Viktor von Weizsäckers Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“ im Wintersemester 1945/46 (2013)

Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17.04.2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Hier die Illustrationen (PPT als PDF) zum Manuskript.

Unkorrigiertes Redemanuskript © copyright by Heinz Schott, Bonn 2013

Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, Wintersemester 1945/46[1]

Im Nachlass findet sich auch Weizsäckers handschriftlich verfasstes Manuskript, um das es in meinem Vortrag gehen soll: 14 Vorlesungen unter dem Titel „Sigmund Freud’s Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, die er im Wintersemester 1945/46 zwischen dem 7. Dezember 1945 und dem 22. März 1946 hielt. (Folie 1) In der Tat handelt es sich hier um ein Hauptstück des Nachlasses, nicht nur in inhaltlicher Hinsicht wegen der kaum zu überschätzenden Bedeutung Freuds für Weizsäckers medizinische Anthropologie, sondern auch wegen des Zeitpunkts: Die Vorlesungen wurden unmittelbar nach dem Zusammenbruch des so genannten Dritten Reiches gehalten, am absoluten Nullpunkt, quasi vom ground zero der deutschen Geschichte. Ich habe mein Referat in drei Abschnitte unterteilt:

(1) Freud als Leitfigur für Weizsäckers psychosomatische Theoriebildung

Bevor wir auf die Vorlesungen von 1945/46 im Einzelnen zu sprechen kommen, sollten wir Weizsäckers Freud-Rezeption bis zu diesem Zeitpunkt ins Auge fassen. Am ausführlichsten hat Weizsäcker sein Verhältnis zu Freud in der 1954 erstmals erschienenen autobiographischen Schrift „Natur und Geist. Erinnerungen eines Arztes“ dargelegt, und zwar im fünften, umfangreichsten Kapitel mit der Überschrift: „Freud. Die Psychotherapeuten“.[2] Ich werde mich im Folgenden vor allem an diesem wichtigen Text orientieren.

Diese „Erinnerungen“ gehören sicherlich zu den aufschlussreichsten Zeugnissen der Weizsäckerschen Freud-Rezeption. Zunächst stellt Weizsäcker fest, dass er von der Psychiatrie nichts für ein psychosomatisches Verständnis der Krankheit gelernt habe. Vielmehr habe er mit „naturphilosophischen Bedenken gegen Mechanismus und Materialismus“ begonnen, sei dann mit kasuistischen Untersuchungen vorangekommen und schließlich bei „einer veränderten Vorstellung vom Wesen der Naturvorgänge im Menschen“ angelangt.[3] Er sei also kein Naturphilosoph geworden, insofern sei er unverdächtig, „ein in die Philosophie desertierter Arzt zu sein.“[4] Vielmehr sei er vom Internisten zum Nervenarzt geworden, der die „Neurosen-Psychologie auf die Krankheiten der Inneren Medizin“ anzuwenden versuchte. Ergebnis sei gewesen, dass er eine medizinische Anthropologie entworfen habe, die sich um drei Themen drehte: „die Neurosenfrage, die sogenannte Psychogenie organischer Krankheiten und die allgemeine Lehre vom kranken Menschen.“[5]

Der Erste Ärztliche Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden 1926 bedeutete für Weizsäcker eine wichtige Weichenstellung. Er verwarf sein erstes Redemanuskript und konzipierte „eine frei gesprochene Rede“ zum Thema „Psychotherapie und Klinik“. Die Hauptsache sei wohl gewesen, „daß ein klinischer Internist aus einer der angesehensten Kliniken sich so lebhaft für die psychotherapeutische Bewegung entschied, die nun einmal das Werk Freuds war.“[6] Demgegenüber sie bei ihm die Abneigung gegen die Statistik in der Medizin immer geblieben. Insbesondere verdross ihn, dass der Bonner Internist Paul Martini (dessen Nachlass sich übrigens im Medizinhistorischen Institut befindet und gegenwärtig in einem DFG-Projekt bearbeitet wird), „mit seinem Verlangen, Therapie durch Statistik zu prüfen, vielfach Gehör fand.“ Statistik als womöglich einzige Form der Kritik zweifelhafter Therapiemethoden „war doch bereits ein Anzeichen beginnender Öde im Denken und musste als Schrittmacherei der Zahlenbarbarei wirken. Wenn die Seele im Urteil fehlt, flüchtet man sich in das Rechnen.“[7] Er sei, so Weizsäcker einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige gewesen, der mit einer psychoanalytischen Position eine akademische Laufbahn durchgehalten habe.[8]

In einem mehrseitigen Einschub einer Skizze, die Weizsäcker am 27. September 1939, wenige Tage nach dem Tode Freuds verfasst hatte, schildert er mit eindrucksvollen Worten seine persönliche Begegnung mit Sigmund Freud in Wien im Jahre 1926, und zwar am „Allerseelentag“, was am Ende des Gesprächs mit Freud noch eine besondere Bedeutung haben sollte. Er skizziert voller Hochachtung und Bewunderung das Warte- sowie das Arbeits- und Sprechzimmer, das Mobiliar, die antiken Skulpturen („heidnische Kostbarkeiten“) (Folie 2 u. 3). Weizsäcker macht graphologische Anmerkungen zu Freuds Handschrift – die sich, wie man auf den ersten Blick sieht, grundsätzlich von seiner eigenen unterschied (Folie 4; Brief von Freud an Osher Pfister, Viktor von Weizsäcker (1950) in „Psyche“).[9] Vor allem preist er Freud als meisterhaften Schriftsteller, lobt seine Beobachtungsgabe und seinen psychologischen Scharfsinn („Was aber diese Leute Theorie der Psychoanalyse nannten, das war zum größten Teile Beobachtung!“[10]), um schließlich als Quintessenz seines Freud-Bildes hervorzuheben: „Ich erkannte: Freud war Kliniker geblieben.“[11]

Im Rückblick greift Weizsäcker insbesondere auf seine Schrift „Körpergeschehen und Neurose“ (1933) zurück, „die für meine gesamte weitere Forschung entscheidende, übrigens auch die nach Stil und Niveau vielleicht bestgelungene meiner Veröffentlichungen“.[12] Am Beispiel des Aufkommens einer Angina im Verlauf einer Neurosenbehandlung habe er eine „psychophysische Dynamik“ bemerkt, wodurch eine „Art von neuer Anthropologie“ entstanden sei. Diese sei über die Psychologie wesentlich hinausgegangen, „indem nämlich die Konstellation Umwelt samt Organismus wesentlich in den Begriff Mensch einbezogen wurde.“[13] Die Drucklegung der Studie „Körpergeschehen und Neurose“ in der von Freud herausgegebenen Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erfolgte während der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er hätte die Arbeit noch zurückziehen („unterdrücken“) können, um mögliche Benachteiligungen zu vermeiden, merkt Weizsäcker an, habe dann aber beschlossen, „den Dingen ihren Lauf zu lassen.“

(2) Weizsäckers Vorlesungen unter der Lupe – mit Leseproben

Im Wintersemester 1945/46 bot Weizsäcker drei Veranstaltungen an: die Vorlesung Physiologie II (Muskeln, Nerven, Gehirn, Sinnesorgane), das Physiologische Praktikum sowie die besagten Freud-Vorlesungen. Die entsprechende Teilnehmerliste samt Honorarabrechnung ist erhalten. (Folie 5) Am absoluten Nullpunkt der deutschen Geschichte, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hätte sich Weizsäcker sicher auf die Physiologie beschränken können, aber er wandte sich mit aller Kraft Sigmund Freud zu und tauchte gleichsam in sein Werk ein (was fast wie ein Reinigungsbad anmutet). (Folie 6) Die 14 Vorlesungen vollziehen die Freudsche Theoriebildung in historisch-systematischer Weise nach und markieren die Orte, von denen aus Weizsäcker seine eigene psychosomatische Lehre, seine medizinische Anthropologie ableitet.

Das Konvolut von mehr als ca. 170 beschriebenen Seiten ist in mehrerlei Hinsicht höchst bemerkenswert. Zunächst war ich überrascht, wie gut lesbar Weizsäckers Handschrift für mich war. Ich konnte sie problemlos fast wie einen gedruckten Text lesen, ja mehr noch, die Handschrift machte den Gedankengang für mich durchweg viel plausibler, als das eine gedruckte Fassung gekonnt hätte. Die strenge Gliederung, die detailgenauen Notizen, die Unterstreichungen und anderweitigen optischen Hervorhebungen, das graphische Herausstellen von Schlüsselbegriffen und Argumentationsmustern zeigten mir, dass Weizsäcker nicht nur das gesamte Werk von Sigmund Freud ins Auge gefasst, sondern dieses auch intensiv gelesen haben muss. Ich hatte den Eindruck, dass Weizsäcker für diese Vorlesungen noch einmal ausgiebig das Freud’sche Werk studiert hat, da er sonst dessen innere Kohärenz niemals in der vorliegenden Stringenz hätte darstellen können.

Zunächst sollten wir die Themen der 14 Vorlesungen ins Auge fassen, die aus meiner Sicht belegen, dass Weizsäcker wirklich den „ganzen Freud“ anvisiert hat (Folie 7) Weizsäcker vollzieht die historische Entwicklung des Freudschen Denkens nach, ohne dieses in eine chronologische Ordnung zu zwängen. Seine Akzente stimmen: Der Ausgang von der Hysterie und dem infantilen Sexualleben, der Schwerpunkt auf der Traumdeutung, die Umwandlung der Trieblehre mit Einführung des Todestriebes und der Ich-Psychologie und schließlich Freuds Auseinandersetzung mit Massenpsychologie und Religion. Es gibt in Weizsäckers Werk in der Tat viele Hinweise und Erläuterungen zu Freud, aber an keiner Stelle solche systematischen und vollständigen Ausführungen wie in diesen Vorlesungen. Vorab sei gesagt: Diese Vorlesungen enthüllen nichts Unbekanntes, zeigen uns keinen anderen Weizsäcker, fügen dem, was publiziert vorliegt, grundsätzlich nichts Neues hinzu. Insofern bieten diese Vorlesungen inhaltlich keine Sensationen. Aber sie belegen eindeutig und eindrucksvoll, wie ernst es Weizsäcker mit Freud – und nur mit Freud – war, mit welcher Hingabe er sich als Schüler eines großen Meisters verstand und wie akribisch er dessen Schriften in philosophischer Manier nachvollzog. Weizsäcker ist häufig ein nebulöser, spekulativer Schreib- und Denkstil vorgeworfen worden. Die Vorlesungen zeigen indes ein (relativ) präzises und zielgerichtetes Vorgehen, das sich durchweg an den Quellen orientiert und ihnen Achtung zollt.

In der ersten Vorlesung bemüht er sich um eine erste Charakterisierung Freuds, wie dieses Blatt belegt (Folie 8). Da ist zu lesen: „eigene Philos. Persönliche Dankbarkeit (Hinter dem gewöhnl. ein anderes Leben – „Ubw“ Befeiung)“. Im Zentrum stehe die Frage: „Wer war Sigm. Freud?“  Ich möchte im folgenden nicht das gesamte Manuskript „durchkauen“, was ermüdend wäre und den Rahmen sprengen würde, sondern Ihnen stattdessen einige charakteristische Kostproben vorstellen. Bereits in der ersten Vorlesung unterstreicht der den Gegensatz von Hypnotherapie und Psychoanalyse und hebt die Bedeutung der letzteren für die „allgemeine ärztliche Haltung“ hervor (aufdecken vs. zudecken ausgespart!; Folie 9). Interessant ist die Bemerkung, dass die Suggestion mit der internistischen Behandlung durchaus vereinbar sei, nicht aber mit der analytischen.

In der dritten Vorlesung kommt Weizsäcker auf den Ödipuskomplex zu sprechen (Folie 10), wobei er ausführlich auf Sophokles und die griechische Mythologie eingeht. Hier hat sich Weihsäcker wohl nicht primär an der „Traumdeutung“ orientiert, denn sonst wäre ihm sicher aufgefallen, dass es dort eigentlich um einen Hamletkomplex geht, nämlich dass Freud mit dem Ödipus die Hemmung des Hamlet erklären wollte, den Tod seines Vaters zu rächen. Weizsäcker bezieht sich jedoch ausführlich auf die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905), die ihn vielleicht wegen ihrer biologisch-evolutionären Sicht besonders beeindruckt haben. Wenig später kommt er in derselben Vorlesung auf die „Traumdeutung“ zu sprechen. Diese habe zwei Vorteile: Zum einen sei sie für „jedermann“[14] zugänglich, zum anderen sei sie von der Sexualtheorie fast unabhängig entwickelt. Offenbar schildert Weizsäcker auch „zwei Träume aus der Praxis“, d. h. Träume eigener Patienten, wobei ich hier nur auf den „umgekehrten Rialto“ eingehen möchte, zunächst die Notiz („Erniedrigung des Liebeslebens“, Folie 11) und dazu die Zeichnung (Folie 12). In der fünften Vorlesung kommt er noch einmal bei der Behandlung der Traumsymbolik auf diesen Rialto-Traum zurück, wo er das „durchs Wassergehen um Hinaufzukommen“ als Wiedergeburt interpretiert.[15]

Man dürfte nicht sagen, so Weizsäcker, dass „die Rassenzugehörigkeit Freuds seien Begabung für Traumdeutung ‚erkläre’ […] sondern, dass seine Traumdeutung ihr volles Gewicht erst bekommt, wenn wir dabei auch an den Umfang, den Ernst und die Abgrundtiefe der jüdischen Frage in der Geschichte denken“.[16] In einem kurzen Einschub, der als Fließtext geschrieben ist, beklagt Weizsäcker die Humanitätsvorstellungen von Weltverbesserern, wodurch schließlich das Normative übermächtig übers Reale und die Wissenschaft selbst überschätzt werde. So könne eine positive Wissenschaft „religiöser“ sein als eine Religionswissenschaft. Und Weizsäcker schließt diese Betrachtung mit dem lapidaren Satz ab: „Ein solcher Fall liegt bei der Psychoanalyse vor.“[17] Solche Seitenhiebe kommen zwar hin und wieder vor, aber sie stören keineswegs den anerkennenden Duktus seiner Freud-Rezeption und unterscheiden sich stark von der ätzenden Kritik eines Karl Jaspers.

In der 10. Vorlesung geht Weizsäcker auf „Das Ich und das Es“, das sogenannte Strukturmodell, ein. Bei seiner Darstellung des „Umbaus der Systeme“ (des psychischen Apparats und seiner Instanzen) können wir unmittelbar seine werkgetreue Vermittlung von Freuds Lehre nachvollziehen (Folie 13). Er verweist hier auf den Ausgang von der Reflexlehre und unterstreicht: „es kommt nicht auf den Ort, sondern die Macht an“.[18] Wir können uns gut vorstellen, wie Weizsäcker damals den psychischen Apparat, wie er in der „Traumdeutung“ erstmals entworfen wurde, an die Wandtafel zeichnete. Ein Vergleich zwischen Freuds Schema in der „Traumdeutung“ und Weizsäckers Nachzeichnung zeigt weitgehende Deckungsgleichheit (Folie 14). Dann geht Weizsäcker auf Freuds späteres Modell von „Ich und Es“ (sog. Strukturmodell) ein (Folie 15), wobei er vor allem auf Freuds Gleichnis vom „Pferd und Reiter“ abhebt (auch Weizsäcker spricht konstant vom „Pferd“ und nicht vom „Ross“). Nicht das Reflexschema steht jetzt im Vordergrund, sondern der „innere Kampf im Individuum“, der vom „Ich“ geführt wird. Weizsäckers Skizze ist wiederum fast deckungsgleich mit Freuds Originalzeichnung[19] (Folie 16).

Die vorletzte, 13. Vorlesung über  „Psychoanalyse und organische Krankheit“ ist deshalb besonders wichtig, da Weizsäcker hier aufzeigt, in welcher Richtung er über Freud hinausgehen will. (Folie 17) Er leitet die Vorlesung mit der Bemerkung ein, die Frage nach der Bedeutung der Psychoanalyse für die organische Medizin stoße mit der Frage nach deren Bedeutung für die Religion „geradezu“ zusammen. Unsere Sprache halte mit den Worten „heilen, Heilung, heilsam, Heil“ etwas zusammen, wovon man einerseits zur körperlichen Heilung, andererseits zur „Seelenheilung“ „hinübergleiten“ könne. Bei den Sachen der Religion und den Sachen der Krankheit beginne der „Ernst des Lebens“.

„Die Stellung Freuds zur Organkrankheit ist mit einem Wort genannt: gar keine besondere“. Er, Weizsäcker, müsse auf eigene Beobachtungen und Gedanken zurückgreifen, um „den Rahmen der Psychoanalyse Freuds zu überschreiten. Aber: ausgehend von der Psychoanalyse.“[20] Zunächst geht er von Freuds Theorie der Fehlleistungen aus (d. h. von der Schrift „Die Psychopathologie des Alltagslebens“) und erläutert sie an „einem Fall der eigenen Praxis“, bei dem ein junges Mädchen nach dem Fallenlassen einer Tasse an Armlähmung litt (Folie 18). Im Zentrum dieser Vorlesung steht jedoch das unterschiedliche Prozedere des Physiologen und des Psychologen, das er am „Gleichnis“ von einem Wanderer erläutert: Ersterer wolle vom Inneren des Hauses auf die Umgebung schließen, letzterer komme von außen und wolle auf dessen Inneres schließen (Folie 19). Dabei stelle sich heraus: Die eine Seite des Menschen ist zugänglich, die andere sei immer „die Verborgene“: „Man muss hineingehen, dann verliert man das Äussere aus dem Gesicht, oder herausgehen, dann verliert man das Innere aus dem Gesicht. Dieses Verhältnis nannte ich den Gestaltkreis.“[21]

Wie sah Weizsäckers Unterricht nach diesem Wintersemester 1945/46 aus? Offenbar hielt er keine weiteren großen Freud-Vorlesungen. Im darauf folgenden Sommersemester hielt er die „Klinischen Vorstellungen“ mit einem Begleitseminar ab (Folie 20) und im Sommersemester 1947 bot er „Klinische Vorstellungen (Medizinische Anthropologie)“ und ein „Seminar für Neurosenlehre“ („zusammen mit Mitscherlich“) (Folie 21), wobei das Honorar aufgeteilt wurde. Im Wintersemester 1947/48 ging wieder alles an Weizsäcker (Folie 22). Ab Wintersemester 1948/49 nannte Weizsäcker seine Vorlesung „Medizinische Anthropologie (klinische Vorstellungen)“ (Folie 22), wobei es in den nächsten Semestern bei dieser Bezeichnung blieb (Folie 23 u. 24). Das Begleitseminar wurde jedoch im Sommersemester 1950 erstmals als „Psychosomatische Medizin“ – anstelle von „Neurosenlehre“ – angekündigt.

(3) Schlussbemerkung: Nicolaus Sombarts Reminiszenz

In seiner nonchalanten Art hat sich der Schriftsteller Nicolaus Sombart in seinen „Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951“ unter dem Haupttitel „Rendez-vous mit dem Weltgeist“ an eine Weizsäcker’sche Lehrveranstaltung über Freud erinnert.[22] (Folie 24a) Er nahm es nicht so genau. So erklärte er Weizsäcker zu einem „Schüler von Georg Groddeck, dem Erfinder des ‚Es’“ und schrieb seinen Vornamen Viktor konstant mit „c“. Dennoch sind seine kurzen Anmerkungen interessant, da sie die einzigartige Atmosphäre der Weizsäcker’schen Veranstaltung verdeutlichen: eine Mischung aus Vorlesung, Seminar, Lektüre und offener Diskussion. (Zitate auf Folie 25 u. 26)

Handelte es sich um eine Begleitseminar zur Vorlesung? Oder um ein späteres Lektüre-Seminar? Die hier dargestellte Vorlesung selbst kann wohl kaum gemeint sein. Auf eine eigene Teilnehmerliste bin ich nicht gestoßen. Hier müssten die betreffenden Vorlesungsverzeichnisse untersucht werden.

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[1] Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17. April 2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach. [2] GS 1, S. 115-190. [3] GS 1, S. 116. [4] A. a. O., S. 117. [5] A. a. O., S. 118. [6] A. a. O., S. 124. [7] A. a. O., S. 125. [8] A. a. O., S. 128. [9] Vgl. hierzu den aufschlussreichen Artikel von Wolfgang Martynkewicz: Ludwig Klages und Sigmund Freud. Ein Seitenstück zur ‚Jung-Krise’, literaturkritik.de Nr. 1 2006. [10] GS 1, S. 141. [11] Ebd. [12] A. a. O., S. 156. [13] Ebd. [14] Auch im Manuskript (Blatt 31) mit Anführungszeichen. [15] Blatt 45. [16] Blatt 36. [17] Blatt 40. [18] Blatt 116. [19] S. Freud: GW 8, S. 252. [20] Freud-Vorlesung, Blatt 160. [21] A. a. O., hBlatt 170. [22] Nicolaus Sombart: Rendezvous mit dem Weltgeist. Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2000, S. 245-249.

 

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