Hygiene — „Wohlfahrtspflege“ (DÄB 11)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 11)

Zitat:

„Die große Bedeutung der naturwissenschaftlichen Hygiene für die Allgemeinheit mag nun gestreift werden. Seit 50 Jahren ist die Mortalität mehr und mehr im Rückgang. Die Blattern [1] sind ausgerottet, der Typhus aus den Großstädten vertrieben, geringere Mortalität bei Tuberkulose und das alles trotz Zunahme der Bevölkerung. Das Verständnis für ein gesundes Leben weitet sich aus. [2] Auch dem Nachlässigsten kommen die Vorteile der allgemeinen hygienischen Maßnahmen zu Gute. Man sollte aber nie vergessen, dass ein Fortschritt stets nur auf die Wissenschaft bezogen sein kann. [3] Sie hat die Aufgabe, die logische Durcharbeitung anzustreben. Die Praxis entscheidet über die Art und Weise der Ausführung und die angemessene Art der Durchführung. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse finden auch ihren Weg zu den Massen des Volkes, nicht zum geringen Teil durch die Tagespresse, durch populäre Darstellung.
Gesunde Lebensbedingungen erfordern auch die nötigen Aufwendungen. Hier hilft nun auch die Wohlfahrtspflege und die ausgezeichnete Arbeit von Vereinen und die Vorstellungen zur Lebensreform. [4] Aber auch an alten Aufgaben gibt es noch genug zu lösen: Schulspeisung, Fürsorge für die Schulentlassenen, Hebung der Hygiene in kleinen Orten und auf dem Lande, Hygieneunterricht in den Schulen.
Die erste nationale Ausstellung für Hygiene [5] wird zeigen, was für die Gesundheit bei allen Kulturen gearbeitet wird. Man darf aber jetzt schon sagen, Deutschland wir diesen Wettkampf mit Ruhm bestehen.“

Aus der Grundsatzrede von Max Rubner zum Thema „Staat und Hygiene“ im November 1910 auf einer Ausschusssitzung zur Vorbereitung der Dresdner Hygiene-Ausstellung von 1911. Zitiert nach Angelika Uhlmann: „Der Sport ist der praktische Arzt am Krankenlager des deutschen Volkes“. Wolfgang Kohlrausch (1888-1980) und die Geschichte der deutschen Sportmedizin. Frankfurt a. M.: Mabuse 2005, Seite 55.

Der Physiologe Max Rubner (1854-1932) war ab 1885 Professor für Hygiene in Marburg, wurde 1891 als Nachfolger von Robert Koch nach Berlin berufen, ab 1909 hatte er dort den Lehrstuhl für Physiologie inne. Er forschte und publizierte auf bakteriologischem, hygienischem und ernährungsphysiologischem Gebiet insbesondere auch im Hinblick auf die „Volksernährung“.

[1] Pocken, durch die Pockenschutzimpfung (Vakzination) im 19. Jahrhundert in Europa weitgehend zum Verschwinden gebracht.

[2] Im Gefolge der sehr populären Naturheil- und Lebensreformbewegung(en).

[3] Der naturwissenschaftliche Fortschrittsglaube war bis zum Ersten Weltkrieg ungebrochen.

[4] Lebensreform: Sammelbegriff für ideologisch sehr heterogene Ansätze zur Heranbildung de „neuen Menschen“.

[5] Die „Internationale Hygiene-Ausstellung Dresden“ fand von Mai bis Oktober 1911 statt. Sie wurde von dem „Odol“-Fabrikanten Karl August Lingner (1861-1916) initiiert und gab den entscheidenden Impuls für das 1930 eröffnete „Deutsche Hygiene-Museum“ in Dresden.

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