Rotes Kreuz — Schlacht von Solferino (DÄB 1)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik „Medizingeschichte(n)“, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 1)

Zitat: „In der Stille der Nacht hört man Stöhnen, erstickte Angst- und Schmerzensschreie, herzzerreißende Hil-ferufe. Wer könnte jemals die Todeskämpfe dieser schrecklichen Nacht beschreiben. Die Sonne des 25. Juni [1862] beleuchtet eines der schrecklichsten Schauspiele, das sich erdenken läßt. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt mit Leichen von Menschen und Pferden. In den Straßen, Gräben, Bächen, Gebüschen und Wiesen, über-all liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren Sinne des Wortes mit Leichen übersät. Die Fel-der sind verwüstet, Getreide und Mais sind nieder¬getreten, die Hecken zerstört, die Zäune niedergerissen, weithin trifft man überall auf Blutlachen. […] Die unglücklichen Verwundeten, die man tagsüber aufsammelt, sind bleich, fahl und verstört. Einige, und insbesondere diejenigen, die stark verstümmelt sind, sehen stier vor sich hin und scheinen nicht zu begrei¬fen, was man zu ihnen sagt. Sie blicken ihre Retter mit leeren Augen an, aber diese scheinbare Gefühllosigkeit hindert sie nicht, die Schmer¬zen ihrer Wunden zu empfinden. Andere sind unruhig, ihre Nerven sind völlig erschüttert. Sie zucken krampfhaft zusammen. Die, deren offene Wunden sich bereits entzün¬det haben, sind wie von Sinnen vor Schmerzen. Sie verlangen, daß man sie umbringt, sie winden sich mit verzerrten Gesichtern in den letzten Zü¬gen des Todeskampfes. An anderen Stellen liegen Unglückliche, die von Kugeln oder Granatsplittern getroffen und zu Boden gestreckt sind, denen aber darüber hinaus noch durch die Räder der Geschütze, die über sie hinwegfuhren, Arme und Beine zer¬malmt wurden […] Splitter aller Art, Kno-chenstücke, Fetzen von Kleidern, Schuhen, Ausrüstungsstücken, Erde, Bleiteilchen, alles reizt die Wunden der Leidenden, macht die Heilung komplizierter und verdop¬pelt die Qualen. Wer diesen Schau¬platz der Kämpfe […] durchwandert, trifft bei jedem Schritt und inmitten einer Verwirrung ohnegleichen, un¬aussprechliche Verzweif-lung und entsetzliches Elend.“

Henri Dunant: Die Barmherzigkeit auf dem Schlachtfelde. Eine Erinnerung an Solferino. Stutt¬gart 1864. (Franz. Originalausgabe: Un Souvenir de Solferino. Genf 1862).

Der schweizerische wohlhabende Philanthrop Henri Dunant (1828-1910) gab mit dieser erstmals 1862 erschienenen Schrift den entscheidenden Impuls zur „Genfer Konvention“ („Konvention zur Verbesserung des Loses der verwundeten Soldaten der Armeen im Felde“), womit das „Rote Kreuz” 1864 geschaffen wurde. Er erlebte seinerzeit als aktiver Helfer die verheerenden Folgen der Schlacht von Solferino (Oberitalien), bei der am 24. Juni 1859 Franzosen und Österreicher aufeinander trafen. 1901 erhielt Dunant den ersten Friedensnobelpreis.

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