Traumatologie — Hirnerschütterung (DÄB 12)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 12)

Zitat:

„Von der Hirnerschütterung. Sie wirkt eben so schnell, als der Schuß; der Verwundete verliert sogleich seine Sprache, sein Bewußtseyn, der Puls und die Respiration ist nicht mehr wahrzunehmen, sein Gesicht ist blaß, seine Mienen sind verzogen und entstellt, wie die eines Todten.
Einige Feldwundärzte vergleichen die Hirnerschütterung mit der Apoplexie und behaupten, daß bei der einen, wie bei der andern das Gefäßsystem afficirt und angegriffen sey. Doch dieser Vergleich ist falsch und führt zu irrigen Ansichten. Das eigene der Erschütterung besteht nicht darin, daß das Gefäß- und Nervensystem durchaus müsse bewegt und erschüttert werden; sondern sie hemmt mit einemmale die Funktionen des Gehirns, deprimirt und schwächt es. […] Was die Behandlung der Hirnerschütterung betrifft, so scheint es mir am besten, sie als eine Asphyxie [1] zu behandeln: ich lege daher den Verwundeten ganz horizontal, besprenge sein Gesicht mit kaltem Wasser, halte ihm Weinessig oder flüchtigen Kali Liquor unter die Nase [2], wasche den Kopf mit Was-ser und Weinessig; verordne reizende Klystiere und öftere kleine Aderlässe [3], bis das Gehirn in seinen [normalen] Zustand zurückgekehrt ist.“

Pierre Dufouart: Theorie der Schußwunden und ihre Behandlung. Übersetzt und mit Anmerkungen verse¬hen von J. D. S. Kortum. Jena: Etzdorf 1806, Seite 282 f.

Pierre Dufouart (1737-1813), berühmter französischer Militärchirurg, Generalinspekteur der Pariser Hos¬pitäler und Chefchirurg der Pariser Truppen.

[1] Zustand der Ohnmacht bis hin zu Pulslosigkeit und Atemlähmung.

[2] Salmiakgeist.

[3] Allgemeine ableitende Maßnahmen im Sinne der Humoralpatholo¬gie, um sekundär das Gehirn anzuregen.

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