Chirurgie — Handwerkliche Kunst (DÄB 7)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 7)

Zitat:

„Zunächst will ich drei Lehren vortragen, die allgemein bei allen Anwendungen der Chirurgie nötig sind, und jemand, dem diese fehlen, kann kein gutes Werk tun, im Gegenteil kann durch ihn dem Kranken Schaden entstehen, und dem Chirurgen [selbst] Schande. Der Chirurg muß geschickt, gewandt und reinlich sein beim Gebrauch der Hand, damit er dem Patienten keine Belästigungen bereite oder sonst sein Pflichten übertrete [1]. Er besitze auch ein gutes Sehvermögen, um in die Öffnungen eindringen zu können und jede Kleinigkeit zu sehen, die manchmal bei den Krankheiten auftritt. […]
Was die Krankheit betrifft, die behandelt werden muß, wende er Sorgfalt und Klugheit an, um sie gut ken¬nenzulernen und zu verstehen, denn es gibt keine Möglichkeit, irgendeine Krankheit zu heilen, wenn man sie nicht vorher kennt. […] Vielmehr prüfe er gewissenhaft die Stärke und Art der Krankheit, die Lage und den Ort, wo sie sich befindet, die Zeichen der in Mitleidenschaft gezogenen Glieder und die übrigen Dispositionen und Umstände, die Ursache und das Medium, durch welche die Krankheit gekommen ist, und ob sie neu oder alt ist. […] So kann er sich darüber ein Urteil bilden, ob die Krankheit zum Tode führt oder nicht, ob sie schwierig oder übe¬haupt nicht zu heilen sein wird […], ob er diese Behandlung annehmen soll oder nicht. [2] […]
Was die Heilmittel betrifft […], wisse, daß man unter dem Namen der Heilmittel nicht nur die Medikamente verstehen darf, sondern auch jedes Instrument und jedes Werkzeug, das man bei der Behandlung anwendet, und gleichermaßen die Lebensweise [3] und den Gebrauch des Klimas und der Unterkunft. […] Bezüglich der Medikamente füge ich hinzu, daß es zwei Arten gibt, nämlich gewöhnliche und gebräuchliche Medikamente und neuartige geheime. Was die neuen und geheimen betrifft, so verstehe ich darunter diejenigen, die durch die Destillationskunst gefunden wurden. [4]

Gabriele Ferrara: Nuova Selva di Cirurgia (1596) (Neue Beiträge zur Chirurgie). 3. Auflage. Venedig: Combi 1605. Deutsche Übersetzung nach Carlos Watzka: Vom Hospital zum Krankenhaus. Zum Umgang mit psychisch und somatisch Kranken im frühneuzeitlichen Europa. Köln; Weimar; Wien: Böhlau 2005, Seite 172.

Gabriele Ferrara (16. Jahrhundert), Chirurg in Mailand. Er war der erste Generalvikar des Ordens der Barmherzigen Brüder für Germanien.

[1] Manuelle Geschicklichkeit steht an erster Stelle, da die Operationen mangels zuverlässiger Anästhesie blitzschnell durchgeführt werden mussten.

[2] Ent-spricht dem Grundsatz der hippokratischen Ärzte, Unheilbare nicht zu behandeln.

[3] Im Sinne der klassischen Diätetik.

[4] Alchemisch hergestellte Arzneimittel im Sinne der (paracelsischen) latrochemie.

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