Naturheilkunde — Kneipp-Kur (DÄB 16)

Dieser Beitrag war ursprünglich zur Publikation im Deutschen Ärzteblatt (DÄB) vorgesehen, und zwar im Rahmen der von mir besorgten Rubrik “Medizingeschichte(n)”, die 2003 eingerichtet wurde:

http://www.aerzteblatt.de/archiv/39263/Medizingeschichte%28n%29-Heinz-Schott

Diese Rubrik wurde nach mehr als 180 Folgen durch die Redaktion eingestellt. 18 Beiträge, die nicht mehr publiziert werden konnten, erscheinen nun in diesem Blog (nummeriert, hier DÄB 16)

Zitat:

„Ein Studierender der höheren Schule sucht Hilfe für seine Leiden, die er mit folgenden Worten erzählt: „Ich bin auf der Hochschule in eine unglückliche Gesellschaft gerathen und habe durch Trunksucht und ein anderes Laster [1] meine Natur so zu Grunde gerichtet, daß ich zweifle, ob ich noch dem Siechthum entgehen kann. In der Nacht habe ich die schrecklichsten Traumbilder, worauf ich dann aufwache und am ganzen Körper zittere. Ich habe weder Lust noch Freude zum Studium, denn sobald ich studieren will, bekomme ich Kopfschmerzen zum schwindlig werden. Häufig habe ich Frostfieber; mein Unterleib ist hart aufgetrieben. Füße und Hände sind meistens kalt. Mein Magen ist ganz schlecht. Was ist zu thun, um dem Siechthum zu entkommen?“ [2]
1) Täglich wenigstens dreimal barfuß auf dem feuchten Boden gehen, jedes Mal 15 − 20 Minuten lang. (Zur Winterszeit müsste es in einer Waschküche auf nassen Steinen geschehn.) 2) Täglich zwei Obergüsse. 3) Jeden zweiten Tag ein zweifaches Tuch, in halb Wasser und Essig getaucht, auf den Unterleib binden 1 ½ Stunden lang, nach ¾ Stunden noch mal frisch eintauchen, wie es im Buch angegeben ist. 4) Täglich eine Messerspitze voll Kreidemehl [3] einnehmen und eine Tasse Thee von Johanniskraut, Fenchel und Wermuth in 3 Portionen, kalt oder warm. So 3 Wochen lang.
Zur Kost wurde gerathen Kraftsuppe und einfache Hausmannskost [4]. Verboten wurden geistige Getränke [5]. Nach 3 Wochen hat sich der ganze Zustand gebessert. Weitere Anwendungen zu Erlangung voller Gesundheit waren: In der Woche 3 Sitzbäder zur Kräftigung des Unterleibs [6] und 3 Halbbäder ½ -1Minute lang.
Das Gehen auf nassem Boden entzog die übermäßige Hitze, stärkte und leitete vom Kopfe ab. Die Obergüsse wirkten stärkend und belebend, der Thee verbesserte die Säfte und bewirkte bessere Verdauung, ebenso das Kreidemehl.“

Sebastian Kneipp: So sollt ihr leben! Winke und Rathschläge für Gesunde und Kranke […] 4. Auflage Kempten 1889, S. 332.

Der katholische Pfarrer Sebastian Kneipp (1821-1897) erreichte durch seine „Wasserkur“ in den 1880er-Jahren in Wörishofen den Höhepunkt seines Ruhmes. Er vertrat eine relativ undogmatische Naturheilkunde auf der Grundlage einer Hydrotherapie, die sich als durchaus kompatibel mit der Schulmedizin erwies.

[1] Gemeint ist die (männliche) Onanie, welche wegen des Verlustes der Samenflüssigkeit („Phlegma“) als gefährliche Krankheitsursache (Rückenmarksschädigung) angesehen wurde.

[2] Anspielung auf die „Gelehrtenkrankheit“, die bereits im 18. Jahrhundert auf die ungesunde sitzende Lebensweise mit krankhafter Stauung der Bauchorgane (Hypochondrie) zurückgeführt wurde.

[3] Kreidemehl sollte durch seinen Kalkgehalt den Knochenbau fördern.

[4] Kneipp vertrat keineswegs eine vegetarische Diät.

[5] Das heißt Branntwein (Schnapps) war verboten, Bier und Wein in Maßen waren erlaubt.

[6] Als Quelle der „hypochondrischen“ Übel.

Advertisements