Magia naturalis: Zur Naturforschung in der Frühzeit der Leopoldina (2018)

Diesen Vortrag hielt ich am 9.04.2018 im Rahmen der Frühjahrstagung des Leopoldina-Studienzentrums (9.-10. April 2018) in Halle (Saale) zum Thema „Strategien der Kommunikation von Naturwissen und Medizin. Zu Zeitschriften gelehrter Akademien in der frühen Neuzeit. Communicating natural knowledge and medicine. Early modern journals of learned academies.

Die dazugehörige PPT-Präsentation ist hier zu finden. Die Folien direkt zum Ansehen im Anschluss an den Text des Vortrags.

Vorab meine Begrüßung der Tagungsteilnehmer zu Beginn der Veranstaltung.

Herr Vizepräsident, lieber Herr Berg!

Liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren!

Zur Frühjahrstagung des Studienzentrums der Leopoldina möchte auch ich Sie alle herzlich willkommen heißen. Unsere Fragestellung betrifft eine besondere Form der internationalen Kommunikation von Gelehrten in der Frühen Neuzeit und in einem entsprechend international zusammengesetzten Kreis von Fachleuten spüren wir jenem geistigen Austausch nach. Sie kommen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Großbritannien und Italien, also aus Ländern, in denen vor mehr als 300 Jahren Wissenschaftsakademien gegründet wurden und Gestalt annahmen. Es ist auffallend, wie rasch seinerzeit Forschungsergebnisse ausgetauscht und wie ernsthaft Gemeinsamkeiten gesucht wurden – ungeachtet aller verkehrstechnischen und politischen Hindernisse.

Es gibt recht unterschiedliche Aspekte unseres Tagungsthemas, die zu beachten sind, wie sie auf dem Flyer angedeutet werden: Funktionen der Zeitschriften, Textformen und Illustrationen, die Rolle der Zeitschriften als Vermittler alter und neuer Konzepte, die Rolle ihrer Herausgeber und Leser, der Unternehmer, Gelehrten, Beobachter, Sammler, reisenden Akademiker. Wir werden hierzu heute und morgen einiges erfahren. Mein eigenes Interesse gilt vor allem der Ideengeschichte. Sie ermöglicht uns, den „Zeitgeist“ einer Epoche als alles durchringendes Agens näher kennenzulernen und uns von ihm ein Stück weit bewegen zu lassen. Nicht zuletzt der Naturbegriff, wie er in Medizin und Naturforschung üblich war, kann uns eine Denk- und Fühlwelt näher bringen, die uns weitgehend fremd geworden ist und heutigen Zeitgenossen bizarr, skurril oder irrational erscheinen mag. Was wir heute in getrennten Sphären verorten, etwa in den Bereich aufgeklärter Wissenschaft einerseits oder in den des irrationalen Okkultismus andererseits, bildete damals mehr oder weniger eine übergreifende Einheit: Mensch und Kosmos, Psychisches und Somatisches, Geistiges und Materielles, Wissen und Glauben, wissenschaftliche und religiöse Einstellung, Natur und Gott. Ich habe hierzu eine Arbeitshypothese: Wer sich intensiv mit der frühneuzeitlichen Wissenschafts- und Kulturgeschichte auseinandersetzt, gewinnt einen gewissen Abstand zu unserer gegenwärtigen Situation und kann manche ihrer ideologischen Verblendungen gleichsam von hinten betrachten, stellt manche unserer Gewissheiten in Frage, nicht zuletzt eine naive Fortschrittsgläubigkeit. Vor allem können wir bei den frühneuzeitlichen Akademien einen Drang zur wissenschaftlichen Aufklärung, zur Verbesserung der Lebensbedingungen, zur Rettung des Friedens durch ein vernünftiges Miteinander kennenlernen.

Ich danke allen, die diese Tagung ermöglicht haben: dem Leopoldina-Studienzentrum, ihrem Leiter Rainer Godel und seinem Team, meinem Mitstreiter Wolfgang Eckart, den ich seit etwa vierzig Jahre kenne, mit dem ich endlich in der Leopoldina Gelegenheit gefunden habe, inhaltlich zusammenzuarbeiten. Vor allem danke ich aber den Referentinnen und Referenten, die von nah und fern hier hergekommen sind. Ich wünsche uns eine anregende und lehrreiche Tagung und hoffe dass wir uns zusammen in der Leopoldina in Halle wohlfühlen.

 

Im Folgenden das Redemanuskript, die Fußnoten folgen ganz an Ende nach den Bildern.

Heinz Schott

Magia naturalis. Zur Naturforschung in der Frühzeit der Leopoldina1

Wenn wir die Naturforschung in der Frühzeit der Leopoldina ins Auge fassen, so sind wir nicht nur mit einer barocken Kulturlandschaft und ihrem ästhetischen Reiz konfrontiert. Der Dreißigjährige Krieg wirft seinen langen Schatten und immer wieder aufflammende Ausbrüche der Pest gehören zum alltäglichen Leben. Wer sich in die Bewusstseinslage der Zeitgenossen einfühlen will, sollte sich die Kirchenlieder aus jener Zeit anhören, die heute noch in Gesangbüchern enthalten sind, in denen von Not, Tod, Verzweiflung und Höllenpein die Rede ist. Es ist die Zeit des „lieben Augustin“, eines Wiener Bänkelsängers namens Marx oder Markus Augustin (1643-1685), auf den sich „alles ist hin“ reimt. In jener bedrohlichen Zeit erschien die Sphäre der Wissenschaft vor allem den Naturforschern als ein Ort der Hoffnung, endlich einen Weg aus dem materiellen, geistigen und religiösen Elend zu finden. Es lag für Gelehrte nahe, gerade aus diesem Grund miteinander zu kommunizieren. Diese Kommunikation entwickelte sich besonders intensiv an fürstlichen Residenzen. Das unübertroffene Vorbild hierfür war die Förderung von Kunst und Wissenschaft, insbesondere der Alchemie, durch Kaiser Rudolf II. in Prag um 1600. Die Naturforschung im 17. Jahrhundert propagierte nicht nur eine aufklärerische Sicht auf die Natur im Sinne der Renaissance, wollte nicht nur in der „Bibel der Natur“ lesen, wie der Titel des epochalen Werks von Jan Swammerdam lautete (Folie), der auch eine Studie zum Bau der Gebärmutter unter dem Haupttitel „Miraculum Naturae“ veröffentlichte (Folie). Man wollte zugleich für die gesamte Gesellschaft eine Emanzipation von materiellen und geistigen Zwängen erreichen. Am Beispiel der fiktiven Bruderschaft der „Rosenkreuzer“ am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, die von Paracelsus und der Alchemie inspiriert war, lässt sich verdeutlichen, wie stark die Sehnsucht nach einer – wir würden heute vielleicht sagen: wissenschaftsbasierten — „Generalreformation“ der Gesellschaft war, die ideologische Fixierungen doktrinärer Glaubensrichtungen aller Art überwinden wollte. (Folie) Diese äußerst kurz skizzierte Gemengelage ist zu berücksichtigen, wenn wir uns der Frühzeit der Leopoldina und der Motivation der damals tätigen Naturforscher zuwenden. Ich möchte unser Thema in fünf Schritten entfalten.

  1. Magia naturalis: Zur ideologischen Grundlage der Naturforschung

Was bedeutet magia naturalis? Im Deutschen sprechen wir von „natürlicher Magie“ oder „Magie der Natur“. Dieser Begriff wurde vor allem von dem Arzt und Naturforscher Giambattista Della Porta (1535-1615) geprägt, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in Neapel wirkte. Er hatte dort bereits 1560 die Academia Secretorum Naturae (die dann auf Anordnung des Papstes aufgelöst wurde) gegründet und später eine Accademia dei Segreti als ein Forum für Naturforscher betrieben. 1610 wurde er Mitglied der 1603 gegründeten Accademia dei Lincei. Sein Werk Magia naturalis sive de miraculis rerum naturalium erschien zuerst 1558 und erlebte in den folgenden 100 Jahren, also bis in die Zeit der Gründung der uns betreffenden Akademien, zahlreiche Auflagen bzw. Übersetzungen (Folie), so die englische Übersetzung Natural Magick in xx Bookes von 1652. Kein geringerer als Christian Knorr von Rosenroth hat dann das Werk unter dem Titel Magia Naturalis, oder Haus- Kunst- und Wunder-Buch (1680) ins Deutsche übersetzt.

Die Natur solte als Zauberin (Magierin, maga) begriffen werden. Es galt, ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen. Wohlgemerkt: Die Natur, lateinisch Natura, ist weiblich, und sie wird in der frühneuzeitlichen Emblematik durchweg als Frau, Mutter, Führerin oder Himmelskönigin (nach dem Vorbild der Isis) ins Bild gesetzt. Somit wird sie in die mythologische Ahnengalerie von Göttinnen eingereiht und weist Ähnlichkeiten mit der Gottesmutter Maria auf. Das gilt vor allem dort, wo die „Heilkraft der Natur“ (physis; vis medicatrix naturae) an die „Mutter der Barmherzigkeit“ (mater misericordiae) erinnert, die als Nothelferin der Kranken und Elenden angerufen wird. Solche Vorstellungen waren für die frühneuzeitliche Naturforschung prägend, wie die folgenden Abbildungen aus dem frühen 17. Jahrhundert belegen. Der alchemistische Arzt Michael Maier, ein Anhänger der Rosenkreuzer-Idee, stellte in seinem Emblem-Buch „Atalanta fugiens“ (1618) die Natur als weise, voranschreitende Göttin dar, deren Spuren der menschliche Naturforscher mit seinen Hilfsmitteln (Brille, Laterne und Stock) zu folgen hatte. (Folie) Kein Geringerer als Matthäus Merian war hier der Kupferstecher. Er schuf auch das Titelblatt des Musaeum Hermeticum (1625, in erweiterter Fassung 1678), wo nun Natura mehr der vielbrüstigen Isis (Multimammia) gleicht und sogar zwei Naturforscher zu sehen sind. (Folie) Etwa zur selben Zeit wie die Atalanta fugiens erschien das große Werk Utriusque cosmi […] Historia, (1617) des englischen Naturphilosophen und Arztes Robert Fludd. Darin befindet sich das Sinnbild Integrae Naturae speculum Artisque imago (Spiegel der gesamten Natur und Bild der Kunst). (Folie) Die Hierarchie ist klar: Eine Art Goldene Kette geht von der himmlischen Hand Gottes zur Natura zwischen Himmel und Erde, und von dieser zum irdischen Affen (simia naturae), Sinnbild des menschlichen Naturforschers.

Diese Vorstellung einer magisch wirkenden, schöpferischen Natur (die Philosophen sprechen von natura naturans) mit weiblichen Zügen, die Figur der Alma mater, lässt sich schon rund 100 Jahre vor Robert Fludd und Michael Maier ausmachen. Zu erwähnen ist hier die erstaunliche Schrift des Universalgelehrten Agrippa von Nettesheim Declamatio de nobilitate et praecellentia foeminei sexus („Von Adel und Vorrang des weiblichen Geschlechts“) (1529). Sie dokumentiert ein begeistertes und naturphilosophisch-religiös argumentierendes Frauenlob. In seinem dreibändigen Werk De occulta philosophia (1510) plädierte er für die „heilige Magie“, die sich auf Naturforschung gründet und nicht das Geschäft von „Teufelsbeschwörern“ betreibt. Agrippas Zeitgenosse Paracelsus hat sich ähnlich geäußert. Aus dem „Licht der Natur“ solle man verstehen, „das die natur […] an ir selbs ein maga ist“, während der in die Geheimnisse der Natur eingeweihte Mensch von ihm als Magier, als magus, bezeichnet wurde.2 In diesem Sinne meinte auch Johann Baptist van Helmont (in der Übersetzung von Knorr von Rosenroth): „die Natur ist überall Geister-hafftig (Maga) und würcket durch ihre Einbildung: Je geistlicher sie aber ist / je mächtiger ist sie auch“.3 Dieses Verhältnis von maga und magus, (weiblicher) Natur und (männlichem) Forscher, war ein Dreh- und Angelpunkt im Denken der frühneuzeitlichen Naturforschung, nicht nur in ihrer naturphilosophisch-alchemistischen Ausprägung.

  1. Wirkmechanismen der magia naturalis: Leitlinien der Naturforschung

Ich kann hier nicht auf die ideengeschichtlichen Wurzeln der magia naturalis eingehen, wie etwa Neuplatonismus, Gnosis, Kabbala oder Hermetismus. Vielmehr möchte ich nur einige Wirkmechanismen ins Auge fassen, die für ein Verständnis der frühneuzeitlichen Medizin und Naturforschung grundlegend waren. Da ist zunächst (1) das Mikrokosmos-Makrokosmos-Modell, wonach die kleine Welt (Mensch) der großen Welt (Kosmos) entspricht, wonach etwa die inneren Gestirne im menschlichen Organismus mit den Gestirnen am Himmel korrespondieren. Diese Analogievorstellung war vor allem bei Paracelsus zentral. Sodann (2) ist die Signaturenlehre von Bedeutung, wonach die Natur die von ihr erzeugten Dinge zeichnet, mit spezifischen Merkmalen versieht (Farbe, Form, Beschaffenheit etc.), wobei die äußeren Zeichen auf verborgene Kräfte, insbesondere Heilkräfte, verwiesen (Folie) oder im Falle der Physiognomie auf Charaktereigenschaften (Folie). Für die praktische Medizin war diese Signaturenlehre besonders wichtig, wenn es darum ging, heilkräftige Pflanzen, Steine oder auch tierische (einschließlich menschliche) Substanzen zu identifizieren. Das Beispiel des roten Blutsteins verweist uns (3) auf das Simile-Prinzip: Ähnliche Naturdinge würden miteinander in Wechselwirkung treten, was therapeutisch genutzt werden sollte, etwa die hodenförmigen Wurzeln von Orchideen gegen Unfruchtbarkeit und Impotenz. Psychologisch besonders interessant sind die beiden letzten Mechanismen der natürlichen Magie: zum einen (4) die Sympathie, die Fernwirkung, eine Art Telepathie, hervorrief, etwa den Liebeszauber durch die Augenstrahlen, zum anderen (5) die imaginatio, die Ein-Bildungskraft, die Macht eines Bildes, das verinnerlicht wurde und nicht zuletzt Krankheit oder Missbildung hervorrufen konnte, besonders eindrucksvoll an der Leibesfrucht von Schwangeren. So konnte angeblich der Anblick eines Hasen eine Hasenscharte beim Kind verursachen. Deshalb sollten Schwangere möglichst keine hässlichen Bilder betrachten oder mit missgestalteten Menschen konfrontiert werden. So genannte Monstrositäten hatten gegen Ende des 17. Jahrhunderts nichts von ihrer Faszination verloren. Allerdings erblickte man nun in ihnen weniger göttliche Vorzeichen bevorstehenden Unheils, als viel mehr eine „Spielerei der Natur“ (ludibrium naturae) (Folie).

  1. Exkurs: Lorenz Bausch und die natürliche Magie

Am Beispiel des Schweinfurter Stadtphysikus Johann Lorenz Bausch, Mitbegründer der Academia Naturae Curiosorum und ihr erster Präsident, möchte ich die Bedeutung der magia naturalis für die ersten Akademiemitglieder kurz aufzeigen. In seiner Schrift über das fossile Einhorn (De unicornu fossili […] Schediasma) schreibt er: „im Himmel gibt es einen Glanz von glitzernden Sternen gleichwie Blümchen, auf Erden gibt es die auserlesenste Ausstrahlung von seltensten Blumen gleichwie Sternen, und wie auf dem Lande Tiere gefunden werden, schwimmen welche im Wasser, und wieder andere sind im Erdinnern verborgen. Hierfür seien Fossilien, Achate, Jaspide, Chalcedonen […] ein Beispiel […]. Das ist das Werk der Baumeisterin Natur (Architectricis Naturae), […] unter deren Anleitung jener Steine bildende Geist für die vorgegebene Materie im Bauch der Erde (in matrice terrae) auf jene Weise tätig ist.“ (S. 205 f.) Solche explizit naturphilosophischen Ausführungen, in denen die Magie der Natur als solche dargestellt wird, sind bei Bausch relativ selten. Implizit aber ist sein Werk voll davon. Man beachte nur seine erste Akademieschrift „Über den Blutstein“ (De haematite), die mit der Schrift „Über den Adlerstein“ (De aetite) zusammengebunden ist und 1665 erschien. Auf 40 Seiten handelt er das gesamte Spektrum der „Kräfte und Fähigkeiten“ des Blutseins ab und kompiliert alle möglichen historischen Zeugnisse die ihm greifbar sind, von Dioskurides bis Paracelsus und Daniel Sennert, ohne deren Aussagen im Einzelnen zu bewerten. Es geht dabei nicht nur um die Blutstillung an verschiedenen Organen und Stellen des Körpers, sondern auch um die Heilung von Geschwüren, krankhaften Ausflüssen aller Art. Übrigens erwähnt er auch Hämatit als Zusatz zur magisch, d. h. in die Ferne wirkenden Waffensalbe, wobei er sich unter anderem auf Paracelsus und Oswald Croll beruft. So ist es nicht verwunderlich, dass wie Bausch berichtet, der Blutstein in Schweinfurter und Würzburger Apotheken das Lot (ca. 17 g) zu 3 Pfennig verkauft wurde.

1644, acht Jahre vor Gründung der Akademie, veröffentlichte Bausch im Auftrag des Schweinfurter Magistrats eine sogenannte „Apotheken Tax“, eine Gebührenordnung für die Apotheke. Er legte besonderen Wert auf die Zubereitung von Mineralien wie Blutstein, Adlerstein und Einhorn, die er erstmals in die „Tax“ aufnahm, wobei Adlerstein und Einhorn zu den teuersten Arzneimitteln gehörten (12 Schilling das Lot). Wir finden hier die ganze Bandbreite jener „Heilsamen Dreck-Apotheke“, die Christian Franz Paullini, Leopoldina-Mitglied ab 1675, in seinem gleichnamigen Buch von 1696 dargestellt hat. Um nur einige wenige von Bausch aufgelisteten Mittel zu nennen: Magnetstein, Schwarzer Nieswurz, Angelica-Balsam, ägyptische Mumie, Stein aus einer Ochsengalle, Menschenhirnschal (wichtiges Ingredienz der „Waffensalbe“), „echtes“ neben fossilem Einhorn, destillierter Urin und „Gänßkoth“.

  1. Signaturen: Die Zeichen der Natur wahrnehmen lernen

Im Unterschied zur Royal Society waren die Mitglieder frühen Leopoldina praktizierende Ärzte, weitverstreut in deutschen Landen und darüber hinaus, die durch ihre Korrespondenz und ab 1670 durch die Akademiezeitschrift, die Miscellanea, miteinander kommunizierten. Wie wir aus der Korrespondenz der Frühzeit wissen, begegneten sich die Repräsentanten der beiden Akademien mit Respekt und Kooperationsfreudigkeit. Die Philosophical Transactions berichteten bereits 1670 vom von dem gerade erschienenen ersten Band der Miscellanea. (Folie) Der wissenschaftliche Fokus der Academia Naturae Curiosorum war sowohl in den Monographien als auch in den Observationes auf die umfassende Untersuchung und Darstellung eines einzelnen Naturdings, etwa einer Pflanze oder eines Minerals, oder auch einer anatomischen bzw. pathologischen Gegebenheit am menschlichen Organismus gerichtet, wobei alle bisherigen Studien aus Vergangenheit und Gegenwart neben eigenen Beobachtungen und Erfahrungen berücksichtigt wurden. Deshalb spielt die Signaturenlehre eine besondere Rolle, und nicht die von Mathematik und Mechanik beleuchtete Magie der Natur, wie sie die eher experimentell-naturwissenschaftlich ausgerichtete Royal Society diskutierte. So wurde etwa die Mathematical Magick (1680) von John Wilkins, dem Gründungsmitglied und ersten Sekretär der Royal Society neben Henry Oldenburg, beachtet, der allerhand Zauberkunststücke der mechanischen Geometrie schilderte. (Folie)

Demgegenüber rückte, wie gesagt, in der Leopoldina die Naturbeobachtung (im Sinne der Observatio) und damit auch die Signaturenlehre in den Vordergrund. Schon im ersten Band der Miscellanea finden sich eine Reihe von Bezügen zur Signaturenlehre, etwa wenn Sachs von Lewenheimb in der 48. Observatio von monströsen anthropomorphen Rüben (rapa monstrosa anthropomorphica) berichtet. Die Abbildung zeigt eine “RADYS DER HEYDEN“, also eine Heidenwurzel, die angeblich 1628 in einem Garten gefunden wurde. (Folie). Klassisches Beispiel für die anthropomorphe Gestalt von Wurzeln ist die Mandragora (Alraune), der man seit der Antike magische Kräfte zuschrieb. (Folie)4 Sachs bezog sich in seiner Observatio auf mehrere namhafte Autoren der Epoche, darunter Oswald Croll, Giambattista Della Porta und Athanasius Kircher. Er argumentierte hier ausdrücklich als Naturphilosoph, indem er die Schöpferkraft der Natur per se unterstrich: “Niemals ist die Natur müßig [Nunquam Otiosa Natura], immer strebt sie nach Vervollkommnung, oft mit einem groben und oft mit einem kaum nachzuahmenden Pinsel, manchmal kunstfertig mit Meißel oder Töpferscheibe, indem sie versucht, die menschliche Gestalt nachzumachen, die vollkommenste Schöpfung, oder zumindest andere natürliche Dinge abzubilden.“5 Sachs kam zum Schluss, dass die “hermetischen Ärzte” (Physici Hermetici) befähigt seien, aus den von der Natur hervorgebrachten Signaturen die Heilkräfte der Pflanzen (vires herbarum) abzuleiten.6

Ich könnte hier eine Serie von Abbildungen zeigen, um die Bedeutung der Signaturenlehre zu demonstrieren. Ich möchte mich auf ein weiteres Beispiel beschränken. Es handelt sich um die Observatio I im zweiten Band der Miscellanea Curiosa von 1671. In dieser zeigt der Botaniker und Arzt Martin (Marcin) Bernhardi de Bernitz (Martin von Bernitz) (1625-1682)7, Wundarzt des Königs von Polen und Direktor des Botanischen Gartens in Warschau, auf frappierende Weise, wie die Wahrnehmung der Natur zugleich von einer Projektion innerer Bilder oder Symbole geformt wird. Es handelt sich um den „Kaiseradler im Tüpfelfarn“ (Aquila Imperialis. In Polypodio). (Folie) Schon der einleitende Satz ist bezeichnend: Den botanischen Naturforschern (Curiosis Botanicis) sei bekannt, „dass die Natur (Natura) unterschiedliche Spiegelbilder der Dinge ( varia Rerum simulachra) in den Wurzeln der Pflanzen zu zeichnen und abzubilden (pingere & effingere) pflegt.“ (S. 1) Er bezieht sich hier ausdrücklich auf seinen „einzigartigen Freund“ (Amicus meus singularis) Athanasius Kircher und verweist auf Beispiele in der Literatur, die zeigen sollen, wie solche Bilder in Pflanzen und Steinen geschaffen werden: nämlich „durch die subtilen baukünstlerischen Geister der Natur (Spiritibus subtilibus Naturae Architeconicis), deren sich die Natur selbst bedient, um alle natürlichen Dinge zu formen.“ Dann schildert von Bernitz genau, wie der betreffende Farn gefunden wurde: Als er im Sommer 1667 zusammen mit dem königlichen Gärtner im Wald spazieren ging, um sich zu erholen (recreationis causa) und Pflanzen zu sammeln, unweit von Warschau bei dem Anwesen des Kamaldulenser-Ordens, „haben wir den Farn gefunden, den der Gärtner mit den Wurzeln ausgrub.“ Da sprang ihm bei näherem Besehen der Reichsadler ins Auge – so schön und akkurat, dass er ihn gezeichnet und an Sachs geschickt habe. Die Observatio endet mit dem Satz: „Seht also, Exzellenz, dass der österreichische Reichsadler in gewisser Weise auch hier in Polen nistet (quod etiam AQVILA IMPERIALIS Austriaca modò etiam hîc in Polonia nidificet).“

  1. Magie in der medizinischen Praxis: Übertragung von Heilkraft

Die theoretische und praktische Bedeutung der magia naturalis für die Medizin lässt sich am Musterbeispiel der so genannten Waffensalbe ablesen, die von der ersten Hälfte des 16. bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vielfach und zum Teil höchst kontrovers von Naturforschern und Ärzten diskutiert wurde. Die Salbe wurde auf die blutige Waffe (etwa Schwert oder Messer) und nicht auf die Wunde geschmiert und sollte die Wunde durch feine Ausdünstungen (effluvia) heilen, die rückläufig von der gesalbten Waffe zur Wunde strömen würden, selbst wenn der Verwundete viele Meilen entfernt sei. Ein wesentlicher Bestandteil der Waffensalbe war, neben zig anderen Ingredienzien das Moos von einem menschlichen Schädel (usnea cranii humani), vielfach von dem eines Hingerichteten. Zwei Umstände sind bemerkenswert: (1) Diese Heilmethode wirkte tatsächlich, da man die Wunde reinhielt und in Ruhe ließ, und nicht mit eine solchen Salbe traktierte; und (2) der Heilprozess wurde als rein natürlicher Vorgang begriffen, ohne Beteiligung von Dämonen oder anderer „übernatürlicher“ Mächte.

Der bereits erwähnte Martin (Marcin) Bernhardi de Bernitz sandte eine sehr interessante Observatio an Sachs von Lewenheimb, der sie im zweiten Band der Miscellanea 1671 publizierte: Ruta muraria et muscus crustaceus in cranio humano (Mauerraute und verkrustetes Moos auf einem menschlichen Schädel).8 (Abb.) Hier sieht man den Schädel, der angeblich 1652 gefunden wurde, also im Gründungsjahr der Akademie. Man kann die Mauerraute auf der Seite der Kalotte vom Moos auf dem Schädeldach unterscheiden. Es ist bemerkenswert, dass der Autor nicht den Schädel oder die Pflanzen darauf genauer beschreibt. Vielmehr dient diese Abbildung eher zur Erinnerung an die große Menge von Literatur, die sich mit dem therapeutischen Effekt besonderer Pflanzen, die auf menschlichen Schädeln wachsen, befasst. So zählt Bernhardi alle ihm aus der Literatur bekannten Kräfte und Anwendungen der usnea cranii humani (Bartflechte des menschlichen Schädels) auf. Sie sei wirksam gegen Epilepsie und andere Krankheiten des Kopfs, gegen Nasenbluten, wobei er sich auf Hildanus, Paracelsus und andere Autoritäten bezieht. Am meisten interessiert ihn jedoch die Zubereitung eines Amuletts mit Usneae microcosmi, seu Musci cranii humani (Moos vom menschlichen Schädel). Ein solches Amulett würde gegen Blutungen aller Art wirken, einschließlich verstärkter Regelblutungen (bei der Frau), Hämorrhoiden (beim Mann) und Wunden. Selbstverständlich erwähnt Bernhardi die legendäre Waffensalbe (Unguentum Armarium), die auch von vielen anderen beschrieben und empfohlen worden sei, wie etwa Oswald Croll (1560-1609), Rudolph Goclenius d. J. (1572-1621) und – last but not least – Johan Baptist van Helmont (1580-1644). Die betreffende Observatio endet mit der Beschreibung einer praktischen Methode, die ihm ein Freund erzählt habe: Man könne das Moos innerhalb kurzer Zeit erhalten, indem man den Schädel mit Olivenöl einöle und ihn an einen abgeschiedenen Ort im Wald deponiere.

Schlussbetrachtung

Gerade die magia naturalis zeigt, dass eine evolutionäre Geschichtsauffassung mit ihrem Tunnelblick auf den wissenschaftlichen Fortschritt am wissenschaftshistorischen Tatbestand vorbeigeht: nämlich am komplexen Zusammenspiel von heterogenen Konzepten, die sich eben nicht fein säuberlich voneinander trennen und entweder der Wissenschaft oder dem Aberglauben, entweder der Empirie oder der Spekulation, entweder dem Okkultismus oder der Rationalität zuordnen lassen. Die Entstehungs- und Frühgeschichte der europäischen Wissenschaftsakademien belegt dies eindrucksvoll. Die einschlägige Literatur zur Wissenschaftsgeschichte tendiert jedoch immer noch dazu, die Frühzeit der Akademien um 1700 als Wende von der Magie zur (eigentlichen) Wissenschaft anzusehen. Man denke an die These von Lynn Thorndike in seinem monumentalen Werk A History of Magic and Experimental Sciences, wonach mit der Newton’schen Physik der unsinnige Ballast der Magie und Astrologie abgeworfen worden sei: „The whole pack of nonsense fell off the shoulder of experimental science, as it passed through the narrow wicket gate of the Newtonian physics” (vgl. Schott, 2014, 1. Bd., S. 19). Auch andere namhafte Autoren wie etwa Keith Thomas in seinem Werk Religion and the Decline of Magic haben versucht, einen klaren Wendepunkt von der Magie zur Wissenschaft auszumachen und beide Bereiche wie durch eine historische Wasserscheide zu trennen.

Die Fortschritte im wissenschaftlichen Erkennen und Handeln sind für uns zwar evident, wenn wir zum Beispiel van Helmonts Begriffe idea morbosa oder animal phantasticum (als Krankheitskeim) mit dem molekularbiologischen Wissen der heutigen Virologie vergleichen, aber ein gigantischer Irrtum wäre es, die Geschichte dahinter, die von Magie und auch Religion tingiert ist, für absolut überholt und für das eigene Geschäft irrelevant zu erklären. Es wäre Hybris, das eigene Denken und Handeln für absolut rational zu halten, frei von magischen und religiösen Momenten. Dieser Hybris erliegen nach meinem Eindruck heute viele Naturwissenschaftler, die von ihren ungeheuren bzw. ungeheuer erscheinenden technischen Fertigkeiten geblendet sind. Zum Schluss möchte ich Novalis zitieren, der wie kaum ein anderer Romantiker um 1800 die magia naturalis der frühen Neuzeit und das mit ihr verbundene Lebensgefühl noch einmal poetisch aufleben lässt und nicht zuletzt das erotische Verhältnis des Naturforschers zum Objekt seiner Neugierde darstellt. So heißt es im Bergmannslied aus dem „Heinrich von Ofterdingen“ (hier nur zwei Strophen):

Der ist der Herr der Erde,

Wer ihre Tiefen mißt,

Und jeglicher Beschwerde

In ihrem Schooß vergißt.

 

Er ist mit ihr verbündet,

und inniglich vertraut,

Und wird von ihr entzündet,

Als wär‘ sie seine Braut. (Novalis, Bd. 1, S. 294)

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Fußnoten

1 Vortrag auf der Frühjahrstagung des Leopoldina-Studienzentrums vom 9. bis 10. April 2018 in Halle (Saale) zum Thema „Strategien der Kommunikation von Naturwissen und Medizin. Zu Zeitschriften gelehrter Akademien in der frühen Neuzeit. Communicating natural knowledge and medicine. Early modern journals of learned academies.

2 Paracelsus, Ed. Sudhoff, Bd. 12, S. 132 bzw. 462.

3 J. B. van Helmont, 1683 [a], S. 1039 (158).

5 Ibid., p. 139. “Nunquam Otiosa Natura semper ad perfectionem tendens, etiam saepè rudi, saepè vix imitabili pnicillo, inderdum etiam artificioso scalpro & plastico torno, Hominis, perfectissimae creaturae, figuram imitari, aut ad minimum alias res naturales effingere conatur.”

6 Ibid., p. 144.

8 Observatio 53: Miscellanea curiosa, vol. 2 (1671), pp. 96-106.

 

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