Medizinische Pädagogik — Kaltes Waschen (DÄB 10)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 10)

Zitat:

„Die erste und wichtigste Regel ist: Man wasche alle Morgen das Kind vom Kopf bis zu den Füßen mit kaltem Wasser.
Es ist unglaublich, von welcher außerordentlichen Wirkung dieses einfache Mittel ist. Es erhält Reinlichkeit, härtet unvermerkt die Oberfläche ab [l] und macht sie unempfindlicher, stärkt das ganze Nervensystem [2], giebt feste Fasern, und legt den ersten Grund zu einer gesunden lebendigen Haut, deren Vernachlässigung eine Hauptquelle der Leiden unsrer Zeiten ist. Gewöhnlich lasse ich den Anfang schon in der dritten und vierten Woche machen, so daß man das bis dahin warme Waschwasser kühler, und immer kühler nimmt, bis man endlich zum ganz kalten kommt. Sehr bald gewöhnen sich die Kinder daran. Man glaube nicht, daß die geringste Gefahr dabei sey […].
Glücklich sind die Menschen, denen man diese Gewohnheit des täglichen allgemeinen kalten Waschens von Kindheit auf eigen und wirklich zum Bedürfnis gemacht hat! Sie besitzen darin eine der größten Schutzwehren gegen Gicht, Flüsse, Nervenschwäche, Katarrhe u.s.w., eines der stärksten Erhaltungsmittel der Gesundheit [3], und sie werdens gewiß denjenigen zeitlebens verdanken, die ihnen dieß heilsame Bedürfniß auferlegt haben.“

Christoph Wilhelm Hufeland: Guter Rath an Mütter über die wichtigsten Punkte der physischen Erzie¬hung der Kinder in den ersten Jahren. Berlin: Rottmann 1799, Seite 13 ff.

Christoph Wilhelm Hufeland (1762-1836) war zunächst in der väterlichen Praxis als Landarzt in Weimar, später dort auch als herzoglicher Leibarzt tätig; von 1793 bis 1801 lehrte er als Professor an der Universität Jena und wechselte anschließend an die Berliner Charité, wo er auch in sozialmedizini¬scher Hinsicht eine große Wirkung entfaltete. Er gab für die sich entwickelnde Naturheilkunde im 19. Jahrhundert wichtige Anstöße. Die zitierte Schrift stützt sich auf die Argumentation seines kurz zuvor erschienenen Werkes „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ (Jena 1796), das später unter dem Titel „Makrobi-otik“ berühmt werden sollte.

[1] Der Begriff der „Abhärtung“ sollte in der späte¬ren Hydrotherapie, insbesondere bei Sebastian Kneipp, eine zentrale Rolle spielen.

[2] Die Lehre von der Nervenschwäche (Neurasthenie) als genereller Krankheitsursache war bereits Ende des 18. Jahr¬hunderts sehr verbreitet.

[3] In der „Makrobiotik“ spricht Hufeland analog von „Verlängerungsmitteln des Lebens“.

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