin. Das Paradigma der molekularen Medizin wurde in der Biomedizin als Teil der so genannten Lebenswissenschaften (life sciences) vorherrschend. Dadurch wandelte sich das Menschenbild der Medizin durch zwei entscheidende Reduktionen: (1) Der Mensch erschien nunmehr als Phänotyp seines biologischen Genoms und (2) seine geistigen, seelischen und körperlichen Funktionen sollten von seinen Gehirnfunktionen abgeleitet werden, der Mensch, so heute die allgemeine Auffassung, sei ein Hirnwesen und durch die Hirnforschung zu ergründen. Die unbewusst naive Emblematik der Biomedizin verrät diese Reduktionen auf ihren Sinnbildern: Immer wieder werden die DNS-Doppelhelix und das Gehirnschema vorgeführt, wie Beispiele aus Bonn zeigen. (Folie) Aber auch die Leopoldina als Nationale Akademie der Wissenschaften wird demnächst eine Skulptur für ihr neues Gebäude in Halle erhalten, in der Gehirn und DNS-Doppelhelix künstlerische vereint sind. (Folie)  

Die globalisierte westliche Medizin funktioniert in Europa nach denselben Prinzipien und Methoden wie in Ostasien. Sie ist in wissenschaftstheoretischer Hinsicht im Kern ebenso inkompatibel mit den Konzepten der traditionellen asiatischen wie mit denen der traditionellen westlichen Medizin. Insofern haben wir es mit einer wissenschaftlich vorherrschenden, weltweit gleichgeschalteten Biomedizin zu tun, die mit vielen regional verankerten traditionellen Medizinkulturen konkurriert. Die Monokultur wird quasi durch Subkulturen durchsetzt. Letztere haben eines gemeinsam: Sie beschränken ihr Menschen- und Weltbild nicht auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse sondern thematisieren die Stellung des Menschen in Natur und Kosmos, verzichten auf eine strikte Trennung von Körper und Seele, gehen von einer Heilkraft der Natur im Menschen aus. Möglicherweise ist die Realität in Südkorea gar nicht so unterschiedlich zur Realität in Deutschland: Auf der einen Seite die westliche Medizin, die traditionellen Heilweisen mit Skepsis begegnet, auf der anderen Seite traditionelle Heilweisen, die von der Bevölkerung neben der westlichen Medizin nachgefragt wird. Die Methoden und Denkweisen der westlichen Medizin erscheinen unter dem Vorzeichen des wissenschaftlichen Fortschritts unvereinbar mit traditionellen Heilkonzepten, denen man unwissenschaftliches, ja irrationales Verhalten unterstellt. So geschieht es im Westen, ich gehe aber davon aus, dass es auch in Ostasien tendenziell in dieselbe Richtung geht.    

 

5. Ausblick

Global Health ist in gesundheitspolitischer Hinsicht ohne ein Zusammenwirken der westlichen Medizin in Form der heutigen Bio- und High-Tech-Medizin mit traditionellen Heilweisen welcher Provenienz auch immer, kaum denkbar. In außereuropäischen bzw. nicht-westlichen Weltregionen, etwa in Afrika, sind wir mit einem medizinischen Pluralismus konfrontiert, der sich als höchst komplex herausstellt. So mischen sich beispielsweise in Tansania Dämonenglaube und Ahnenkult mit naturmagischen Praktiken, Unani-Medizin (indische Version der griechisch-arabischen Medizin), altindischer Ayurveda und last but not least moderner Biomedizin. Diesen Pluralismus, der ein weltweites Phänomen darstellt, können wir nur vor dem Hintergrund der betreffenden Kultur- und Kolonialgeschichte verstehen.

Was können wir voneinander lernen? Die westliche Medizin kann von der ostasiatischen Medizin lernen, dass traditionelle Heilweisen ihren theoretischen Sinn und praktischen Nutzen haben können. Ich plädiere dafür, dass sie sich von der ostasiatischen Medizin anregen lässt, ihre eigene Tradition neu zu entdecken, ihre eigenen, in Bibliotheken vergrabenen Schätze zu heben und neu zu überdenken. Dies scheint mir wichtiger, als dem Modetrend zu folgen und die chinesische Medizin im Eilverfahren unters Volk zu bringen. Kein Eskapismus also in den Fernen Osten, sondern eine kritische Selbstreflexion im Hinblick auf die eigene vergessene Geschichte. Auf diesem Wege kann sich dann etwas sehr Spannendes ergeben: Dass nämlich westliche Ärzte, indem sie die Geschichte ihrer eigenen Medizin ernst nehmen, interessante Analogien und Parallelen zur asiatischen Medizin begreifen lernen. Dies hätte für eine gemeinsame west-östliche Forschung, die auch kulturelle, soziale und anthropologische Faktoren einbezieht, größte Bedeutung. Was mich immer wieder erstaunt ist die Tatsache, dass wir, indem wir auf die Methodologie der Evidenz-basierten Medizin fixiert sind, die Chance einer neuartigen transkulturellen Forschung verpassen und damit auch ein Stück weit die Möglichkeit, unsere Welt humaner zu gestalten.          


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