Lungentuberkulose — Matthias Claudius (DÄB 6)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik „Medizingeschichte(n)“, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 6)

Ein Lied für Schwindsüchtige

Weh mir! Es sitzt mir in der Brust,
Und drückt und nagt mich sehr;
Mein Leben ist mir keine Lust
Und keine Freude mehr.

Ich bin mir selber nicht mehr gleich,
Bin recht ein Bild der Not,
Bin Haut und Knochen, blaß und bleich,
Und huste mich fast tot.

Die Luft, drein herrlich von Natur
Gott seinen Segen senkt,
Und daraus alle Kreatur
Mit Heil und Leben tränkt;

Die ist für mich nicht frei, nicht Heil.
Mein Atem geht schwer ein;
Ich muß um mein bescheiden Teil
Mich martern und kastein.

Und doch labts und erquickts mich nicht,
Macht`s mir nicht frischen Sinn;
Die Blume, die der Wurm zersticht,
Welkt jämmerlich dahin!

Auch Schlaf, der alle glücklich macht,
Will nicht mein Freund mehr sein,
Und lässet mich die ganze Nacht
Mit meiner Not allein.

Die Ärzte tun zwar ihre Pflicht,
Und pfuschern drum und dran;
Allein sie haben leider nicht
Das, was mir helfen kann.

Mein Hülf allein bleibt Sarg und Grab,
O sängen an der Tür
Sie schon, und senkten mich hinab!
Wie leicht und wohl wär’s mir!

O sängen doch an meiner Tür
Sie laut: ‚Ich habe meine Sach etc.‘
Und trügen mich, und folgten mir
In langer Reihe nach,

Rund um die Kirch ans Grab heran,
Und senkten mich hinein!
Ich läg und hätte Ruhe dann,
Und fühlte keine Pein.

Doch ich will leiden, bis Gott ruft,
Gern leiden bis ans Ziel.
Nur deinen Trost! und etwas Luft!
Du hast der Luft so viel.

Matthias Claudius (1740-1815), Journalist, Lyriker („Der Mond ist aufgegangen“), Übersetzer. Er nahm 1759 im Alter von 19 Jahren sein Theologiestudium in Jena auf. Er wurde als Student von einem Brustleiden geplagt, das mit Blutspeien einherging und vermutlich von einer Lungentuberkulose („Schwindsucht“) herrührte. Vermutlich verarbeitete er in seinem Gedicht auch die betreffenden eigenen Erfahrungen. Es trifft die Symptomatik der „weißen Pest“ recht gut, wie sie im 19. Jahrhundert (insbesondere in deren zweiten Hälfte) auch genannt wurde. Sie stellte damals die häufigste Todesursache dar. Ihr Erreger, der Tuberkelbazillus, wurde 1882 von Robert Koch entdeckt.

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