Medizin im Nationalsozialismus — Selektion in Auschwitz (DÄB 4)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 4)

Zitat: „[Draper:] Es wurde von der Eisenbahnrampe direkt in den Tod geführt, in die Gaskammern, in deren Sichtweite diese Selektionen stattfanden.
[Dr. Wirths]: Es wäre in der Kriegszeit nicht möglich gewesen, alle diese Menschen, die zu produktiver Arbeit nicht mehr in der Lage waren, in Auschwitz unterzubringen und zu ernähren. Nachdem die politische Entscheidung getroffen worden war, sämtliche Juden aus dem Reichsgebiet und aus den besetzten Ländern Europas zum Arbeitseinsatz in den Osten zu bringen, standen wir vor dem Problem: Was machen wir mit denen, die nicht oder nicht mehr arbeiten können? Zurückschicken ging nicht. Weiterschicken auch nicht. Wohin hätten wir sie schicken sollen? Bei uns behalten war unmöglich, dafür war das Lager trotz seiner Größe viel zu klein. Verhungern lassen wollten und konnten wir sie nicht. Gegen Erkrankungen, siehe die Flecktyphusepidemie [1], deretwegen ich nach Auschwitz komman¬diert wurde, hätten wir sie schützen müssen. Auch dafür fehlte es uns letztlich an wirksamen Hilfsmitteln. Also waren die Selektionen und die Tötung der Nichtarbeitsfähigen in den als Duschräumen getarnten Gaskammern zwar durchaus keine angenehme, aber eine unter den Kriegsbedingungen und unter den besonderen Umständen noch erträgliche Lösung.
[Draper:] Sie töteten also aus Mitleid?
[Dr. Wirths:] […] Der Krieg hat sein eigenes Gesetz. […] Als Truppenarzt [2] haben Sie zu entscheiden, welchem Verwundeten Sie helfen und welchen Sie sterben lassen. […] Dabei übernehmen Sie zwangsläufig Verantwortung für ethisch eigentlich Verurteilenswertes und werden in diesem Sinne schuldlos schuldig.“

Protokoll des Verhörs von Dr. Wirths durch den briti¬schen Colonel Draper, Mitte September 1945 (Ausschnitt). In: Konrad Beischl: Dr. med. Eduard Wirths und seine Tätigkeit als SS-Standortarzt im KL Ausch¬witz. Würzburg 2005, Seite 228 f.

Eduard Wirths (1909-1945) war verantwortlicher Organisator der Selektionen der jüdischen Häftlinge an der „Rampe“ von Auschwitz-Birkenau. Die Persönlichkeit von Wirths erscheint widersprüchlich und schillernd. So gibt es Augenzeugenberichte, die seinen ärztlichen Umgang mit kranken Gefangenen loben. Letztlich war er jedoch als SS-Arzt ein pflichtbewusster Voll¬strecker der nationalsozialistischen Vernichtungs¬maschinerie, dessen verbrecherisches Handeln sich einer eindeutigen Erklärung entzieht. Nach dem oben zitierten Verhör erhängte er sich in der betref¬fenden Nacht, wurde lebend gefunden und starb we¬nige Tage später am 20. September 1945.

[1] Wirths, der zuvor in den Konzentrationslagern Dach¬au und Neuengamme bei Hamburg ärztlich tätig war, wurde nach Auschwitz abkommandiert, um die dort grassierende Flecktyphusepidemie zu bekämp¬fen: Er veranlasste hygienische Maßnahmen (unter anderem Entlausungen, Wasserversorgung) und be¬wirkte eine Reduktion der Zahl der mit der Phenolspritze ermordeten („euthanasierten“) Kranken, um Krankmeldungen für eine effektivere Seuchen¬bekämpfung zu erleichtern.

[2] Dieser Vergleich der Selektionstätigkeit eines KZ-Arztes mit derjenigen eines Truppenarztes ist völlig deplaziert: Im ersteren Fall wurden für die Zwecke der Zwangsarbeit sogenannte „nicht verwendungsfähige“ Menschen aussortiert und in den Tod (Gaskammer) geschickt. Im letzteren Fall handelt es sich um die Problematik einer „Tria¬ge“, nämlich die ethisch schwierige Aufgabe, bei ei¬nem Massenanfall von Verletzten beziehungsweise Kranken darüber zu entscheiden, wie die knappen Ressourcen auf diese aufzuteilen sind.

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