Begrüßung und Vorstellung von Wolfgang Böhmer (2017)

Am 12. Oktober 2017 hatte ich die Aufgabe, den Vortrag von Wolfang Böhmer „Medizin an der Wittenberger Leucorea“ im Rahmen der Tagung „Die Teilhabe des Todes am Leben“ der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft zu moderieren. Die Tagung fand vom 12. bis 14. Oktober 2017 an der Leucorea statt.

Siehe auch diesen Blog-Beitrag.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine Damen und Herren!

Im Namen des Vorstands der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft und insbesondere im Namen ihres Vorsitzenden Rainer Jacobi darf ich Sie am Vorabend unserer Tagung zum Thema „Die Teilhabe des Todes am Leben“ herzlich willkommen heißen. Mein Name ist Heinz Schott und ich bin von Hause aus Medizinhistoriker (im Ruhestand) im (linksrheinischen) Bonn. Vor allem begrüße ich Herrn Professor Dr. Wolfgang Böhmer, der es dankenswerterweise übernommen hat, uns mit einem öffentlichen Vortrag auf unsere bevorstehende Tagung einzustimmen. Es ist uns eine große Ejhre, Sie, verehrter Herr Böhmer, zu unserer Auftaktveranstaltung als Redner gewonnen zu haben.

Professor Böhmer muss ich wohl kaum vorstellen. Als ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt ist er weithin bekannt, ja populär, wenn ich das als Wessi so feststellen darf. Gleichwohl möchte ich doch einige knappe Hinweise zu seiner Biografie geben. Er studierte Medizin in Leipzig, wo er 1959 mit der Dissertation „Über die Dauer ventrikulärer Extrasystolen“ promovierte. 1966 wurde er Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und war von 1974 bis 1991 Chefarzt im Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift in der Lutherstadt Wittenberg. 1983 habilitierte er sich an der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit der Schrift „Die Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Belastung durch die menschliche Reproduktion“.

Seine (offizielle) politische Laufbahn begann in der Wendezeit, worauf ich jetzt nicht im Einzelnen eingehen kann. Jedenfalls gipfelte diese mit dem Amt des Ministerpräsidenten, das er von 2002 bis 2011 innehatte. Sein politisches Engagement ist aber seither keineswegs erloschen. So wurde er 2014 zum Vorsitzenden der Expertenkommission des Deutschen Bundestages zur Zukunft der Behörde des Bundesbeauftragten ffür die Stasi-Unterlagen (BStU) ernannt.

Ich erlaube mir, noch eine persönliche Anmerkung anzufügen: Ich habe Sie, Her Böhmer, als Ministerpräsident zwei oder dreimal live reden hören. Ich stellte jedes Mal erfreut für mich fest: Gott sei Dank, hier redet kein Berufspolitiker! Hier spricht einer, der auf ein praktisches Berufsleben zurückschaut und die Dinge beim Namen nennt, angenehme wie unangenehme, der nüchtern, ofnfen und mit Leidenschaft seine Meinung sagt. Jedenfalls war ich ein begeisterter Zuhörer.

Wir freuen uns auf Ihren Vortrag „Medizin an der Wittenberger Leucorea“. Sie sind für dieses Thema dreifach prädestiniert: (1) als Witteberger Bürger, (2) als Arzt (und nicht nur „Mediziner“ und (3) als lokaler Medizinhistoriker. Sie betreiben schon seit Jahrzehnten intensive medizinhistorische Studien zur Thematik ihres heutigen Vortrags. So trägt eine Ihrer frühesten Schriften den Titel: „Das Wittenberger Medizinalwesen der Reformationsära“ (1982). Sie haben in der Folgezeit eine Reihe von Studien veröffentlicht, darunter auch die Schrift „Die überregionale Bedeutung der medizinischen Fakultät der Universität Wittenberg“ (1995). Zuletzt fungierten Sie als Mitherausgeber des Buches „Das heilkundige Wittenberg. Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens von der Stadtfrühzeit bis zur Neuzeit“ (2009).

Wir sind gespannt auf Ihren Vortrag. Im Namen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft darf ich Ihnen nochmals sehr herzlich für Ihre Bereitschaft danken, heute Abend zu uns zu sprechen.

 

 

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Viktor von Weizsäckers Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“ im Wintersemester 1945/46 (2013)

Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17.04.2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Hier die Illustrationen (PPT als PDF) zum Manuskript.

Unkorrigiertes Redemanuskript © copyright by Heinz Schott, Bonn 2013

Vorlesung „Sigmund Freuds Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, Wintersemester 1945/46[1]

Im Nachlass findet sich auch Weizsäckers handschriftlich verfasstes Manuskript, um das es in meinem Vortrag gehen soll: 14 Vorlesungen unter dem Titel „Sigmund Freud’s Psychoanalyse in der Medizin und Geistesgeschichte“, die er im Wintersemester 1945/46 zwischen dem 7. Dezember 1945 und dem 22. März 1946 hielt. (Folie 1) In der Tat handelt es sich hier um ein Hauptstück des Nachlasses, nicht nur in inhaltlicher Hinsicht wegen der kaum zu überschätzenden Bedeutung Freuds für Weizsäckers medizinische Anthropologie, sondern auch wegen des Zeitpunkts: Die Vorlesungen wurden unmittelbar nach dem Zusammenbruch des so genannten Dritten Reiches gehalten, am absoluten Nullpunkt, quasi vom ground zero der deutschen Geschichte. Ich habe mein Referat in drei Abschnitte unterteilt:

(1) Freud als Leitfigur für Weizsäckers psychosomatische Theoriebildung

Bevor wir auf die Vorlesungen von 1945/46 im Einzelnen zu sprechen kommen, sollten wir Weizsäckers Freud-Rezeption bis zu diesem Zeitpunkt ins Auge fassen. Am ausführlichsten hat Weizsäcker sein Verhältnis zu Freud in der 1954 erstmals erschienenen autobiographischen Schrift „Natur und Geist. Erinnerungen eines Arztes“ dargelegt, und zwar im fünften, umfangreichsten Kapitel mit der Überschrift: „Freud. Die Psychotherapeuten“.[2] Ich werde mich im Folgenden vor allem an diesem wichtigen Text orientieren.

Diese „Erinnerungen“ gehören sicherlich zu den aufschlussreichsten Zeugnissen der Weizsäckerschen Freud-Rezeption. Zunächst stellt Weizsäcker fest, dass er von der Psychiatrie nichts für ein psychosomatisches Verständnis der Krankheit gelernt habe. Vielmehr habe er mit „naturphilosophischen Bedenken gegen Mechanismus und Materialismus“ begonnen, sei dann mit kasuistischen Untersuchungen vorangekommen und schließlich bei „einer veränderten Vorstellung vom Wesen der Naturvorgänge im Menschen“ angelangt.[3] Er sei also kein Naturphilosoph geworden, insofern sei er unverdächtig, „ein in die Philosophie desertierter Arzt zu sein.“[4] Vielmehr sei er vom Internisten zum Nervenarzt geworden, der die „Neurosen-Psychologie auf die Krankheiten der Inneren Medizin“ anzuwenden versuchte. Ergebnis sei gewesen, dass er eine medizinische Anthropologie entworfen habe, die sich um drei Themen drehte: „die Neurosenfrage, die sogenannte Psychogenie organischer Krankheiten und die allgemeine Lehre vom kranken Menschen.“[5]

Der Erste Ärztliche Kongress für Psychotherapie in Baden-Baden 1926 bedeutete für Weizsäcker eine wichtige Weichenstellung. Er verwarf sein erstes Redemanuskript und konzipierte „eine frei gesprochene Rede“ zum Thema „Psychotherapie und Klinik“. Die Hauptsache sei wohl gewesen, „daß ein klinischer Internist aus einer der angesehensten Kliniken sich so lebhaft für die psychotherapeutische Bewegung entschied, die nun einmal das Werk Freuds war.“[6] Demgegenüber sie bei ihm die Abneigung gegen die Statistik in der Medizin immer geblieben. Insbesondere verdross ihn, dass der Bonner Internist Paul Martini (dessen Nachlass sich übrigens im Medizinhistorischen Institut befindet und gegenwärtig in einem DFG-Projekt bearbeitet wird), „mit seinem Verlangen, Therapie durch Statistik zu prüfen, vielfach Gehör fand.“ Statistik als womöglich einzige Form der Kritik zweifelhafter Therapiemethoden „war doch bereits ein Anzeichen beginnender Öde im Denken und musste als Schrittmacherei der Zahlenbarbarei wirken. Wenn die Seele im Urteil fehlt, flüchtet man sich in das Rechnen.“[7] Er sei, so Weizsäcker einer der wenigen, wenn nicht sogar der einzige gewesen, der mit einer psychoanalytischen Position eine akademische Laufbahn durchgehalten habe.[8]

In einem mehrseitigen Einschub einer Skizze, die Weizsäcker am 27. September 1939, wenige Tage nach dem Tode Freuds verfasst hatte, schildert er mit eindrucksvollen Worten seine persönliche Begegnung mit Sigmund Freud in Wien im Jahre 1926, und zwar am „Allerseelentag“, was am Ende des Gesprächs mit Freud noch eine besondere Bedeutung haben sollte. Er skizziert voller Hochachtung und Bewunderung das Warte- sowie das Arbeits- und Sprechzimmer, das Mobiliar, die antiken Skulpturen („heidnische Kostbarkeiten“) (Folie 2 u. 3). Weizsäcker macht graphologische Anmerkungen zu Freuds Handschrift – die sich, wie man auf den ersten Blick sieht, grundsätzlich von seiner eigenen unterschied (Folie 4; Brief von Freud an Osher Pfister, Viktor von Weizsäcker (1950) in „Psyche“).[9] Vor allem preist er Freud als meisterhaften Schriftsteller, lobt seine Beobachtungsgabe und seinen psychologischen Scharfsinn („Was aber diese Leute Theorie der Psychoanalyse nannten, das war zum größten Teile Beobachtung!“[10]), um schließlich als Quintessenz seines Freud-Bildes hervorzuheben: „Ich erkannte: Freud war Kliniker geblieben.“[11]

Im Rückblick greift Weizsäcker insbesondere auf seine Schrift „Körpergeschehen und Neurose“ (1933) zurück, „die für meine gesamte weitere Forschung entscheidende, übrigens auch die nach Stil und Niveau vielleicht bestgelungene meiner Veröffentlichungen“.[12] Am Beispiel des Aufkommens einer Angina im Verlauf einer Neurosenbehandlung habe er eine „psychophysische Dynamik“ bemerkt, wodurch eine „Art von neuer Anthropologie“ entstanden sei. Diese sei über die Psychologie wesentlich hinausgegangen, „indem nämlich die Konstellation Umwelt samt Organismus wesentlich in den Begriff Mensch einbezogen wurde.“[13] Die Drucklegung der Studie „Körpergeschehen und Neurose“ in der von Freud herausgegebenen Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse erfolgte während der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten. Er hätte die Arbeit noch zurückziehen („unterdrücken“) können, um mögliche Benachteiligungen zu vermeiden, merkt Weizsäcker an, habe dann aber beschlossen, „den Dingen ihren Lauf zu lassen.“

(2) Weizsäckers Vorlesungen unter der Lupe – mit Leseproben

Im Wintersemester 1945/46 bot Weizsäcker drei Veranstaltungen an: die Vorlesung Physiologie II (Muskeln, Nerven, Gehirn, Sinnesorgane), das Physiologische Praktikum sowie die besagten Freud-Vorlesungen. Die entsprechende Teilnehmerliste samt Honorarabrechnung ist erhalten. (Folie 5) Am absoluten Nullpunkt der deutschen Geschichte, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hätte sich Weizsäcker sicher auf die Physiologie beschränken können, aber er wandte sich mit aller Kraft Sigmund Freud zu und tauchte gleichsam in sein Werk ein (was fast wie ein Reinigungsbad anmutet). (Folie 6) Die 14 Vorlesungen vollziehen die Freudsche Theoriebildung in historisch-systematischer Weise nach und markieren die Orte, von denen aus Weizsäcker seine eigene psychosomatische Lehre, seine medizinische Anthropologie ableitet.

Das Konvolut von mehr als ca. 170 beschriebenen Seiten ist in mehrerlei Hinsicht höchst bemerkenswert. Zunächst war ich überrascht, wie gut lesbar Weizsäckers Handschrift für mich war. Ich konnte sie problemlos fast wie einen gedruckten Text lesen, ja mehr noch, die Handschrift machte den Gedankengang für mich durchweg viel plausibler, als das eine gedruckte Fassung gekonnt hätte. Die strenge Gliederung, die detailgenauen Notizen, die Unterstreichungen und anderweitigen optischen Hervorhebungen, das graphische Herausstellen von Schlüsselbegriffen und Argumentationsmustern zeigten mir, dass Weizsäcker nicht nur das gesamte Werk von Sigmund Freud ins Auge gefasst, sondern dieses auch intensiv gelesen haben muss. Ich hatte den Eindruck, dass Weizsäcker für diese Vorlesungen noch einmal ausgiebig das Freud’sche Werk studiert hat, da er sonst dessen innere Kohärenz niemals in der vorliegenden Stringenz hätte darstellen können.

Zunächst sollten wir die Themen der 14 Vorlesungen ins Auge fassen, die aus meiner Sicht belegen, dass Weizsäcker wirklich den „ganzen Freud“ anvisiert hat (Folie 7) Weizsäcker vollzieht die historische Entwicklung des Freudschen Denkens nach, ohne dieses in eine chronologische Ordnung zu zwängen. Seine Akzente stimmen: Der Ausgang von der Hysterie und dem infantilen Sexualleben, der Schwerpunkt auf der Traumdeutung, die Umwandlung der Trieblehre mit Einführung des Todestriebes und der Ich-Psychologie und schließlich Freuds Auseinandersetzung mit Massenpsychologie und Religion. Es gibt in Weizsäckers Werk in der Tat viele Hinweise und Erläuterungen zu Freud, aber an keiner Stelle solche systematischen und vollständigen Ausführungen wie in diesen Vorlesungen. Vorab sei gesagt: Diese Vorlesungen enthüllen nichts Unbekanntes, zeigen uns keinen anderen Weizsäcker, fügen dem, was publiziert vorliegt, grundsätzlich nichts Neues hinzu. Insofern bieten diese Vorlesungen inhaltlich keine Sensationen. Aber sie belegen eindeutig und eindrucksvoll, wie ernst es Weizsäcker mit Freud – und nur mit Freud – war, mit welcher Hingabe er sich als Schüler eines großen Meisters verstand und wie akribisch er dessen Schriften in philosophischer Manier nachvollzog. Weizsäcker ist häufig ein nebulöser, spekulativer Schreib- und Denkstil vorgeworfen worden. Die Vorlesungen zeigen indes ein (relativ) präzises und zielgerichtetes Vorgehen, das sich durchweg an den Quellen orientiert und ihnen Achtung zollt.

In der ersten Vorlesung bemüht er sich um eine erste Charakterisierung Freuds, wie dieses Blatt belegt (Folie 8). Da ist zu lesen: „eigene Philos. Persönliche Dankbarkeit (Hinter dem gewöhnl. ein anderes Leben – „Ubw“ Befeiung)“. Im Zentrum stehe die Frage: „Wer war Sigm. Freud?“  Ich möchte im folgenden nicht das gesamte Manuskript „durchkauen“, was ermüdend wäre und den Rahmen sprengen würde, sondern Ihnen stattdessen einige charakteristische Kostproben vorstellen. Bereits in der ersten Vorlesung unterstreicht der den Gegensatz von Hypnotherapie und Psychoanalyse und hebt die Bedeutung der letzteren für die „allgemeine ärztliche Haltung“ hervor (aufdecken vs. zudecken ausgespart!; Folie 9). Interessant ist die Bemerkung, dass die Suggestion mit der internistischen Behandlung durchaus vereinbar sei, nicht aber mit der analytischen.

In der dritten Vorlesung kommt Weizsäcker auf den Ödipuskomplex zu sprechen (Folie 10), wobei er ausführlich auf Sophokles und die griechische Mythologie eingeht. Hier hat sich Weihsäcker wohl nicht primär an der „Traumdeutung“ orientiert, denn sonst wäre ihm sicher aufgefallen, dass es dort eigentlich um einen Hamletkomplex geht, nämlich dass Freud mit dem Ödipus die Hemmung des Hamlet erklären wollte, den Tod seines Vaters zu rächen. Weizsäcker bezieht sich jedoch ausführlich auf die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (1905), die ihn vielleicht wegen ihrer biologisch-evolutionären Sicht besonders beeindruckt haben. Wenig später kommt er in derselben Vorlesung auf die „Traumdeutung“ zu sprechen. Diese habe zwei Vorteile: Zum einen sei sie für „jedermann“[14] zugänglich, zum anderen sei sie von der Sexualtheorie fast unabhängig entwickelt. Offenbar schildert Weizsäcker auch „zwei Träume aus der Praxis“, d. h. Träume eigener Patienten, wobei ich hier nur auf den „umgekehrten Rialto“ eingehen möchte, zunächst die Notiz („Erniedrigung des Liebeslebens“, Folie 11) und dazu die Zeichnung (Folie 12). In der fünften Vorlesung kommt er noch einmal bei der Behandlung der Traumsymbolik auf diesen Rialto-Traum zurück, wo er das „durchs Wassergehen um Hinaufzukommen“ als Wiedergeburt interpretiert.[15]

Man dürfte nicht sagen, so Weizsäcker, dass „die Rassenzugehörigkeit Freuds seien Begabung für Traumdeutung ‚erkläre’ […] sondern, dass seine Traumdeutung ihr volles Gewicht erst bekommt, wenn wir dabei auch an den Umfang, den Ernst und die Abgrundtiefe der jüdischen Frage in der Geschichte denken“.[16] In einem kurzen Einschub, der als Fließtext geschrieben ist, beklagt Weizsäcker die Humanitätsvorstellungen von Weltverbesserern, wodurch schließlich das Normative übermächtig übers Reale und die Wissenschaft selbst überschätzt werde. So könne eine positive Wissenschaft „religiöser“ sein als eine Religionswissenschaft. Und Weizsäcker schließt diese Betrachtung mit dem lapidaren Satz ab: „Ein solcher Fall liegt bei der Psychoanalyse vor.“[17] Solche Seitenhiebe kommen zwar hin und wieder vor, aber sie stören keineswegs den anerkennenden Duktus seiner Freud-Rezeption und unterscheiden sich stark von der ätzenden Kritik eines Karl Jaspers.

In der 10. Vorlesung geht Weizsäcker auf „Das Ich und das Es“, das sogenannte Strukturmodell, ein. Bei seiner Darstellung des „Umbaus der Systeme“ (des psychischen Apparats und seiner Instanzen) können wir unmittelbar seine werkgetreue Vermittlung von Freuds Lehre nachvollziehen (Folie 13). Er verweist hier auf den Ausgang von der Reflexlehre und unterstreicht: „es kommt nicht auf den Ort, sondern die Macht an“.[18] Wir können uns gut vorstellen, wie Weizsäcker damals den psychischen Apparat, wie er in der „Traumdeutung“ erstmals entworfen wurde, an die Wandtafel zeichnete. Ein Vergleich zwischen Freuds Schema in der „Traumdeutung“ und Weizsäckers Nachzeichnung zeigt weitgehende Deckungsgleichheit (Folie 14). Dann geht Weizsäcker auf Freuds späteres Modell von „Ich und Es“ (sog. Strukturmodell) ein (Folie 15), wobei er vor allem auf Freuds Gleichnis vom „Pferd und Reiter“ abhebt (auch Weizsäcker spricht konstant vom „Pferd“ und nicht vom „Ross“). Nicht das Reflexschema steht jetzt im Vordergrund, sondern der „innere Kampf im Individuum“, der vom „Ich“ geführt wird. Weizsäckers Skizze ist wiederum fast deckungsgleich mit Freuds Originalzeichnung[19] (Folie 16).

Die vorletzte, 13. Vorlesung über  „Psychoanalyse und organische Krankheit“ ist deshalb besonders wichtig, da Weizsäcker hier aufzeigt, in welcher Richtung er über Freud hinausgehen will. (Folie 17) Er leitet die Vorlesung mit der Bemerkung ein, die Frage nach der Bedeutung der Psychoanalyse für die organische Medizin stoße mit der Frage nach deren Bedeutung für die Religion „geradezu“ zusammen. Unsere Sprache halte mit den Worten „heilen, Heilung, heilsam, Heil“ etwas zusammen, wovon man einerseits zur körperlichen Heilung, andererseits zur „Seelenheilung“ „hinübergleiten“ könne. Bei den Sachen der Religion und den Sachen der Krankheit beginne der „Ernst des Lebens“.

„Die Stellung Freuds zur Organkrankheit ist mit einem Wort genannt: gar keine besondere“. Er, Weizsäcker, müsse auf eigene Beobachtungen und Gedanken zurückgreifen, um „den Rahmen der Psychoanalyse Freuds zu überschreiten. Aber: ausgehend von der Psychoanalyse.“[20] Zunächst geht er von Freuds Theorie der Fehlleistungen aus (d. h. von der Schrift „Die Psychopathologie des Alltagslebens“) und erläutert sie an „einem Fall der eigenen Praxis“, bei dem ein junges Mädchen nach dem Fallenlassen einer Tasse an Armlähmung litt (Folie 18). Im Zentrum dieser Vorlesung steht jedoch das unterschiedliche Prozedere des Physiologen und des Psychologen, das er am „Gleichnis“ von einem Wanderer erläutert: Ersterer wolle vom Inneren des Hauses auf die Umgebung schließen, letzterer komme von außen und wolle auf dessen Inneres schließen (Folie 19). Dabei stelle sich heraus: Die eine Seite des Menschen ist zugänglich, die andere sei immer „die Verborgene“: „Man muss hineingehen, dann verliert man das Äussere aus dem Gesicht, oder herausgehen, dann verliert man das Innere aus dem Gesicht. Dieses Verhältnis nannte ich den Gestaltkreis.“[21]

Wie sah Weizsäckers Unterricht nach diesem Wintersemester 1945/46 aus? Offenbar hielt er keine weiteren großen Freud-Vorlesungen. Im darauf folgenden Sommersemester hielt er die „Klinischen Vorstellungen“ mit einem Begleitseminar ab (Folie 20) und im Sommersemester 1947 bot er „Klinische Vorstellungen (Medizinische Anthropologie)“ und ein „Seminar für Neurosenlehre“ („zusammen mit Mitscherlich“) (Folie 21), wobei das Honorar aufgeteilt wurde. Im Wintersemester 1947/48 ging wieder alles an Weizsäcker (Folie 22). Ab Wintersemester 1948/49 nannte Weizsäcker seine Vorlesung „Medizinische Anthropologie (klinische Vorstellungen)“ (Folie 22), wobei es in den nächsten Semestern bei dieser Bezeichnung blieb (Folie 23 u. 24). Das Begleitseminar wurde jedoch im Sommersemester 1950 erstmals als „Psychosomatische Medizin“ – anstelle von „Neurosenlehre“ – angekündigt.

(3) Schlussbemerkung: Nicolaus Sombarts Reminiszenz

In seiner nonchalanten Art hat sich der Schriftsteller Nicolaus Sombart in seinen „Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951“ unter dem Haupttitel „Rendez-vous mit dem Weltgeist“ an eine Weizsäcker’sche Lehrveranstaltung über Freud erinnert.[22] (Folie 24a) Er nahm es nicht so genau. So erklärte er Weizsäcker zu einem „Schüler von Georg Groddeck, dem Erfinder des ‚Es’“ und schrieb seinen Vornamen Viktor konstant mit „c“. Dennoch sind seine kurzen Anmerkungen interessant, da sie die einzigartige Atmosphäre der Weizsäcker’schen Veranstaltung verdeutlichen: eine Mischung aus Vorlesung, Seminar, Lektüre und offener Diskussion. (Zitate auf Folie 25 u. 26)

Handelte es sich um eine Begleitseminar zur Vorlesung? Oder um ein späteres Lektüre-Seminar? Die hier dargestellte Vorlesung selbst kann wohl kaum gemeint sein. Auf eine eigene Teilnehmerliste bin ich nicht gestoßen. Hier müssten die betreffenden Vorlesungsverzeichnisse untersucht werden.

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[1] Vortrag auf dem Workshop „Viktor von Weizsäcker – Der Nachlass“ am 17. April 2013 im Deutschen Literaturarchiv Marbach. [2] GS 1, S. 115-190. [3] GS 1, S. 116. [4] A. a. O., S. 117. [5] A. a. O., S. 118. [6] A. a. O., S. 124. [7] A. a. O., S. 125. [8] A. a. O., S. 128. [9] Vgl. hierzu den aufschlussreichen Artikel von Wolfgang Martynkewicz: Ludwig Klages und Sigmund Freud. Ein Seitenstück zur ‚Jung-Krise’, literaturkritik.de Nr. 1 2006. [10] GS 1, S. 141. [11] Ebd. [12] A. a. O., S. 156. [13] Ebd. [14] Auch im Manuskript (Blatt 31) mit Anführungszeichen. [15] Blatt 45. [16] Blatt 36. [17] Blatt 40. [18] Blatt 116. [19] S. Freud: GW 8, S. 252. [20] Freud-Vorlesung, Blatt 160. [21] A. a. O., hBlatt 170. [22] Nicolaus Sombart: Rendezvous mit dem Weltgeist. Heidelberger Reminiszenzen 1945-1951. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2000, S. 245-249.

 

Ambivalente Quellen: Naturphilosophie, Mystik und Romantik (2011)

Diesen Vortrag hielt ich auf der 17. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft zum Rahmenthema „Medizinische Anthropologie. Quellen – Kontexte – Perspektiven“ im  Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn am 22.10.2011.

Hier das Redemanuskript als PDF zum Download.

 

Wolfgang Jacob (1919-1994): Erinnerungen an meinen Doktorvater (2014)

Referat, gehalten auf der 20. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft: Symposion IV: „Viktor von Weizsäcker und seine Schüler. Rezeption und Wirkung“ am 24. Oktober 2014 in Heidelberg.

Dieser Beitrag ist auch als PDF-Version verfügbar.

1981 widmete ich meinem Doktorvater den Artikel:

Selbsterfahrung im „Gestaltkreis“. Über Viktor von Weizsäck¬ers Theoriebildung. In: Nervenarzt 52 (1981); S. 418-422.

Diesen Text habe ich in meinem Blog Schott‘ Published Writings Online publiziert.

Im Folgenden mein Referat vom 24.10.2014.

Wolfgang Jacob (1919-1994)[1]

1974 habe ich meine medizinische Promotion bei Wolfgang Jacob in Heidelberg abgeschlossen. Heute, nach genau 40 Jahren, setze ich mich zum ersten Mal intensiver mit meinem früheren Doktorvater, der nun schon 20 Jahre tot ist, auseinander und widme ihm diese öffentliche Rede. Ich werde in drei Schritten, einem besonderen Dreisprung, vorgehen: mit einem kurzen Sprung seinen Lebenslauf und einem etwas längeren sein Werk streifen, um dann in einem weiten Satz meinen persönlichen Erinnerungsspuren so weit als möglich zu folgen.

  1. Zum Lebenslauf

Über Wolfgang Jacobs Lebenslauf gibt es nur sehr spärliche Informationen. Hier wäre vor allem der Buchbeitrag von Peter Hahn „Zur Erinnerung an Wolfgang Jacob“ (2008), den ich leider nicht mehr zu Rate ziehen konnte. Der Wikipedia-Artikel ist äußerst dürftig und ungenau. Ich zitiere ihn in voller Länge: „Wolfgang Jacob (* 1919; † 1994) war ein deutscher Arzt, Sozialmediziner und Medizinphilosoph. / Er gehört zur Schule von Viktor von Weizsäcker und zu den Vertretern der anthropologischen Medizin. Jacob war Professor für Medizin an der Universität Heidelberg. Von 1970 bis 1974 war er Prodekan der Fakultät für Theoretische Medizin und ab 1979 Leiter der Abteilung für Arbeits- und Sozialhygiene. Neben Veröffentlichungen u. a. zu den Spätfolgen der KZ-inhaftierung sind insbesondere grundlegende Arbeiten zur Medizintheorie und zum Gestaltkreis zu erwähnen.“ (Das ist verbesserungswürdig!)

Soweit ich weiß, hatte Jacob als Internist und Tuberkulosearzt in Heidelberg gearbeitet und aufgrund seiner medizinanthropologischen Auffassungen berufliche Schwierigkeiten bekommen. (Es ist hier sicher jemand im Raum, der die genaueren Hintergründe kennt.) Schließlich war er am Pathologischen Institut unter der Leitung von Wilhelm Doerr gelandet, einem im Goethe’schen Sinne humanistisch gebildeten Forscher. Dort leitete Jacob mit dem Segen des Institutsdirektors die Abteilung für Dokumentation, soziale und historische Pathologie. Diese Bezeichnung lässt den direkten Bezug auf Virchow erkennen, mit dessen sozialmedizinischem Ansatz sich Jacob besonders intensiv befasste. Er habilitierte sich 1967, also im Alter von 48 Jahren, mit einer Schrift über Virchow, auf die ich noch zurückkommen werde. Um 1968/69 erhielt er einen Lehrauftrag für Sozialmedizin bzw. Medizinische Soziologie an der neugegründeten Medizinischen Fakultät der TU München. Die Hoffnung, dorthin auf eine entsprechenden Lehrstuhl berufen zu werden, erfüllte sich nicht. Schließlich wurde 1972 dort − an Jacob vorbei − das Institut für Geschichte der Medizin und Medizinische Soziologie gegründet.

  1. Zum Werk: Virchow und Weizsäcker als Leitfiguren

Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass mein medizinischer Doktorvater Wolfgang Jacob etwa zur selben Zeit, als ich in Heidelberg mein Medizinstudium aufnahm und ihn kennenlernte, seine Habilitationsschrift publizierte. Sie trug den komplexen Titel: „Medizinische Anthropologie im 19. Jahrhundert. Mensch – Natur – Gesellschaft. Beitrag zu einer theoretischen Pathologie. Zur Geistesgeschichte der sozialen Medizin und allgemeinen Krankheitslehre Virchows“ (1967). Er habilitierte sich für das Fach Pathologie bei Wilhelm Doerr, wobei ihn der Medizinhistoriker Heinrich Schipperges unterstützte. Im Heidelberger Ambiente des 68er Umbruchs begegnete mir dank Jacob zum ersten Mal nicht nur der Name Viktor von Weizsäckers, sondern auch derjenige Virchows. Erst kürzlich ist mir aufgefallen, dass in der Literatur zu Virchow Sigmund Freuds Name nicht auftaucht, wie auch umgekehrt in der psychoanalytischen Literatur Virchow keine Rolle spielt (auch Freud selbst erwähnt ihn nur ein einziges Mal an peripherer Stelle). Dies hat wohl den einfachen Grund darin, dass man die jeweilige Vorgeschichte ignoriert, die in einer gemeinsamen Ideengeschichte − vor allem in der romantischen Naturphilosophie − verankert ist. Wolfgang Jacob machte hier eine große Ausnahme: Er schlug am Ende seiner Habilitationsschrift den Bogen von Virchow zu Freud („Virchow − Krehl − Kraus − Freud“), wobei er in der medizinischen Anthropologie der sogenannten Heidelberger Schule der (Krehl, V. v. Weizsäcker) Virchows Maxime vom Menschen als „einheitlichem Wesen“ aufgehoben sah.[2]

Das Besondere an dieser Habilitationsschrift ist, dass sie einen weiten ideengeschichtlichen Bogen schlägt: Vom Naturbegriff in der Wissenschaftsgeschichte des Abendlands, über das Verhältnis von Natur, Mensch und Gesellschaft in der frühen Neuzeit, den „Anbruch des naturwissenschaftlichen Jahrhunderts“ (Alexander von Humboldt) bis hin zu den Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin und den „Einbruch des Sozialen in die Pathologie“. In diesem zuletzt genannten Hauptkapitel analysierte Jacob die oft verkannte Position Virchows, die entschieden von der „Einheit des menschlichen Wesens“ (Virchow) ausging. Es ist Jacobs großes Verdienst, dass er in Virchows Werk eine genuine medizinische Anthropologie entdeckte, welche Medizin als ein soziale Wissenschaft und die leiblichen und geistigen Erkrankungen des Volkes als „soziale Pathologie“ begriff.

Vgl. hierzu der Beitrag in diesem Blog.

Bereits 1855 bedeutet für Virchow der lebende Organismus „ein freier Staat gleichberechtigter, wenn auch nicht gleich begabter Einzelwesen, der zusammenhält, weil die Einzelnen aufeinander angewiesen sind […].“[3] Was das „Individuum im Großen“, sei „die Zelle im Kleinen“.[4] Virchows Rede vom „Zellenstaat“ darf eben nicht im Sinne des Biologismus und Sozialdarwinismus, der sich Ende des 19. Jahrhunderts breitmachte, missverstanden werden. So wehrte er sich gegen die Position seines Schülers Ernst Haeckel, der Virchows Rede vom Zellenstaat nicht als eine Analogie oder Metapher begreifen wollte, sondern als wissenschaftliche Tatsache behauptete. Er misstraute dem Sozialdarwinismus, der ja nicht von der „Einzel-Existenz“[5] (Zelle − Bürger) ausging, sondern von einem ethnisch definierten „Volkskörpers“, der sich nach innen gegen (nicht nur rassische) „Volksschädlinge“ und nach außen gegen feindliche (und in der Regel rassisch minderwertige) Völker zu wehren hatte. Gegen solche Anschauungen war Virchow immun.

Doch was bedeutet Virchows Rede von der Medizin als sozialer Wissenschaft. Weder die einzelne Zelle auf der einen, noch die Gesellschaft oder der Staat auf der anderen Seite sind der springende Punkt, um den sich das menschliche Leben dreht, sondern es ist der lebendige Organismus des Individuums. Diese medizinische Anthropologie, wie sie Virchow systematisch begründet hat, wird heute weitgehend ignoriert. Die Frage nach Bedeutung und Aufgabe des Individuums für eine demokratische Gesellschaft hat scheinbar nichts mehr mit Medizin zu tun. Die Kunst der heutigen Gesundheitsökonomie oder evidenzbasierten und personalisierten Medizin besteht ja gerade darin, die am einzelnen Subjekt ausgerichtete medizinische Anthropologie mit statistischen Methoden zu überwinden. Virchows Begriff der Freiheit und die damit assoziierten Begriffe „Demokratie“, „Wohlstand“ und „Humanität“ sind heute so aktuell wie damals.

Jacobs Texte, nicht nur seine Habilitationsschrift, bestehen schätzungsweise zu zwei Dritteln aus direkten oder indirekten Zitaten mit genauen Quellenangaben. Dieses intensive Referieren zeigt sein Bemühen, sich in das Denken und die Erkenntnisse anderer Autoren sozusagen einzuleben. Nicht die eigenen Formulierungen zur Selbstdarstellung waren ihm wichtig, sondern die Sache selbst, deren er sich mit Hilfe anderer vergewissern wollte. Wahrscheinlich bin ich in diesem Punkte ein Jacob-Schüler. Andererseits zeichnen sich Jacobs Abhandlung durch ihre systematische Gliederung, die immer dort, wo es dem Autor wichtig erscheint, von historischen Exkursen durchbrochen wird. In seinem Buch „Kranksein und Krankheit. Anthropologische Grundlagen einer Theorie der Medizin“ (1978) geht er am Schluss auf eine Thematik ein, die auch mich immer wieder beschäftigt hat, nämlich: Selbstversuch, Selbstanalyse, Selbsttherapie: „Das ärztliche der Nichtärzte ist Voraussetzung des Weges zu einer neuen Gesundheit. Die These lautet: ‚jeder Mensch ist ein Arzt gegenüber sich selbst, gegenüber seiner mitmenschlichen Welt, und er ist ein Arzt der Kreatur“./ ‚Jeder Mensch ist ein Arzt’ − das will sagen: jeder Mensch verfügt über ein Mindestmaß an ärztlicher Begabung, ähnlich wie jeder Mensch über ein Minimum an musikalischem Talent verfügt.“[6]

  1. Meine Erinnerungsspuren zu Wolfgang Jacob

Meine Erinnerungen an Wolfgang Jacob sind recht dicht mit der damaligen Studentenbewegung verwoben. Als ich im Frühjahr 1966 als 19jähriger nach Heidelberg kam, um Medizin zu studieren, lag etwas in der Luft. Der zauberhafte Heidelberger Frühling verhieß nicht nur einen Neuanfang in meinem Leben, das ich bis dahin zurück gesetzt in der Rheinpfalz verbracht hatte. Er ließ subtil auch eine größere Wende erahnen, die sich in zahllosen Diskussionen in meinem Studentenwohnheim an der Bergstraße, in der Evangelischen Studentengemeinde, in der Mensa und anderswo ankündigte. Der Protest gegen die brutale Kriegsführung der USA in Vietnam gehörte zu den Schlüsselerlebnissen. Die in den Medien erscheinenden Bilder und Berichte über den Vernichtungsfeldzug mit Napalm-Bomben und „free fire zones“ rüttelten gerade die Mediziner auf. Erich Wulff (Pseudonym: Georg W. Alsheimer), der als Arzt über seine „vietnamesischen Lehrjahre“ berichtete, war schon bald nach Erscheinen seines Buches 1968 ein begehrter Referent bei studentischen Veranstaltungen. Ich habe ihn später in München vortragen hören.

Das große Zauberwort jener Zeit hieß „Bewusstseinserweiterung“, die tatsächlich von anerzogenen Hemmungen im Denken und Handeln ein Stück weit befreite. Es gab eine kurze Zeit, vielleicht zwei oder drei Jahre, in der die bewegten und sich bewegenden Studenten in der überwiegenden Mehrzahl ihr Weltbild, ihren Lebensentwurf und ihr praktisches Verhalten grundlegend änderten und sich für neue Themen öffneten, ohne sich schon einer bestimmten politischen Dogmatik oder gar Vereinigung unterzuordnen. Für meine Heidelberger Zeit bis zum Sommer 1968 – ich wechselte dann zur neu gegründeten Medizinischen Fakultät der TU München – waren zwei „Netzwerke“ von großer Bedeutung: Zum einen die intensive und teilweise hitzige Gesprächsatmosphäre im Evangelischen Studentenwohnheim der Keller-Thoma-Stiftung, wo sich zwei Fraktionen miteinander stritten: die Sozialisten auf der einen und die Pietisten auf der anderen Seite, dazwischen die „Scheißliberalen“, denen Glaubenskämpfe per se suspekt waren und zu denen ich mich zählte. Zum anderen die nicht weniger hitzigen Debatten in den Seminaren über psychosomatische Medizin und medizinische Anthropologie im Sinne Viktor von Weizsäckers, die Wolfgang Jacob, mein Doktorvater, kontinuierlich für einen Kreis von interessierten Studenten und Ärzten abhielt. Hier wurde vor allem Kritik an der „herrschenden“ naturwissenschaftlichen Medizin geübt, indem man einschlägige, insbesondere Weizsäcker’sche Texte, referierte und diskutierte. Solche seminaristischen Aktivitäten spiegelten insofern Themen der 68er Studentenbewegung in der Medizin wider, als sie sich mit den Verbrechen von Ärzten im Nationalsozialismus und inhumanen Zuständen in psychiatrischen Anstalten auseinandersetzten und für eine neue Sensibilität der Universitätsmedizin für sozialmedizinische und medizinpsychologische Belange der Krankenversorgung warben.

Es gab Schlüsselerlebnisse für meine „Bewusstseinerweiterung“. Ich erinnere mich an eine eindrucksvolle Szene während einer Veranstaltung in einem großen, überfüllten Hörsaal, bei der es um die Zwangssterilisation im „Dritten Reich“ ging. Wahrscheinlich war sie vom Heidelberger Arbeitskreis „Medizin und Verbrechen“ der „Kritischen Universität“ organisiert worden. Als ein Großordinarius der Inneren Medizin (es war der Internist Gotthard Schettler) erklärte, der Eingriff bei Männern sei doch medizinisch ziemlich harmlos, ergriff eine engagierte Teilnehmerin, die ich aus Jacobs Seminar schon kannte, das Wort und rief mit überaus lauter, zorniger Stimme: „Wenn das so harmlos ist, fordere ich Sie hiermit auf, sich doch sterilisieren zu lassen!“ Ich bewunderte ihren Mut. (Ich darf des hier verraten: Diese Person war Mechthild Kütemeyer.)

Jacobs Seminare waren für mich, dem jungen Meizinstudenten, ein wirkliches Faszinosum. Ich spürte hier einen Widerstand gegen den Zeitgeist insbesondere in der Medizin, er sich nicht aus parteipolitischen Maximen oder gesellschaftskritischen Dogmen ableitete, sondern aus für mich schwer verständlichen Schriften und philosophischen Überlegungen. Da war von Subjekt und Subjektivität die Rede, von Sinnesphysiologie, von Wahrnehmen und Bewegen, von Psychosomatik und Psychoanalyse, Namen fielen in der Runde, von denen ich praktisch noch nie etwas gehört hatte: Yrjö Reenpää, Maurice Merleau-Ponty, Edmund Husserl und viele andere. In Jacobs „Konventikel“ herrschte nie Langeweile oder gar Gleichgültigkeit. Es war immer etwas los: Hitzige Debatten über bestimmte Begriffe, Autoren, Irrewege der naturwissenschaftlichen Medizin. Thesen wurde vorgetragen, leidenschaftliche Plädoyers gehalten. Heinrich Huebschmann mit seiner hohen eindringlichen Stimme wird mir immer in Erinnerung bleiben, der wie eine Sirene die Missstände der herrschenden Medizin anprangerte. Der Titel seines 1974 erschienenen Buches „Krankheit – ein Körperstreik“ wir ihm wie auf den Leib geschnitten. Dieser kämpferische Mann symbolisierte in seinem Auftreten selbst den Streik. (Wir werden von Herrn Schmincke näheres hören.)

Ich begann 1967 mit bei dem frisch gebackenen Privatdozenten Jacob mit den ersten Plänen zu einer Dissertation. Ich erinnere mich an wundervolle Gespräche unterm Dach der Pathologie, wo er sein Domizil hatte und mich zumeist mit rauchender Pfeife empfing. Er assoziierte gerne frei und schaute dem aufsteigenden Pfeifenrauch nach, als ob er einen Blick in den Himmel werfen würde. Die Gedanken rissen ihn manchmal mit und ich konnte nur staunen. Alles schien möglich bei ihm, und gerade das gefiel mir ungemein. Er war ja alles andere als ein Dogmatiker, der auf eine bestimmte Lehre fixiert war und etwa nur Weizsäcker hätte gelten lassen. Marx, Freud, Herbert Marcuse, Adorno, alles schien ihn zu interessieren. Und so schrieb ich meine Doktorarbeit ungehemmt, lustvoll und frei: „Arbeit und Krankheit. Ein medizinsoziologischer Beitrag zur Problematik der Rehabilitation“ (als PDF online abrufbar). Die Promotion wurde übrigens 1974 abgeschlossen, ein sehr schmerzloses Rigorosum erlebte ich dann bei Paul Christian. Als ich dann im Wintersemester 1868/69 an die TU München wechselte, besuchte ich weiterhin die Seminare von Wolfgang Jacob, der wie bereits erwähnt, dort einen Lehrauftrag hatte. Ich erinnere mich noch, wie ich damals über das gerade erschienene Buch von Klaus Dörner „Bürger und Irre“ (1969) referierte, das die Psychiatrie-Debatte, die in Jacobs Seminaren eine große Rolle spielte, ungemein beeinflusste. Als ich ihn zuletzt im Oktober 1993 zufällig auf einem Kongress in der Heidelberger Stadthalle traf, sagte er zu mir voller Anerkennung: „Sie haben es geschafft, was ich nie geschafft habe“. Er meinte den Ruf auf einen Lehrstuhl, der ihm versagt blieb.

Schluss

Ich möchte mein Referat mit einem Zitat abschließen. In seinem Artikel „Viktor von Weizsäcker“, veröffentlicht 1991 in den „Klassikern der Medizin“, schrieb Wolfgang Jacob im letzten Absatz:

„In unserer Zeit, in der das naturwissenschaftliche Denken und mit ihm die Technik, aber auch die objektivierende Psychologie das Menschsein und mit ihm das Kranksein zu überwuchern droht […], in einer Zeit, da die ‚Gegenseitigkeit des Lebens’ zu einer Lebensnotwendigkeit geworden ist, und die Aufmerksamkeit mehr und mehr sich darauf richtet zu fragen: Wer ist der Mensch? In einer solchen Zeit kann auch der kranke Mensch nicht nur ein reines ‚Objekt’ der Medizin bleiben! Kranksein des Menschen ist selbst − wie Geburt und Tod − Lebensgestalt und Lebensgestaltung, Schicksalsgestalt und Schicksalsgestaltung menschlicher Existenz. Wir haben keinen Grund, von einer so immensen Erweiterung des Weltbildes der Medizin uns abzuwenden, wie sie im Werk Viktor von Weizsäckers […] sich darbietet.“[7] Und als Doktorand von Wolfgang Jacob darf ich hinzufügen: Er, Jacob, erweiterte durch seine Offenheit und Begeisterungsfähigkeit mein Weltbild über viele Jahre hin ungemein, ohne ihn wäre ich vermutlich dem Weizsäcker’schen Denken nie begegnet, und so war das, was ich damals in Heidelberg und später auch in München bei ihm gelernt habe, ein „Input“ fürs ganze Leben. Und was bei diesem Input Weizsäcker und was Jacob war, lässt sich in meinen Augen kaum auseinander dividieren. Ich verneige mich voll Dankbarkeit vor meinem akademischen Lehrer Wolfgang Jacob.

[1] Referat auf der 20. Jahrestagung der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft: Symposion IV: „Viktor von Weizsäcker und seine Schüler. Rezeption und Wirkung“ am 24. Oktober 2014 in Heidelberg.

[2] Jacob, 1967, S. 224.

[3] Zit. n. Eckart, 1994, S. 244.

[4] Zit. a. a. O., S. 245.

[5] Virchow, 1879, S. 99-100. Ges. Abhandlungen, 2 Bd. Berlin 1879

[6] Jacob, 1978, S. 208.

[7] Jacob, 1991, S. 387.

Anmerkung vom 5.09.2015

In meinen Unterlagen habe ich gerade drei Typoskripte bzw. Maunskripte von Wolfgang Jacob zu Fragen der Medizin zwischen Natur- und Geisteswissenschaft sowie der medizinischen Ausbildung gefunden. Sie wurden mir von einem Freund 1994, Jacobs Todesjahr, geschickt. Unter der Voraussetzung, dass ich von den rechtlich zuständigen Familienmitgliedern die Genehmigung zur Publikation erhalten, werde ich diese Materialien scannen und als PDF-Datei online stellen. Sie repräsentieren Thesen der medizinischen Anthropologie im Sinne Viktor von Weizsäckers, wie sie um 1970 von seinen Anhängern vertreten wurden und ich ais als Student in Heidelberg dann in München kennengelenrt habe. 

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