Viktor von Weizsäckers Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“ im Wintersemester 1945/46 (2013)

Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17.04.2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Hier die Illustrationen (PPT als PDF) zum Manuskript.

Unkorrigiertes Redemanuskript © copyright by Heinz Schott, Bonn 2013

Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, Wintersemester 1945/46[1]

Im Nachlass findet sich auch Weizsäckers handschriftlich verfasstes Manuskript, um das es in meinem Vortrag gehen soll: 14 Vorlesungen unter dem Titel „Sigmund Freud’s Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, die er im Wintersemester 1945/46 zwischen dem 7. Dezember 1945 und dem 22. März 1946 hielt. (Folie 1) In der Tat handelt es sich hier um ein Hauptstück des Nachlasses, nicht nur in inhaltlicher Hinsicht wegen der kaum zu überschätzenden Bedeutung Freuds für Weizsäckers medizinische Anthropologie, sondern auch wegen des Zeitpunkts: Die Vorlesungen wurden unmittelbar nach dem Zusammenbruch des so genannten Dritten Reiches gehalten, am absoluten Nullpunkt, quasi vom ground zero der deutschen Geschichte. Ich habe mein Referat in drei Abschnitte unterteilt:

(1) Freud als Leitfigur für Weizsäckers psychosomatische Theoriebildung

Bevor wir auf die Vorlesungen von 1945/46 im Einzelnen zu sprechen kommen, sollten wir Weizsäckers Freud-Rezeption bis zu diesem Zeitpunkt ins Auge fassen. Am ausführlichsten hat Weizsäcker sein Verhältnis zu Freud in der 1954 erstmals erschienenen autobiographischen Schrift „Natur und Geist. Erinnerungen eines Arztes“ dargelegt, und zwar im fünften, umfangreichsten Kapitel mit der Überschrift: „Freud. Die Psychotherapeuten“.[2] Ich werde mich im Folgenden vor allem an diesem wichtigen Text orientieren.

Diese „Erinnerungen“ gehören sicherlich zu den aufschlussreichsten Zeugnissen der Weizsäckerschen Freud-Rezeption. Zunächst stellt Weizsäcker fest, dass er von der Psychiatrie nichts für ein psychosomatisches Verständnis der Krankheit gelernt habe. Vielmehr habe er mit „naturphilosophischen Bedenken gegen Mechanismus und Materialismus“ begonnen, sei dann mit kasuistischen Untersuchungen vorangekommen und schließlich bei „einer veränderten Vorstellung vom Wesen der Naturvorgänge im Menschen“ angelangt.[3] Er sei also kein Naturphilosoph geworden, insofern sei er unverdächtig, „ein in die Philosophie desertierter Arzt zu sein.“[4] Vielmehr sei er vom Internisten zum Nervenarzt geworden, der die „Neurosen-Psychologie auf die Krankheiten der Inneren Medizin“ anzuwenden versuchte. Ergebnis sei gewesen, dass er eine medizinische Anthropologie entworfen habe, die sich um drei Themen drehte: „die Neurosenfrage, die sogenannte Psychogenie organischer Krankheiten und die allgemeine Lehre vom kranken Menschen.“[5]

Der Erste Ärztliche Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden 1926 bedeutete für Weizsäcker eine wichtige Weichenstellung. Er verwarf sein erstes Redemanuskript und konzipierte „eine frei gesprochene Rede“ zum Thema „Psychotherapie und Klinik“. Die Hauptsache sei wohl gewesen, „daß ein klinischer Internist aus einer der angesehensten Kliniken sich so lebhaft für die psychotherapeutische Bewegung entschied, die nun einmal das Werk Freuds war.“[6] Demgegenüber sie bei ihm die Abneigung gegen die Statistik in der Medizin immer geblieben. Insbesondere verdross ihn, dass der Bonner Internist Paul Martini (dessen Nachlass sich übrigens im Medizinhistorischen Institut befindet und gegenwärtig in einem DFG-Projekt bearbeitet wird), „mit seinem Verlangen, Therapie durch Statistik zu prüfen, vielfach Gehör fand.“ Statistik als womöglich einzige Form der Kritik zweifelhafter Therapiemethoden „war doch bereits ein Anzeichen beginnender Öde im Denken und musste als Schrittmacherei der Zahlenbarbarei wirken. Wenn die Seele im Urteil fehlt, flüchtet man sich in das Rechnen.“[7] Er sei, so Weizsäcker einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige gewesen, der mit einer psychoanalytischen Position eine akademische Laufbahn durchgehalten habe.[8]

In einem mehrseitigen Einschub einer Skizze, die Weizsäcker am 27. September 1939, wenige Tage nach dem Tode Freuds verfasst hatte, schildert er mit eindrucksvollen Worten seine persönliche Begegnung mit Sigmund Freud in Wien im Jahre 1926, und zwar am „Allerseelentag“, was am Ende des Gesprächs mit Freud noch eine besondere Bedeutung haben sollte. Er skizziert voller Hochachtung und Bewunderung das Warte- sowie das Arbeits- und Sprechzimmer, das Mobiliar, die antiken Skulpturen („heidnische Kostbarkeiten“) (Folie 2 u. 3). Weizsäcker macht graphologische Anmerkungen zu Freuds Handschrift – die sich, wie man auf den ersten Blick sieht, grundsätzlich von seiner eigenen unterschied (Folie 4; Brief von Freud an Osher Pfister, Viktor von Weizsäcker (1950) in „Psyche“).[9] Vor allem preist er Freud als meisterhaften Schriftsteller, lobt seine Beobachtungsgabe und seinen psychologischen Scharfsinn („Was aber diese Leute Theorie der Psychoanalyse nannten, das war zum größten Teile Beobachtung!“[10]), um schließlich als Quintessenz seines Freud-Bildes hervorzuheben: „Ich erkannte: Freud war Kliniker geblieben.“[11]

Im Rückblick greift Weizsäcker insbesondere auf seine Schrift „Körpergeschehen und Neurose“ (1933) zurück, „die für meine gesamte weitere Forschung entscheidende, übrigens auch die nach Stil und Niveau vielleicht bestgelungene meiner Veröffentlichungen“.[12] Am Beispiel des Aufkommens einer Angina im Verlauf einer Neurosenbehandlung habe er eine „psychophysische Dynamik“ bemerkt, wodurch eine „Art von neuer Anthropologie“ entstanden sei. Diese sei über die Psychologie wesentlich hinausgegangen, „indem nämlich die Konstellation Umwelt samt Organismus wesentlich in den Begriff Mensch einbezogen wurde.“[13] Die Drucklegung der Studie „Körpergeschehen und Neurose“ in der von Freud herausgegebenen Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erfolgte während der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er hätte die Arbeit noch zurückziehen („unterdrücken“) können, um mögliche Benachteiligungen zu vermeiden, merkt Weizsäcker an, habe dann aber beschlossen, „den Dingen ihren Lauf zu lassen.“

(2) Weizsäckers Vorlesungen unter der Lupe – mit Leseproben

Im Wintersemester 1945/46 bot Weizsäcker drei Veranstaltungen an: die Vorlesung Physiologie II (Muskeln, Nerven, Gehirn, Sinnesorgane), das Physiologische Praktikum sowie die besagten Freud-Vorlesungen. Die entsprechende Teilnehmerliste samt Honorarabrechnung ist erhalten. (Folie 5) Am absoluten Nullpunkt der deutschen Geschichte, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hätte sich Weizsäcker sicher auf die Physiologie beschränken können, aber er wandte sich mit aller Kraft Sigmund Freud zu und tauchte gleichsam in sein Werk ein (was fast wie ein Reinigungsbad anmutet). (Folie 6) Die 14 Vorlesungen vollziehen die Freudsche Theoriebildung in historisch-systematischer Weise nach und markieren die Orte, von denen aus Weizsäcker seine eigene psychosomatische Lehre, seine medizinische Anthropologie ableitet.

Das Konvolut von mehr als ca. 170 beschriebenen Seiten ist in mehrerlei Hinsicht höchst bemerkenswert. Zunächst war ich überrascht, wie gut lesbar Weizsäckers Handschrift für mich war. Ich konnte sie problemlos fast wie einen gedruckten Text lesen, ja mehr noch, die Handschrift machte den Gedankengang für mich durchweg viel plausibler, als das eine gedruckte Fassung gekonnt hätte. Die strenge Gliederung, die detailgenauen Notizen, die Unterstreichungen und anderweitigen optischen Hervorhebungen, das graphische Herausstellen von Schlüsselbegriffen und Argumentationsmustern zeigten mir, dass Weizsäcker nicht nur das gesamte Werk von Sigmund Freud ins Auge gefasst, sondern dieses auch intensiv gelesen haben muss. Ich hatte den Eindruck, dass Weizsäcker für diese Vorlesungen noch einmal ausgiebig das Freud’sche Werk studiert hat, da er sonst dessen innere Kohärenz niemals in der vorliegenden Stringenz hätte darstellen können.

Zunächst sollten wir die Themen der 14 Vorlesungen ins Auge fassen, die aus meiner Sicht belegen, dass Weizsäcker wirklich den „ganzen Freud“ anvisiert hat (Folie 7) Weizsäcker vollzieht die historische Entwicklung des Freudschen Denkens nach, ohne dieses in eine chronologische Ordnung zu zwängen. Seine Akzente stimmen: Der Ausgang von der Hysterie und dem infantilen Sexualleben, der Schwerpunkt auf der Traumdeutung, die Umwandlung der Trieblehre mit Einführung des Todestriebes und der Ich-Psychologie und schließlich Freuds Auseinandersetzung mit Massenpsychologie und Religion. Es gibt in Weizsäckers Werk in der Tat viele Hinweise und Erläuterungen zu Freud, aber an keiner Stelle solche systematischen und vollständigen Ausführungen wie in diesen Vorlesungen. Vorab sei gesagt: Diese Vorlesungen enthüllen nichts Unbekanntes, zeigen uns keinen anderen Weizsäcker, fügen dem, was publiziert vorliegt, grundsätzlich nichts Neues hinzu. Insofern bieten diese Vorlesungen inhaltlich keine Sensationen. Aber sie belegen eindeutig und eindrucksvoll, wie ernst es Weizsäcker mit Freud – und nur mit Freud – war, mit welcher Hingabe er sich als Schüler eines großen Meisters verstand und wie akribisch er dessen Schriften in philosophischer Manier nachvollzog. Weizsäcker ist häufig ein nebulöser, spekulativer Schreib- und Denkstil vorgeworfen worden. Die Vorlesungen zeigen indes ein (relativ) präzises und zielgerichtetes Vorgehen, das sich durchweg an den Quellen orientiert und ihnen Achtung zollt.

In der ersten Vorlesung bemüht er sich um eine erste Charakterisierung Freuds, wie dieses Blatt belegt (Folie 8). Da ist zu lesen: „eigene Philos. Persönliche Dankbarkeit (Hinter dem gewöhnl. ein anderes Leben – „Ubw“ Befeiung)“. Im Zentrum stehe die Frage: „Wer war Sigm. Freud?“  Ich möchte im folgenden nicht das gesamte Manuskript „durchkauen“, was ermüdend wäre und den Rahmen sprengen würde, sondern Ihnen stattdessen einige charakteristische Kostproben vorstellen. Bereits in der ersten Vorlesung unterstreicht der den Gegensatz von Hypnotherapie und Psychoanalyse und hebt die Bedeutung der letzteren für die „allgemeine ärztliche Haltung“ hervor (aufdecken vs. zudecken ausgespart!; Folie 9). Interessant ist die Bemerkung, dass die Suggestion mit der internistischen Behandlung durchaus vereinbar sei, nicht aber mit der analytischen.

In der dritten Vorlesung kommt Weizsäcker auf den Ödipuskomplex zu sprechen (Folie 10), wobei er ausführlich auf Sophokles und die griechische Mythologie eingeht. Hier hat sich Weihsäcker wohl nicht primär an der „Traumdeutung“ orientiert, denn sonst wäre ihm sicher aufgefallen, dass es dort eigentlich um einen Hamletkomplex geht, nämlich dass Freud mit dem Ödipus die Hemmung des Hamlet erklären wollte, den Tod seines Vaters zu rächen. Weizsäcker bezieht sich jedoch ausführlich auf die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905), die ihn vielleicht wegen ihrer biologisch-evolutionären Sicht besonders beeindruckt haben. Wenig später kommt er in derselben Vorlesung auf die „Traumdeutung“ zu sprechen. Diese habe zwei Vorteile: Zum einen sei sie für „jedermann“[14] zugänglich, zum anderen sei sie von der Sexualtheorie fast unabhängig entwickelt. Offenbar schildert Weizsäcker auch „zwei Träume aus der Praxis“, d. h. Träume eigener Patienten, wobei ich hier nur auf den „umgekehrten Rialto“ eingehen möchte, zunächst die Notiz („Erniedrigung des Liebeslebens“, Folie 11) und dazu die Zeichnung (Folie 12). In der fünften Vorlesung kommt er noch einmal bei der Behandlung der Traumsymbolik auf diesen Rialto-Traum zurück, wo er das „durchs Wassergehen um Hinaufzukommen“ als Wiedergeburt interpretiert.[15]

Man dürfte nicht sagen, so Weizsäcker, dass „die Rassenzugehörigkeit Freuds seien Begabung für Traumdeutung ‚erkläre’ […] sondern, dass seine Traumdeutung ihr volles Gewicht erst bekommt, wenn wir dabei auch an den Umfang, den Ernst und die Abgrundtiefe der jüdischen Frage in der Geschichte denken“.[16] In einem kurzen Einschub, der als Fließtext geschrieben ist, beklagt Weizsäcker die Humanitätsvorstellungen von Weltverbesserern, wodurch schließlich das Normative übermächtig übers Reale und die Wissenschaft selbst überschätzt werde. So könne eine positive Wissenschaft „religiöser“ sein als eine Religionswissenschaft. Und Weizsäcker schließt diese Betrachtung mit dem lapidaren Satz ab: „Ein solcher Fall liegt bei der Psychoanalyse vor.“[17] Solche Seitenhiebe kommen zwar hin und wieder vor, aber sie stören keineswegs den anerkennenden Duktus seiner Freud-Rezeption und unterscheiden sich stark von der ätzenden Kritik eines Karl Jaspers.

In der 10. Vorlesung geht Weizsäcker auf „Das Ich und das Es“, das sogenannte Strukturmodell, ein. Bei seiner Darstellung des „Umbaus der Systeme“ (des psychischen Apparats und seiner Instanzen) können wir unmittelbar seine werkgetreue Vermittlung von Freuds Lehre nachvollziehen (Folie 13). Er verweist hier auf den Ausgang von der Reflexlehre und unterstreicht: „es kommt nicht auf den Ort, sondern die Macht an“.[18] Wir können uns gut vorstellen, wie Weizsäcker damals den psychischen Apparat, wie er in der „Traumdeutung“ erstmals entworfen wurde, an die Wandtafel zeichnete. Ein Vergleich zwischen Freuds Schema in der „Traumdeutung“ und Weizsäckers Nachzeichnung zeigt weitgehende Deckungsgleichheit (Folie 14). Dann geht Weizsäcker auf Freuds späteres Modell von „Ich und Es“ (sog. Strukturmodell) ein (Folie 15), wobei er vor allem auf Freuds Gleichnis vom „Pferd und Reiter“ abhebt (auch Weizsäcker spricht konstant vom „Pferd“ und nicht vom „Ross“). Nicht das Reflexschema steht jetzt im Vordergrund, sondern der „innere Kampf im Individuum“, der vom „Ich“ geführt wird. Weizsäckers Skizze ist wiederum fast deckungsgleich mit Freuds Originalzeichnung[19] (Folie 16).

Die vorletzte, 13. Vorlesung über  „Psychoanalyse und organische Krankheit“ ist deshalb besonders wichtig, da Weizsäcker hier aufzeigt, in welcher Richtung er über Freud hinausgehen will. (Folie 17) Er leitet die Vorlesung mit der Bemerkung ein, die Frage nach der Bedeutung der Psychoanalyse für die organische Medizin stoße mit der Frage nach deren Bedeutung für die Religion „geradezu“ zusammen. Unsere Sprache halte mit den Worten „heilen, Heilung, heilsam, Heil“ etwas zusammen, wovon man einerseits zur körperlichen Heilung, andererseits zur „Seelenheilung“ „hinübergleiten“ könne. Bei den Sachen der Religion und den Sachen der Krankheit beginne der „Ernst des Lebens“.

„Die Stellung Freuds zur Organkrankheit ist mit einem Wort genannt: gar keine besondere“. Er, Weizsäcker, müsse auf eigene Beobachtungen und Gedanken zurückgreifen, um „den Rahmen der Psychoanalyse Freuds zu überschreiten. Aber: ausgehend von der Psychoanalyse.“[20] Zunächst geht er von Freuds Theorie der Fehlleistungen aus (d. h. von der Schrift „Die Psychopathologie des Alltagslebens“) und erläutert sie an „einem Fall der eigenen Praxis“, bei dem ein junges Mädchen nach dem Fallenlassen einer Tasse an Armlähmung litt (Folie 18). Im Zentrum dieser Vorlesung steht jedoch das unterschiedliche Prozedere des Physiologen und des Psychologen, das er am „Gleichnis“ von einem Wanderer erläutert: Ersterer wolle vom Inneren des Hauses auf die Umgebung schließen, letzterer komme von außen und wolle auf dessen Inneres schließen (Folie 19). Dabei stelle sich heraus: Die eine Seite des Menschen ist zugänglich, die andere sei immer „die Verborgene“: „Man muss hineingehen, dann verliert man das Äussere aus dem Gesicht, oder herausgehen, dann verliert man das Innere aus dem Gesicht. Dieses Verhältnis nannte ich den Gestaltkreis.“[21]

Wie sah Weizsäckers Unterricht nach diesem Wintersemester 1945/46 aus? Offenbar hielt er keine weiteren großen Freud-Vorlesungen. Im darauf folgenden Sommersemester hielt er die „Klinischen Vorstellungen“ mit einem Begleitseminar ab (Folie 20) und im Sommersemester 1947 bot er „Klinische Vorstellungen (Medizinische Anthropologie)“ und ein „Seminar für Neurosenlehre“ („zusammen mit Mitscherlich“) (Folie 21), wobei das Honorar aufgeteilt wurde. Im Wintersemester 1947/48 ging wieder alles an Weizsäcker (Folie 22). Ab Wintersemester 1948/49 nannte Weizsäcker seine Vorlesung „Medizinische Anthropologie (klinische Vorstellungen)“ (Folie 22), wobei es in den nächsten Semestern bei dieser Bezeichnung blieb (Folie 23 u. 24). Das Begleitseminar wurde jedoch im Sommersemester 1950 erstmals als „Psychosomatische Medizin“ – anstelle von „Neurosenlehre“ – angekündigt.

(3) Schlussbemerkung: Nicolaus Sombarts Reminiszenz

In seiner nonchalanten Art hat sich der Schriftsteller Nicolaus Sombart in seinen „Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951“ unter dem Haupttitel „Rendez-vous mit dem Weltgeist“ an eine Weizsäcker’sche Lehrveranstaltung über Freud erinnert.[22] (Folie 24a) Er nahm es nicht so genau. So erklärte er Weizsäcker zu einem „Schüler von Georg Groddeck, dem Erfinder des ‚Es’“ und schrieb seinen Vornamen Viktor konstant mit „c“. Dennoch sind seine kurzen Anmerkungen interessant, da sie die einzigartige Atmosphäre der Weizsäcker’schen Veranstaltung verdeutlichen: eine Mischung aus Vorlesung, Seminar, Lektüre und offener Diskussion. (Zitate auf Folie 25 u. 26)

Handelte es sich um eine Begleitseminar zur Vorlesung? Oder um ein späteres Lektüre-Seminar? Die hier dargestellte Vorlesung selbst kann wohl kaum gemeint sein. Auf eine eigene Teilnehmerliste bin ich nicht gestoßen. Hier müssten die betreffenden Vorlesungsverzeichnisse untersucht werden.

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[1] Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17. April 2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach. [2] GS 1, S. 115-190. [3] GS 1, S. 116. [4] A. a. O., S. 117. [5] A. a. O., S. 118. [6] A. a. O., S. 124. [7] A. a. O., S. 125. [8] A. a. O., S. 128. [9] Vgl. hierzu den aufschlussreichen Artikel von Wolfgang Martynkewicz: Ludwig Klages und Sigmund Freud. Ein Seitenstück zur ‚Jung-Krise’, literaturkritik.de Nr. 1 2006. [10] GS 1, S. 141. [11] Ebd. [12] A. a. O., S. 156. [13] Ebd. [14] Auch im Manuskript (Blatt 31) mit Anführungszeichen. [15] Blatt 45. [16] Blatt 36. [17] Blatt 40. [18] Blatt 116. [19] S. Freud: GW 8, S. 252. [20] Freud-Vorlesung, Blatt 160. [21] A. a. O., hBlatt 170. [22] Nicolaus Sombart: Rendezvous mit dem Weltgeist. Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2000, S. 245-249.

 

Dieter Janz — Mein Grußwort zu seinem 90. Geburtstag (2010)

Anlässlich des 90. Geburtstags von Dieter Janz fand am 20. April 2010 eine akademischen Feier an der Charité (Berlin) statt — an prominentem Ort: in der Ruine des ehemaligen Rudolf-Virchow-Hörsaals im Medizinhistorischen Museum. Als damaliger Vorsitzender der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft hatte ich die Ehre, ein Grußwort an den Jubilar zu richten.

Hier das Redemanuskript als PDF zum Download.

Erst hinterher merke ich, dass ich das Grußwort bereits als Fließtext in einem früheren Blog-Beitrag veröffentlicht habe. Trotzdem lasse ich diesen Beitrag einfach mal stehen.

 

 

Ambivalente Quellen: Naturphilosophie, Mystik und Romantik (2011)

Diesen Vortrag hielt ich auf der 17. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft zum Rahmenthema „Medizinische Anthropologie. Quellen – Kontexte – Perspektiven“ im  Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn am 22.10.2011.

Hier das Redemanuskript als PDF zum Download.

 

Chronik des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bonn (1988-2016)

Ich trat am 1. Juni 1987 meinen Dienst als Direktor der Medizinhistorischen Instituts der Universität Bonn an. Nach meiner Pensionierung zum 31. August 2014 leitete ich das MHI in Selbstvertretung noch kommissarisch bis zum 31. März 2016.

Schriftliche Tätigkeitsbereichte wurden in jährlichem Turnus (Sommersemester und anschließendes Wintersemester) verfasst. Sie beginnen mit dem Sommersemester 1988 und enden mit dem Windersemester 2016.

Diese Berichte von 1988 bis 2016 sind auch auf der Homepage des Instituts bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt (Dezember 2016) online abrufbar. 

Hier die Berichte von 1988 bis 2005 zusammengefasst.

Hier die Berichte von 2006 bis 2016 zusammengefasst.

Hier alle Berichte von Sommersemster 1988 bis einschließlich Wintersemester 2016 zuseammenggefaßt.

Eine Druckfassung diese Gesamtchronik zum Abschluss meiner Tätigkeit am MHI war und ist nicht geplant.  Die vorliegende Datei dokumentiert jedoch umfassend die Aktivitäten der Institutmitglieder und gibt im Einzelnen Auskunft über Lehr- und Vortragstätigkeiten, publizierte Schriften, Forschungsprojekte und  Veranstaltungen. 

Wunder aus dem Buch der Natur: Empirie, Spekulation und Bildlichkeit in den Monographien und in den Miscellanea der jungen Academia Naturae Curiosorum (2016)

Redemanuskript meines (Teil-)Vortrags, den ich am 6.12.2016 am Studienzentrum der Leopoldoina in Halle (Saale) gehalten habe. [1]

Die Bilder meiner PPT-Folien sind  in den Text integriert.

Die Academia Naturae Curiosorum wurde bekanntlich 1652 von vier Ärzten in der Freien Reichsstadt Schweinfurt gegründet. Sie initiierten ein gemeinsames Forschungsprogramm, wie es Philipp Sachs von Lewenheimb (1627-1672), damals Stadtarzt von Breslau, in seinem Bewerbungsschreiben von 1658 zum Ausdruck brachte. Er schrieb an den ersten Präsidenten der Akademie Lorenz Bausch (1606-1665), dass die mannigfaltigen Schätze „aus der heiligen Schatzkammer der Natur“ gehoben werden sollten. Aber die Gelehrten „sollten das schöne Antlitz der Natur nicht an der Oberfläche betrachten,  vielmehr ihre innersten Eingeweide aufs wissbegierigste erforschen“. [2]   Nach dem Tod von Lorenz Bausch 1665 folgte ihm Sachs von Lewenheimb als Akademiepräsident. Er veröffentlichte den ersten Band der Miscellanea curiosa sive Ephemeridum medico-physica, ein wissenschaftliches Jahrbuch, das von Korrespondenten eingesandte „Beobachtungen“ (Observationes) versammelte. Ich nehme hier nur die beiden ersten Bände der Zeitschrift in den Blick, die 1670 bzw. 1671 unter der Regie von Sachs erschienen und . Ich greife dabei einige illustre Beispiele heraus. Insofern kann ich  lediglich einen fragmentarischen Einblick in ein Gebiet geben, das noch systematisch zu erforschen wäre. Ich möchte das Thema in fünf Schritten entfalten.

  1. Forschungsgemeinschaft: Academia Naturae Curiosorum und Royal Society

Wenn man sich die Korrespondenz zwischen  Henry Oldenburg, dem Sekretär der Royal Society und Sachs von Lewenheimb, dem Mitglied bzw. Präsidenten der Academia Naturae Curiosorum um 1670 ansieht, so fällt einem der hohe Respekt auf, mit dem sich die Vertreter der recht verschieden organisierten Wissenschaftsakademien begegnen.  In einem Brief an Oldenburg vom 12. Januar 1665 pries Sachs die führenden Männer der Royal Society, “welche die Wahrheit durch geeignete Experimente herausfinden wollen, in Eurer lobenswerten englischen Art. […] so führte ihre Liebe zum Erforschen der Warhheit die berühmten Bacon und Digby zusammen mit den genialen Harvey, Boyle, Charleton, Highmore, Glisson und Willis dazu, viel neues Licht auf die Medizin zu werfen.”[3] Und ziemlich bescheiden gibt Sachs die “schwächere Sturktur” der eigenen Akademie zu,  “sodass unser Kollegium, das so verstreut über die Provinzen im weiten Deutschland, von geringerer Stärke ist, als die hochberühmte Gesellschaft mit ihrem permanenten Sitz in London […] gesegnet mir königlichen Zuwendungen […] vollständig ausgestattet mit allem, was zur Durchführung von Experimenten nötig ist […] Wir Deutsche kennen nur engere Grenzen, Geldgeber mit schmaleren Geldbeuteln.  […] Unser Kollegium ist hier und dort verstreut; seine Mitglieder sind Ärzte, die von den Mühen ihrer Praxis erschöpft nur wenige freie Stunden für Naturexperimente finden.”[4]

Oldenburg antwortete in seinem Brief vom 30. Mai 1665, dass die Royal Society dabei sei, “die Naturforschung [philosophiam] auszubauen, nicht nur im Hinblick auf die Medizin, sondern auf alles, was die Nützlichkeit und Annehmlichkeit für das menschliche Leben betrifft […], indem sie in ihr [der Natur] Heiligtum  eindringt, zu diesem Zweck ist sie so geschäftig wie mit nichts anderem, einen Speicher, eine Schatzkammer an Beobachtungen und Experimenten aufzubauen.“[5] Im Anschluss daran unterstrich Oldenburg die Notwendigkeit, diesem Vorhaben entsprechend alle Funde durch eine Kombination der Ressourcen zusammenzutragen, und er forderte die deutschen Akademiekollegen auf, “uns mitzuteilen, was auch immer Ihr Land hervorbingt, das im animalischen, vegetabilen oder mineralischen Reich bemerkenswert ist.“ [6] In seinem Brief  an Sachs vom 14. März 1667, in dem er sich nach neuen Forschungsergebnissen aus Deuschland erkundigte, betonte Oldenburg noch einmal: “Es ist unsere Absicht, […] die Sache der Naturforschung [rem philosophicam] durch den Zusammenschluss der Geister („association of minds“ [iunctisque ingeniis]) voranzubringen.”[7]

Die hier zitierte Korrespondenz belegt einen aufgeschlossenen Dialog. Das gemeinsame Ziel war klar: Die “association of minds” [iunctisque ingeniis] zur Förderung der Naturforschung. Man versuchte, gegenseitig voneinander zu lernen und ignorierte nationale Grenzziehungen. Es wäre sicher interessant, in diesem Kontext den Einfluss der Rosenkreuzer-Idee einer wissenschaftlichen Aufklärung und „Generalreformation“ der Gesellschaft zu erforschen, die ein halbes Jahrhundert zuvor, am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges, die Gemüter der Gelehrten bewegt hatte. Angesichts der Grausamkeiten und gesellschaftlichen Zerstörungen war die Sehnsucht einer Humanisierung der Welt gerade im Bereich der Wissenschaften offensichtlicht. So wurde die Idee einer “association of minds” (Oldenburg), einer wissenschaftsaffinen Bruderschaft, die einander feindlich gesonnene Ideologien im Sinne der Naturforschung überwinden sollte, für Intellektuelle ziemlich attraktiv, vor allem für Naturforscher und Alchemisten in ihren akademischen Zirkeln.

 

  1. Naturphilosophie: Zur Leitidee der Akademiemitglieder

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts war die Naturphilosophie mit ihren verschiedenen theoretischen und praktische Aspekten ein lebendiges Konzept, welches das Mikrokosmos-Makrokosmos-Modell, die natürliche Magie (Magia naturalis), die Signaturenlehre, alchemistische Prozeduren, hermetische Ideen usw. miteinander verknüpfte.  Bevor der erste Band der Miscellanea 1670 erschien, waren die Akademiemitglieder aufgefordert, Monographien über eine einzige Substanz oder ein bestimmtes biolgisches Objekt, etwa eine Pflanze, ein Mineral oder ein Tier zu verfassen und dabei insbesondere auf mehr oder weniger verborgene Heilkräfte zu achten. Beispielhaft sei auf das Frontispiez von Johann Michael Fehrs Anchora sacra, vel scorzonera [Schwarzwurzel] von 1666 verwiesen. (Abb. 1)

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Abb. 1: Johann Michael Fehr: Anchora sacra; vel scorzonera curiosa (Jena 1966): Titelblatt

Fehr folgte Lorenz Bausch nicht nur als  Präsident der Academia Curiosorum Naturae nach – er amtierte von 1666 bis bis zu seinem Tod 1686 –, sondern auch als Stadtphysikus von Schweinfurt. Das Bild zeigt die typische fundamentale Trinität: Gott – Natur – Mensch.  Blickt man auf das geöffnete Buch, die Bibel der Natur, die Heilige Schrift der zeitgenössischen Naturforscher, entdeckt man genau diese Trinität: die göttliche Feuerwolke auf der rechten Seite oben, die mit ihren Strahlen das menschliche Auge erleuchtet (es handelt sich um ein linkes Auge, das in jener Zeit das menschliche im Gegensatz zum rechten Auge Gottes bedeutete).  Somit ist der Mensch fähig, die Naturdinge im Buch der Natur zu studieren, im konkreten Falle die Schwarzwurzel (Scorzonera). Die medizische Symbolik ist offensichtlich: Der gelehrte Arzt mit dem Asklepiosstab, selbst als personifizierter Heilgott erscheinend, zeigt auf das natürliche Geschehen zwischen Leben und Tod – symbolisiert durch die beiden Heilschlangen, die mit ihen Köpfen auf die Seiten des Buchs weisen und die todbringendem Giftschlangen, die sich auf der Erde winden. Der Sinn ist, typisch für die Kunst der Emblematik, vieldeutig („überdeterminiert“ gemäß der Diktion von Sigmund Freud).

Ein anderer wichtiger Wesenszug der Naturphilosophie war die theoertische Vorstellung und bildliche Darstellung der Natur als Frau, als kosmische Alma Mater, welche die Naturdinge hervorbringt und insgeheim als Magierin im Dienste Gottes arbeitet. Die solchermaßen personifizierte Natura forderte die Naturforscher heraus, ihren Fußstapfen zu folgen, um ihren Geheimnissen auf die Spur zu kommen, wie auf dem Kupferstich von Matthäus Merian zu sehen. (Abb. 2)

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Abb. 2: Titelblatt des Musaeum Hermeticum (1677): Ausschnitt; Kupferstich von Matthäus Merian

In diesem Sinne ist das Frontispiz des ersten Bandes der  Miscellanea bezeichnend. (Abb. 3)

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Abb. 3: Miscellanea Curiosa, vol. 1, 1670, Frontispiz

Wir erblicken ein stilisiertes Pantheon. Das Tageslicht kommt von oben durch das opaion, auch „Auge“ genannt. Außer dem kaiserlichen Adler in der Mittes der Kuppel sind alle menschlichen Figuren weiblich. Zwei davon stellen Göttinnen dar: nämlich Physis (die Natur, hier der Isis ähnelnd) und Hygeia (die Heilgöttin). Die drei Naturreiche (das mineralische, animalische und vegetabile) knien vor dem Altar. Die Botschaft war klar: Die Akademiemitglieder sollten “die Geheimnisse der Mutter Natur [Omniparentis Naturae Arcana]” erforschen, um zum Ruhme Gottes die Rettung der Menschheit voranzubringen, wie es im Aufnahmedokument der Akademie für neue Mitglieder einige Jahre später zu lesen war.[8] Zusammenfassend ist festzuhalten, dass religiöses bzw. mythologisches Denken eng mit wissenschaftlicher Forschung verquickt war und einen intellektuellen bias bildete.

3.             Signaturenlehre: Die Natur als eine geheimnisvolle Designerin

Die Signaturenlehre war eine tragende Säule der frühneuzeitlichen natürlichen Magie (Magia naturalis). Naturdinge mit ähnlichen Qualitäten sollten demnach sympathetisch miteinander korrespondieren und entsprechend therapeutisch anwendbar sein. So vermutete man, dass das Mineral Hämatit, auf Deutsch “Blutstein”,  Blutungen stillen, alle möglichen Blutkrankheiten heilen und allgemein die Lebenskräfte stärken könne – wegen der roten, blutähnlichen Farbe des entsprechenden Pulvers.  So veröffentliche Lorenz Bausch in seinem Todesjahr 1665 seine Monographie über den Blutstein De Lapide Haematite , worin er auf 164 Seiten systematisch alle physiologischen und therapeutischen Wirkungen zusammentrug, die er aus den ihm bekannten medizinischen und pharmazeutischen Quellen aller Zeiten erschließen konnte.

Im ersten Band der Miscellanea finden sich nun eine Reihe von Bezügen zur Signaturenlehre, etwa wenn Sachs von Lewenheimb in der 48. Observatio von monströsen anthropomorphen Rüben (rapa monstrosa anthropomorphica) berichtet.  Die Abbildung zeigt eine “RADYS DER HEYDEN“, also eine Heidenwurzel, die angeblich 1628 in einem Garten gefunden wurde. (Abb. 4)

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Abb. 4. : Miscellanea vo. 1 (1670) Obersatio 48 von  Sachs von Lewenheimb

(Ein Sprung zum gerade erschienenen letzten Band der Acta Historica Leopoldina: Dessen Einbandbild zeigt diese „Radys der Heyden“. [Abb. 5])

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Acta Historica Leoopoldina  Band  65 (2o16)

Dass ein solcher monströser Fund die Aufmerksamkeit erregte, ist keineswegs überraschend, wenn man bedenkt, wie stark gerade in der Botanik die  Wahrnehmung durch die traditionelle Signaturenlehre geprägt wurde. Klassisches Beispiel ist die anthropomorphe Gestalt der Mandragora (Alraune), deren Wurzel man seit der Antike magische Kräfte zuschrieb.  (Abb.en 6 und 7)[9]

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Abb. 6: Mandragora aus Disocurides Neapolitanus (um 700) nach Materia medica des Diskorides (1. Jh.)

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Männliche und weibliche Alraunen aus dem Hortus sanitatis (um 1498)

Sachs bezog sich in siner Observatio auf mehrere nahmhafte Autoren der Epoche, darunter Oswald Croll, Giambattista Della Porta und Athanasius Kircher. Er argumentierte hier ausdrücklicals Naturphilosoph, indem er die Schöpferkraft der Natur per se unterstrich: “Niemals ist die Natur müßig  [Nunquam Otiosa Natura], immer strebt sie nach Vervollkommnung, oft mit einem groben und oft mit einem kaum nachzuahmenden Pinsel, manchmal kunstfertig mit Meißel oder Töpferscheibe, indem sie versucht, die menschliche Gestalt nachzumachen, die vollkommenste Schöpfung, oder zumindest andere natürliche Dinge abzubilden.“[10] (Übrigens lautet der Leitspruch der Akademie bis heute: nunquam otiosus. Er besagt letztlich: Die Naturforscher sollten die niemals müßige Natur nachahmen.) Sachs kam zum Schluss, dass die “hermetischen Ärzte” (Physici Hermetici) befähigt seien, aus den von der Natur hervorgebrachten Signaturen die Heilkräfte der Pflanzen (vires herbarum) abzuleiten.[11]

Im Folgenden möchte ich auf einige Abbildungen verweisen, die den Einfluss der Signaturenlehre in der Anfangszeit der Miscellanea belegen. Die Observatio 111 im ersten Band präsentiert ein Crucifuxus ex radice crambes enatus (Kruzifix, einer Meerkohlwurzel entsprossen).[12] (Abb. 7)

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Abb. 7: Kruzifix aus einer Meerkohl-Wurzel entsprossen; Miscellanea vol. 1 (1670) Observatio 111 (von G. S. Jung)

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Abb. 8: Crucifixum Donsae; aus: Appendix […] Ad Annum Primum Miscellaneorum (1671); Kommentar von Sachs von Lewenheimb zur Observatio 111

Der Autor Georg Sebastian Jung (1642/43-1682), ein Wiener Hofarzt, charakterisierte diese Wurzel als ein “Stupendum Naturae miraculum” (ein verblüffenfes Wunder der Natur). In seinem ausführlichen Kommentar führte Sachs von Lewenheimb ein anderes Beispiel einer kruzifixartigen Wurzel vor.[13] (Abb. 8)

Diese Wurzel einer Lilie war auf ein Kreuz fixiert und wurde in Donsa (Deinze), einer Stadt in Ostflandern ausgestellt (Crucifixum Donsae). Es war mit einem silbernen Kruzifix verblendet und spielte, wie Sachs berichtet, im religiösen Leben eine Rolle. Auch solche ethnographische Daten waren also von Interesse. Er erwähnte auch noch andere Beispiele in seinem Kommentar.In einer weiteren Obervatio beschrieb Georg Sebastian Jung ein Bild der Madonna (IMAGO B. MARIAE VIRGINIS CUM FILIO IN MINERA FERRI EXPRESSA) in einem Stück Eisenerz, das 1619 in Innerberg (heute: Eisenerz), einem alten Bergwerksort in der Steiermark, gefunden worden sei.[14] (Abb. 9) Ja, auch sein berühmter Zeitgenosse Athanasius Kircher habe, so Jung, analoge Marienbildnisse erwähnt.

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Das Bild der Madonna in einem Stück Eisenerz; aus Miscellanea vol.1 (1670): Observatio 113 (von G. S. Jung)

Neben solchen göttlichen Figuren offenbarten Naturdinge auch schlechthin menschliche. So zeigte der polnische Botaniker und Arzt Martin (Marcin) Bernhardi de Bernitz (1625-1682)[15] in seiner Observatio Orchideen mit menschentragenden (Anthropophoros) Blüten – männlichen und weiblichen Blüten.[16] (Abb.en 10 und 11)

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Abb. 10: „Männliche“ Blüten tragenden Orchideen; aus Miscellanea vol. 2. (1671): Observatio 41 (von M. Bernhardi de Bernitz)

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Abb. 11: „Weibliche“ Blüten tragende Orchideen; Quelle siehe Abb. 10

Orchideen boten ein Musterbeispiel für die traditionelle Signaturenlehre: Ihre hodenartigen (gr. orchis = Hoden) Wurzelknollen sollten männliche Potenz und Fruchtbarkeit anzeigen. In dieser Perspektive studierte Bernhardi besondere Orchideenarten, “Satyre”, wie er sie nannte (SATYRIORUM SPECIES SINGULARES) (Abb. 12)

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Abb. 12: Hodenförmitge Wurzelknollen der Orchideen; aus Miscellanea vol 2 (1671): Observatio 41 (von M. Bernhardi de Bernitz)

Die äußere Form der Wurzelknolle sollte also darin verborgene männliche Kraft anzeigen, was im Vergleich zum SATYRION CASTRATUM SEU EUNUCHUM  (siehe rechtes Bild) augenfällig schien. (Abb. 13)

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Abb. 13: Die Kastraten- oder Eunucheform der Orchideenwurzel (Quelle siehe Abb. 12)

Damit wird jene Sicht bestätigt, die bereits von berühmten Naturforschern des 16. Jahrhunderts, wie Giambattista Della Porta oder Leonhart Fuchs ins Bild gesetzt worden waren. Ein anderes Beispiel gibt der Stadtarzt Georg Seger (1629-1698) in seiner Observatio eines anthropomorphen Pilzes (Fungus Anthropomorphos), der angeblich in den Wäldern von Altdorf 1661 gewachsen sei.[17] (Abb. 14)

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Abb. 14: Ein anthropomorpher Pilz; aus Miscellanea vol. 2 (1671), Observatio 55 (von M. Bernhardi de Bernitz)

bild16Es gibt eine Gruppe von Beobachtungen, die sich explizit mit Monstrositäten auseinandersetzten, einem seinerzeit immer noch populären Gegenstand, freilich jetzt ohne religös-moralische Deutungen und Vorhersagen, wie sie im 16. Jahrhundert noch gang und gäbe waren. Ein eindrückliches Beispiel ist das monströse Lungenmoos (MUSCUS PULMONARIS MONSTROSUS), das Bernhardi in einer anderen Observatio abhandelte.[18] (Abb. 15) Er war vom larvierten Gesicht (Facies larvata) fasziniert und erzählt uns, dass er dieses wunderbare Spiel der Natur (Mirum Naturae lusum) zufällig auf einer Eiche gefunden habe, als 1657 durch einen Wald spazierte.

Offensichtlich bestand der epistemische Wert solcher Bilder nicht in erster Linie darin, eine umfassende Sammlung von ähnlichen Naturobjekten anzulegen, die im Einzelnen zu registrieren, zu zeichen, zu klassifizieren und miteinander zu vergleichen seien. Vielmehr zeigten dies Bilder einzigartige, seltsame Naturdinge, Zufallsfunde, die den Betrachtern Zeichen und Wunder der arkanen, okkulten, schöpferischen Natur vor Augen führen sollten.

4.       Natürliche und medizinische Magie: Die Übertragung von Lebenskraft

Im ausgehenden 17. Jahrhundert war das Konzept der natürlichen Magie (Magia naturalis) für das Denken und Handeln von Ärzten und Naturforschern noch grundlegend. „Natürliche Magie” bedeutete so genannte weiße Magie: Eine Zauberkunst ohne Dämonen oder Teufelspakt, einzig und allein durch sorgfältiges Studium der Wunderwerke der Natur. Dieser Ansatz war von großer Bedeutung bei der großen und lang anhaltenden Kontroverse über die so genannte Waffensalbe, die sich von der ersten Hälfte des 16. bis zur zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts hinzog. Die Salbe wurde auf die blutige Waffe (etwa Schwert oder Messer) und nicht auf die Wunde geschmiert und sollte die Wunde durch feine Ausdünstungen (effluvia) heilen, die rückläufig von der gesalbten Waffe zur Wunde strömen würden, selbst wenn der Verwundete viele Meilen entfernt sei. Ein Bestandteil der Waffensalbe unter vielen war das Moos von einem menschlichen Schädel (usnea cranii humani), vielfach von dem eines Hingerichteten. Dieser Brauch war immerhin auch dann noch populär, als die ersten Bände der Miscellanea erschienen, wie das folgende Beispiel zeigt.

Der bereits erwähnte Martin (Marcin) Bernhardi de Bernitz sandte eine sehr interessante Observatio an Sachs von Lewenheimb, der sie im zweiten Band der Miscellanea 1671 publizierte: Ruta muraria et muscus crustaceus in cranio humano (Mauerraute und verkrustetes Moos auf einem menschlichen Schädel).[19] (Abb. 16)

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Abb. 16: Mauerraute und Moos auf einem menschlichen Schädel; aus Miscellanea vol. 2 (1671): Observatio 53 (von M. Bernhardi de Bernitz)

 

Hier sieht man den Schädel, der angeblich 1652 gefunden wurde, also im Gründungsjahr der Akademie. Man kann die Mauerraute auf der Seite der Kalotte vom Moos auf dem Schädeldach unterscheiden. Es ist bemerkenswert, dass der Autor nicht den Schädel oder die Pflanzen darauf genauer beschreibt. Vielmehr dient diese Abbildung eher zur Erinnerung an die große Menge von Literatur, die sich mit dem therapeutischen Effekt besonderer Pflanzen, die auf menschlichen Schädeln wachsen, befasst. So zählt Bernhardi alle ihm aus der Literatur bekannten Kräfte und Anwendungen der usnea cranii humani (Bartflechte des menschlichen Schädels) auf. Sie sei wirksam gegen Epilepsie und andere Krankheiten des Kopfs, gegen Nasenbluten, wobei er sich auf Hildanus, Paracelsus und andere Autoritäten bezieht. Am meisten interessiert ihn jedoch die Zubereitung eines Amuletts mit Usneae microcosmi, seu Musci cranii humani (Moos vom menschlichen Schädel). Ein solches Amulett würde gegen Blutungen aller Art wirken, einschließlich verstärker Regelblutungen (bei der Frau), Hämorrhoiden (beim Mann) und Wunden. Selbstverständlich erwähnt Bernhardi die legendäre Waffensalbe (Unguentum Armarium), die auch von vielen anderen beschrieben und empfohlen worden sei, wie etwa Oswald Croll (1560-1609), Rudolph Goclenius d. J. (1572-1621) und Johan Baptist van Helmont (1580-1644). Die wichtigste Ingredienz dieser „magnetisch“ wirkenden Salbe war demnach das Moos vom Schädel eines Gehenkten. Die betreffende Observatio endet mit der Beschreibung einer praktischen Methode, die ihm ein Freund erzählt habe: Man könne das Moos innerhalb kurzer Zeit erhalten, indem man den Schädel mit Olivenöl einöle und ihn an einen abgeschiedenen Ort im Wald deponiere.

5.       Arbeitsprogramm: Die Enthüllung der Geheimnisse der Natur

In der frühen Neuzeit, als das Lesen in der „Bibel der Natur“ angesagt war, wollten die Gelehrten die geheimen Botschaften der Natur entschlüsseln, indem sie ihre wunderbaren, monströsen Signaturen nachspürten. Was konnte eindrucksvoller und überzeugender sein, als die Abbildung eines Naturdings, die einen schriftlichen Bericht illustrierte? Allerdings bedeuten solche Illustrationen nicht, dass sie Objekte als solche wiedergaben, um sie im Einzelen besser analysieren und beschreiben zu können. Eher handelte es sich um exemplarische Gegenstände, die ihre volle Bedeutung nur im gesamten Kontext der betreffenden Observatio erlangen konnten. Das Objekt wurde durch eine vergleichende Betrachtung aller Daten gedeutet, einschließlich der historischen Berichte. Es galt, die Funde so zu sammeln und zu arrangiren, wie es in den Naturalienkabinetten der frühen Neuzeit, den Wunderkammern, üblich war.  Insofern ähneln die die frühen Bände der Miscellanea einer virtuellen und sich ständig erweiternden Wunderkammer, in der die eingereichten Observationes in einem gemeinsamen Narrativ der Gelehrten wie in einer Schatzkammer angehäuft wurden.

Diese beschränkten sich keinewegs nur auf das Auffinden und Beobachten von Naturdingen als bedeutungsvolle Wunder der Natur. Sie umfassten auch dazugehörige historische Schilderungen und Dokumentationen, aber auch persönliche Berichte über individuell angestellte Experimente. Diesen Ansatz gemeinsamen Forschens könnte man mit zwei modischen Begriffen charakterisieren: networking und big data.  Der epistemische Gedanke der frühen Academia Curiosorum Naturae zielte auf wissenschaftliche Aufklärung. Der einzelne Naturforscher arbeitete im Verbund mit gegenwärtigen Freunden und Kollegen und – gleichermaßen wichtig – mit historischen Autoren und Zeugnissen. Nie war die Hoffnung größer als damals, die Menschen – man denke an die Schrecken des Dreißigjährigen Kriegs – mit Hilfe der Wissenschaft, der wissenschaftlichen Aufklärung, überwinden zu können.

Die Abbildungen aus den Miscellanea curiosa medico-physica Academiae Naturae Curiosorum sive Ephemeridum medico-physicarum germanicarum curiosarum; vols. 1 u. 2. Leipzig 1670 und 1671 sind online an verfügbar: https://archive.org

Literatur

Appendix seu Addenda Curiosa Omissorum Ad Annum Primum Miscellaneorum […]. Leipzig 1671.

Hall, A. Rupert & Marie Boas Hall (eds.): The Correspondence of Henry Oldenburg. Vol 7, 1670-1671. Madison, Milwaukee, and London 1970.

Miscellanea = Miscellanea curiosa medico-physica Academiae Naturae Curiosorum sive Ephemeridum medico-physicarum germanicarum curiosarum. Vol. 1: Leipzig 1670; vol. 2: Leipzig 1671.

Schott, Heinz: Medizin, Naturphilosophie und Magie. Johann Laurentius Bausch aus medizinhistorischer Sicht. In: Die Gründung der Leopoldina – Academia Naturae Curiosorum – im historischen Kontext. Johann Laurentius Bausch zum 400. Geburtstag. Ed. by Richard Toellner, Uwe Müller, Benno Parthier, and Wieland Berg. Acta Historica Leopoldina 49 (2008): pp. S. 191-214.

Endnoten

[1]    Vortrag (2. Teil), den ich gemeinsam mit Wolfgang Eckart im Rahmen der Wissenschaftshistorische Seminare am Leopoldina-Studienzentrum in Halle (Saale) am 6.12.2016 gehalten habe.

[2]    Vgl. Schott, 2008, p. 192.

[3]    Zit. n.  Hall and Hall (eds.), 1966, vol. II, p. 235: “in order to seek out truth by proper experiments, in your praiseworthy English way. […] so their love of inquiring after truth led the illustrious Bacon and Digby, with ingenious Harvey, Boyle, Charleton, Highmore, Glisson and Willis throw much new light upon medicine.” [Übersetzung der Zitate aus diesem Buch von H. S.].

[4]    Zit. ebd.:  “so our College dispersed over the provinces of broad Germany is of less strength than the Illustrious Society with its permanent seat in London […] cherished by royal grants […] quite furnished with everything necessary performing experiments […] We Germans know only narrower limits, magnates with slenderer purses […]. Our College is scattered hither and yon; its members are medical men exhausted by the cares of practice who find few spare hours for natural experiments.”

[5]    Zit. a.a. O., S. 401: “to reconstruct philosophy, not as it pertains to medicine alone, but as it concerns all that pertains to the usefulness and convenience of human life […] penetrating into her [Nature’s] very sanctuary, to this end it is busy with nothing so much as building up a store and treasury of observations and experiments.”

[6]    Vgl. ebd.

[7]    Zit. n. Hall and Hall (eds.), 1966, vol. III, S. 364 f.

[8]    Cf. Schott, 2008, p. 214.

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Alraune_(Kulturgeschichte)

[10]   Ibid., p. 139. “Nunquam Otiosa Natura semper ad perfectionem tendens, etiam saepè rudi, saepè vix imitabili pnicillo, inderdum etiam artificioso scalpro & plastico torno, Hominis, perfectissimae creaturae, figuram imitari, aut ad minimum alias res naturales effingere conatur.”

[11]   Ibid., p. 144.

[12] Miscellanea curiosa, vol. 1 (1570), pp. 261-262.

[13] Appendix seu Addenda Curiosa Omissorum Ad Annum Primum Miscellaneorum […] (1671), pp. 24-29.

[14] Miscellana curiosa, vol. 1 (1670), pp. 264-265.

[15] http://encyklopedia.acceptance.pwn.pl/index.php?module=haslo&id=3876439 (19.05.2016)

[16] Miscellanea Curiosa, Observatio 91: vol. 1 (1670), pp. 73-79.

[17] Miscellanea Curiosa, Observatio 55: vol. 2 (1871), pp. 112-113.

[18] Miscellanea Curiosa, Observatio 55: vol. 2 (16719, pp. 89-91.

[19] Observatio 53: Miscellanea curiosa, vol. 2 (1671), pp. 96-106.

Alte und neue Elemente psychiatrischer Therapie (1988)

Beim Aufräumen bzw. Ausräumen meines früheren Arbeitszimmers im Medizinhistorischen Institut fiel mir kürzlich dieses handschriftlich verbesserte Redemanuskript in die Hände. Den betreffenden Vortrag hielt ich auf dem Bochumer Psychiatrischen Symposium zum Thema „Aktuelle Aspekte psychiatrischer Therapie“ am 25. März 1988.
Dieser Vortrag bildete die Grundlage des publizierten Artikels
„Heilkonzepte um 1800 und ihre Anwendung in der Irrenbehandlung“
in: „Vom Umgang mit Irren. Beiträge zur Geschichte psychiatrischer Therapeutik“. Hg. von  Johann Glatzel, Steffen Haas und Heinz Schott. Regensburg: Roderer, 1990; S.
17-35.

Über den Umgang mit psychisch Kranken: Medizin- und sozialhistorische Aspekte (2016)

Im Rahmen der 34. Psychiatrietage Königslutter 2016 zum Rahmenthema „Psychische Störungen und Familie“ hielt ich am 17.11.2016 einen Vortrag. Die PPT-Präsentation ist hier zu finden.