Sozialmedizin — Kindersterblichkeit (DÄB 8)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 8)

Zitat:

„Die mittlere Lebensdauer des Menschen schwankt in unserer Zeit zwischen 35 und 40 Jahren. Von den Geborenen sterben etwa 1/10 im ersten Lebensmonate, bis zu einem Jahr 1/5, bis zu 5 Jahren 1/3. Die Gefahr zu sterben vermindert sich mit jedem Tag, von der Geburt an bis zum Ende des Kindesalters. Um das 14. Lebensjahr findet ein Stillstand, d.h. eine sehr geringe Mortalität, statt, und zugleich ein Wendepunkt, so dass von da an von Jahr zu Jahr die Sterblichkeit wieder steigt. […] Wenn man grosse Zahlen aus den gleichen Klimaten ver-gleicht, so wird man finden, dass die Kindersterblichkeit sich umgekehrt verhält wie das Maass des Wohlstands und der Bildung der Bevölkerung. Nach Casper [1] leben in Berlin von 1 000 neuge¬borenen Wohlhabenden nach 5 Jahren noch 943; von 1 000 Armen noch 655. […] Fabrikbevölkerungen haben grössere Sterblichkeit als ackerbauende. Für die meisten Orte gilt der Satz: je grösser die Geburtsziffer, um so grösser auch die Sterblichkeitsziffer. In kinderarmen Ehen wird mehr Sorgfalt auf die Einzelnen verwendet, und sie sind weniger gefährdet. […] Die Frage der Kindersterblichkeit lässt sich nicht isolirt in Angriff nehmen, sie hängt mit der Ausbildung einer wissenschaftlichen und wirksamen öffentlichen Gesundheitspflege, wie sie in unseren Tagen, vorzüg-lich angeregt durch Pettenkofer [2], von allen Seiten her erstrebt wird, zusammen. Hebung des Wohlstands und der Bildung der Bevölkerung, Verbesserung der Athmungsluft und des Trinkwassers in den Wohnorten, vorzüglich in grossen Städten, Befreiung des Untergrunds von Verunreinigung und Kothdurchtränkung, das sind die allgemeinen Bedingungen, die eine Verminderung der Kindersterblichkeit ermöglichen.“

Carl Gerhardt: Lehrbuch der Kinderkrankheiten (1861). 4.( verbesserte und vermehrte) Auflage. Tübingen: Laupp 1881, Seite 45 ff.

Carl Gerhardt (1833-1902) war ab 1861 Professor und Leiter der inneren Klinik in Jena, wechselte 1872 in gleicher Eigenschaft nach Würzburg, wo er auch die „Kinder-Abtheilung des K. Juliushospitals“ leitete; 1885 übernahm er die Leitung der zweiten inneren Klinik der Charité.

[1] Johann Ludwig Casper (1796-1864), ab 1839 Professor für gerichtliche Medizin in Berlin, war ein Pionier der „Staatsarzneikunde“ und der medizinischen Statistik.

[2] Max Pettenkofer (1818-1901), ein Begründer der modernen (Umwelt)Hygiene, leitete ab 1879 das neugegründete Hygiene-Institut der Universität München, das weltweit erste seiner Art.

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