Ansprache zur Erinnerung an Prof. Dr. phil. Dr.med. Rolf Wüllenweber (2017)

Diese Ansprache zur Erinnerung an den Bonner Neurochirugen Rolf Wüllenweber hielt ich am 11.09.2017 im Uniclub Bonn anlässlich der „Vernissage Sammlung Wüllenweber“, moderiert von Prof. Dr. Lothar Hönnighausen.

Zum wissenschaftlichen Werdegang von Rolf Wüllenweber

Er wurde er 15. August 1924 in Derschlag (heute Ortsteil von Gummersbach; Oberbergischer Kreis) geboren und starb am 12. März 2000 in Bonn.  

Ich habe kürzlich den Lebenslauf aus seiner philosophischen Dissertation von 1948 entdeckt und darf daraus zitieren:

„Nach Ablegen des Abiturs an der Oberschule für Jungen in Gummersbach am 26.3.1942 begann ich im Sommersemester 1943 mit dem Studium der Medizin an der Universität Berlin. Vom Wintersemester 1943/44 bis zum Wintersemester 1944/45 war ich an der Universität Prag immatrikuliert, wo ich mich neben dem Medizinstudium dem Studium der Psychologie und Philosophie widmete. Im Februar 1945 bestand ich das Physikum an der Universität Prag.

Im Sommersemester 1946 nahm ich das Studium an der Universität Bonn auf, wo ich neben dem Medizinstudium auch das Studium der Philosophie und Psychologie fortsetzte. […] Im Winter 1946/47 begann ich mit den Versuchen der vorliegenden Arbeit.“

1948 promovierte er im Alter von 24 Jahren im Fach Psychologie mit der Dissertation: Deutungen expressionistischer Bildkompositionen als psychologische Testmethode: Untersuchungen über die Stimmungslage Tuberkulosekranker.

Auf diese Schrift werde ich noch zurückkommen.

Anmerkung vom 30.12.2017:

Die Dissertation wurde von mir von einer Mikrofiche-Vorlage gescannt und kann in diesem Beitrag als PDF heruntergeladen werden.

Ab 1956 arbeitete er in der neu etablierten Neurochirurgischen Universitätsklinik unter Peter Röttgen, wo er sich nach seiner medizinischen Promotion 1963 habilitierte und dann als Oberarzt und schließlich Außerplanmäßiger Professor tätig war.  

1973 folgte er einem Ruf an die FU Berlin und kehrte schließlich als Nachfolger von Peter Röttgen 1978 nach Bonn zurück, wo er die Neurochirurgische Klinik bis zu seiner Emeritierung 1989 leitete.

Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der Hirndurchblutung und dem Hirnstoffwechsel sowie der chirurgischen Behandlung von Hirnanomalien wie etwa des Hydrocephalus. Zusammen mit den Epileptologen Heinz Penin und Christian E. Elger (1987 als Professor für Prächirurgische Epilepsiediagnostik berufen) begründete Wüllenweber Bonns Ruf in der neurochirurgischen Behandlung der Epilepsie. Er stand also am Anfang der wissenschaftsbasierten Epilepsiechirurgie in Bonn, die dann nach seiner Emeritierung von seinem Nachfolger Johannes Schramm ausgebaut wurde. Somit schuf er zusammen mit anderen die Voraussetzung für die herausragende Stellung, welche die heutige Neurowissenschaft in Bonn auch international genießt (Man denke an das Life and Brain Center sowie das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen/DZNE, zwei Forschungseinrichtungen mit stattlichen Gebäuden auf dem Venusberger Klinikumsgelände).

Zum medizinethischen Engagement von Rolf Wüllenweber

Rolf Wüllenweber setzte sich intensiv mit medizinethischen Fragestellungen in einer Zeit auseinander, wo die Medizinethik fachlich und administrativ noch nicht etablierte war und zum Pflichtkanon in Forschung, Lehre und Krankenversorgung gehörte. Er organisierte in den 1980er Jahren ein Ethik-Kolloquium, das über zehn Jahre lang im Nervenzentrum stattfand. Wie ich von meinem Vorgänger Nikolaus Mani weiß, hatten die betreffenden Veranstaltungen große Anziehungskraft und wurden sehr gut besucht. Hier wurden Fragen zum Anfang und Ende des Lebens, zur ärztlichen Schweigepflicht, zur Gentechnologie und nicht zuletzt auch das damals brisante AIDS-Problem öffentlich diskutiert.

Sein Interesse an geisteswissenschaftlichen Fragestellungen, die er auf sein Fachgebiet bezog, zeigte sich auch daran, dass er einen interdisziplinär arbeitenden Spezialisten in seiner Klinik förderte: nämlich Detlef Linke (1945-2005), der ab 1982 die Abteilung für Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation leitete. Linke war ein Grenzgänger zwischen Medizin und Philosophie und war ein kritischer Begleiter der aufblühenden Neurowissenschaften.

Exkurs zur phil. Dissertation von 1948: Zu Wüllenwebers Bildverständnis

Der Haupttitel dieser Dissertation lautet: „Deutungen expressionistischer Bildkompositionen als psychologische Textmethode“. Ich habe diese Arbeit kürzlich in der ULB Bonn aufgetrieben, sie liegt als Mikrofiche vor. Ich habe sie komplett gescannt. (Ich gebe die Dateien gerne an Interessenten weiter). Korreferent war der namhafte Philosoph und Psychologe Erich Rothacker (1888-1965), Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Bonn. Referent (Doktorvater) war der „Dozent Dr. med. et phil. C. Fervers“, der eine Privatklinik in Solingen-Ohligs betrieb und ab 1950 als apl. Professor an der Bonner Universität die Abteilung Medizinische Psychologie leitete.

Rolf Wüllenweber setzte sich also experimentalpsychologisch mit der Stimmungslage Tuberkulosekanker auseinander. Die Tuberkulose war nach dem Zweiten Weltkrieg „Volkskrankheit Nr. 1“ (die New York Times sprach sogar im April 1947 von „Europas Mörder Nr. 1“), wozu insbesondere Paul Martini engagiert Stellung bezogen hat. Es ist erstaunlich, wie er auf den wenigen Seiten der Einleitung ein weites Panorama der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ins Auge fasst.  Er erwähnt u. a. die Formdeutungsversuche von Leonardo da Vinci, die Klecksographien Justinus Kerners, den psychologischen Rorschach-Test. Er erinnert an alte Tuberkuloseärzte und zitiert ausgiebig den tuberkulosekranken Dichter Klabund. Er erwähnt auch Molière, Schiller, Christian Morgenstern, Novalis und Chopin.

Ihn interessiert vor allem die magische Wirkung des Bildes: „Die Malerei begegnet uns hier als Mittel der Welt und Seelenbeschwörung.“ (S. 6) Vor allem orientiert er sich an Albert Schweitzers „afrikanischen Geschichten“ (1938), wo das Erblicken des eigenen Spiegelbildes bei einem bestimmten Eingeborenenstamm den Tod verursachen kann. „Die magische Wirkung des Bildes ist so gross, dass die in diesem Falle eine Ohnmacht, in anderen Fällen, die Schweitzer beschreibt, den Tod – ebenfalls ohne jede organische Ursache – zur Folge hat.“ (ebd.) Er verweist darauf, „wie der magische Glaube von der Gewalt des Bildes noch heute in unserer Umgangssprache zum Vorschein kommt“. (S. 7) (Beispiel. „den Teufel an die Wand malen.“) Und er kommt sogar auf die indische Yogapraxis zu sprechen, wobei das Bild bei der Meditation nicht „durch seinen ästhetischen Gehalt, sondern durch seine magische Macht“ auf das innere Wesen des Menschen einwirke. (ebd.)      

Soweit ein kurzer Einblick in diese Dissertation. Als Medizinhistoriker, der sich mit dem Begriff der Magie beschäftigt hat, bin ich sehr angetan. [Übergabe der Kopie an Prof. Honnighausen]      

 Anekdotisches zum Schluss

Wüllenwebers Wohnzimmer in seinem Haus auf dem Venusberg ist in die Literatur eingegangen. Matthias Brand, der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers, berichtet in seinen Kindheitserinnerungen „Raumpatrouille“ (2016), wie er öfters – durch einen direkten Zugang im Zaun schlüpfend – das alte Ehepaar Lübke im Nachbarhaus besuchte, freundlich aufgenommen wurde und dort besten Kuchen zu essen bekam. Just dieses Haus übernahm später Rolf Wüllenweber.

Ich selbst habe Rolf Wüllenweber noch kurze Zeit nach meinem Dienstantritt in Bonn 1987 als Fakultätskollegen erlebt. Er war nach meinem Eindruck ein sensibler Gentleman. Unvergesslich ist mir mein Antrittsbesuch bei ihm als neuberufener Kollege. Er empfing mich sehr freundlich, ließ mich Platz nehmen, entkorkte formvollendet eine Flasche Sekt (wahrscheinlich war es Champagner) zur Feier des Tages und stieß mit mir auf meine Bonner Zukunft an. Diese Willkommenskultur war für mich eine freudige Überraschung und blieb in dieser Form einzigartig.  

 

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