Frauenemanzipation — Kritik am Korsett (DÄB 5)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 5)

Zitat: „Nichts ist charakteristischer für die Unnatur, welche unsere ganze Lebensführung und Anschauungswei-se beherrscht, welche unseren Frauen – Gott sei es geklagt – in Fleisch und Blut übergegangen ist, als das sklavi-sche Festhalten an einer Mode, welche der Gesundheitspflege und dem Schönheitssinn Hohn spricht (…). Zunächst ist es notwendig, vorauszuschicken, daß, wenn im Folgenden vom Corset [1] die Rede ist, keine Panzermaschine darunter verstanden werden soll, die nur unter angestrengter Mithilfe einer Kammerzofe oder eines Bettpfostens geschnürt werden kann [2], sondern das gewöhnliche, hausbackene Durchschnittscorset, von dem jede ‘vernünftige’ Bürgersfrau und jede ‘einfache’ Bürgertochter dem untersuchenden Arzt gegenüber mit Überzeugung behaupten wird: ‘Mein Corset ist gar nicht fest.’ Denn wir dürfen uns nicht etwa einbilden, daß dieses ‘harmlose’ Corset einige Zeit getragen werden kann, ohne dauernde und empfindliche Beeinträchtigung der Körpergestalt herbeizuführen. Dies wird hinlänglich durch die Tatsache bewiesen, daß unter 100 Frauen nur 10 annähernd normal gebaut sind. (…) Mit dem Corset ist überhaupt kein Pakt zu schließen.“

Quelle: Hope Bridges Adams: Das Frauenbuch. Ein ärztlicher Ratgeber für die Frau in Familie und bei Frauen¬krankheiten. 2 Bände. Stuttgart: Dietz 1896. Zitat nach Marita Krauss: „Die neue Zeit mit ihren Neuen Forderungen verlangt auch ein neues Geschlecht.“ Die Ärztin Dr. Hope Bridges Adams Lehmann und ihre Forderungen an die Frau des 20. Jahrhunderts. In: Medizin, Geschichte und Geschlecht. Körperhistorische Rekonstruktionen von Identitäten und Differenzen. Herausgeben von Frank Stahnisch und Florian Steger. Stuttgart: Steiner 2005, Seite 126 f.

Adams Lehmann (1855-1916) war gebürtige Engländerin und heiratete 1896 ihren zweiten Mann, den Arzt Carl Lehmann (1865-1915). Sie war die erste Frau, die in Deutschland 1880 ein medizinisches Staatsexamen ablegte, zwanzig Jahre vor der ersten offiziellen Zulassung einer Frau zum deutschen Staatsexamen, das ihr 1904 nachträglich mit der Approbation als Ärztin anerkannt wurde. Als engagierte Sozialistin, Pazifistin und Lebensreformerin strebte sie eine Befreiung der Frau unter Einbeziehung des Mannes an.

[1] Französische Schreibweise, von „corps“ = Körper.

[2] Anspielung auf das beliebte Korsett-Tragen im 18. und 19. Jahrhundert, insbesondere in gehobenen Gesellschaftskreisen. Eine solche Kritik am Korsett hat eine längere Vorgeschichte. Sie erhielt um 1900 vor allem durch die Naturheil- und Lebensreformbewegung Auftrieb.

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