Hebammen — Amtseid (DÄB 9)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 9)

Zitat:

„Die Hebammen oder Bademütter, welche dann das Kind zurTauff tragen, sollen fromme gottsfürchtige ehrbare Frauen eines guten unbesprochenen Leumu(n)ths und sonst zu solchem Ampt geschickte Personen seyn, derwegen wo nach jedes Orts Erforderung eine oder zwo deren nöthig, mögen dieselbe in den Städten und auf dem Lande jedes Orts vom Magistrat mit Zuziehung des Pastoris nach Befindung genugsaurer Geschicklichkeit erwehlet und sollen sie zu treuer Wahrnehmung ihres Dienstes gewöhnlich beeidiget werden. […] Gleichwie auch hiemit billig verbotten wird alles gezech und Gesöffe so von den weibern, die der Gebährerin in ihrer Noth beywohnen […] also soll solches auch nicht weniger gemeynet seyn auf das Brandtwein, -Bier- und Wein-Gesöff [1] so wol der Gevatteren [2] ehe sie nach der kirche zur Tauff des kindes gehen als der weibsPersonen, welche das kind dahin geleiten.“

Lippische Kirchordnung 1684; Landesverordnungen 1 (1779); nach Barbara Linzbach: Von Wehemüttern und Geburtshelferinnen. Zur Geschichte der Hebammen in Lippe. In: Christine Loytved (Hrsg.): Von der Wehemutter zur Hebamme. Die Gründung von Hebammenschulen mit Blick auf ihren politischen Stellenwert und praktischen Nutzen. Osnabrück: Universitätsverlag Rasch, 2001 (Frauengesundheit; Band 1), Seite 109 f.

[1] In der frühen Neuzeit, insbesondere im 17. Jahrhundert, waren wüste Alkoholexzesse in der Gruppe weit verbreitet, woge-gen sich moralische Appelle richteten und eigene „Temperenzorden“ gegründet wurden. – In dieser Kirchenordnung wird erstmals auch eine Prüfung der Hebammen erwähnt. Ihre Wahl durch Prediger und Magistrat wurde jedoch nicht auf dem Land praktiziert, wo die Frauen selbst die Hebammen auswählten. Indem diese das geborene Kind auch zur Taufe tragen sollten, wird deutlich, wie hier noch Geburt und Taufe, leibliche und geistige Geburt, als Einheit verstanden wurden.

[2] Gevatter: vom Kirchenlateini-schen „compater“ = Taufpate.

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