Begrüßung und Vorstellung von Wolfgang Böhmer (2017)

Am 12. Oktober 2017 hatte ich die Aufgabe, den Vortrag von Wolfang Böhmer „Medizin an der Wittenberger Leucorea“ im Rahmen der Tagung „Die Teilhabe des Todes am Leben“ der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft zu moderieren. Die Tagung fand vom 12. bis 14. Oktober 2017 an der Leucorea statt.

Siehe auch diesen Blog-Beitrag.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

meine Damen und Herren!

Im Namen des Vorstands der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft und insbesondere im Namen ihres Vorsitzenden Rainer Jacobi darf ich Sie am Vorabend unserer Tagung zum Thema „Die Teilhabe des Todes am Leben“ herzlich willkommen heißen. Mein Name ist Heinz Schott und ich bin von Hause aus Medizinhistoriker (im Ruhestand) im (linksrheinischen) Bonn. Vor allem begrüße ich Herrn Professor Dr. Wolfgang Böhmer, der es dankenswerterweise übernommen hat, uns mit einem öffentlichen Vortrag auf unsere bevorstehende Tagung einzustimmen. Es ist uns eine große Ejhre, Sie, verehrter Herr Böhmer, zu unserer Auftaktveranstaltung als Redner gewonnen zu haben.

Professor Böhmer muss ich wohl kaum vorstellen. Als ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt ist er weithin bekannt, ja populär, wenn ich das als Wessi so feststellen darf. Gleichwohl möchte ich doch einige knappe Hinweise zu seiner Biografie geben. Er studierte Medizin in Leipzig, wo er 1959 mit der Dissertation „Über die Dauer ventrikulärer Extrasystolen“ promovierte. 1966 wurde er Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe und war von 1974 bis 1991 Chefarzt im Krankenhaus Paul-Gerhardt-Stift in der Lutherstadt Wittenberg. 1983 habilitierte er sich an der Marin-Luther-Universität Halle-Wittenberg mit der Schrift „Die Entwicklung der individuellen und gesellschaftlichen Belastung durch die menschliche Reproduktion“.

Seine (offizielle) politische Laufbahn begann in der Wendezeit, worauf ich jetzt nicht im Einzelnen eingehen kann. Jedenfalls gipfelte diese mit dem Amt des Ministerpräsidenten, das er von 2002 bis 2011 innehatte. Sein politisches Engagement ist aber seither keineswegs erloschen. So wurde er 2014 zum Vorsitzenden der Expertenkommission des Deutschen Bundestages zur Zukunft der Behörde des Bundesbeauftragten ffür die Stasi-Unterlagen (BStU) ernannt.

Ich erlaube mir, noch eine persönliche Anmerkung anzufügen: Ich habe Sie, Her Böhmer, als Ministerpräsident zwei oder dreimal live reden hören. Ich stellte jedes Mal erfreut für mich fest: Gott sei Dank, hier redet kein Berufspolitiker! Hier spricht einer, der auf ein praktisches Berufsleben zurückschaut und die Dinge beim Namen nennt, angenehme wie unangenehme, der nüchtern, ofnfen und mit Leidenschaft seine Meinung sagt. Jedenfalls war ich ein begeisterter Zuhörer.

Wir freuen uns auf Ihren Vortrag „Medizin an der Wittenberger Leucorea“. Sie sind für dieses Thema dreifach prädestiniert: (1) als Witteberger Bürger, (2) als Arzt (und nicht nur „Mediziner“ und (3) als lokaler Medizinhistoriker. Sie betreiben schon seit Jahrzehnten intensive medizinhistorische Studien zur Thematik ihres heutigen Vortrags. So trägt eine Ihrer frühesten Schriften den Titel: „Das Wittenberger Medizinalwesen der Reformationsära“ (1982). Sie haben in der Folgezeit eine Reihe von Studien veröffentlicht, darunter auch die Schrift „Die überregionale Bedeutung der medizinischen Fakultät der Universität Wittenberg“ (1995). Zuletzt fungierten Sie als Mitherausgeber des Buches „Das heilkundige Wittenberg. Zur Geschichte des Wittenberger Gesundheits- und Sozialwesens von der Stadtfrühzeit bis zur Neuzeit“ (2009).

Wir sind gespannt auf Ihren Vortrag. Im Namen der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft darf ich Ihnen nochmals sehr herzlich für Ihre Bereitschaft danken, heute Abend zu uns zu sprechen.

 

 

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Der Tod im Leben. Medizinische und theologische Anthropologie bei Paracelsus (2017)

Diesen Vortrag hielt ich im Rahmen der Tagung „Die Teilhabe des Todes am Leben“ der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft am 13. Oktober 2017 in der Stiftung Leucorea Lutherstadt Wittenberg. Im Folgenden das unveränderte Redemanuskript.

Siehe auch diesen Blog-Beitrag.

Heinz Schott

Der Tod im Leben.

Medizinische und theologische Anthropologie bei Paracelsus[1]

 

Es ist für mich eine besondere Herausforderung, hier an der Leucorea in Wittenberg im Umfeld des 500jährigen Reformationsjubiläums einen Vortrag über Paracelsus zu halten. Martin Luther und der zehn Jahre jüngere Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus, waren Zeitgenossen mit recht unterschiedlichem Lebensstil: der eine ein Wanderarzt und Laienprediger ohne „feste Burg“, der andere ein ortsansässiger Geistlicher und Begründer einer eigenen Kirche. So unterschiedlich ihr Betätigungsfeld, ihre Lehre und ihre Anhängerschaft auch gewesen sein mögen: Ihre umwälzende Wirkung in der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte ist durchaus vergleichbar. Was Luther auf theologischem und religiösem Gebiet bewirkte, erreichte Paracelsus im Bereich der Medizin und Naturforschung: nämlich eine radikale Kritik bisher herrschender Lehrmeinungen. Insofern ist die Charakterisierung des Paracelsus als Lutherus medicorum plausibel – eine Bezeichnung, die übrigens schon bei Paracelsus selbst auftaucht, wie wir gleich sehen werden.[2]

Persönlich sind sich die beiden nie begegnet. Während Luther meines Wissens von Paracelsus keine Notiz genommen hat – dessen Rezeption setzte ja erst Jahrzehnte nach seinem Tod 1543 ein –, distanzierte sich Paracelsus, der die von Luther ausgelöste Reformationsbewegung intensiv miterlebte, von einengenden konfessionellen Fixierungen. Er polemisierte gegen die „Mauerkirche“ der Reformatoren und ihre „secten“, welcher Konfession auch immer.[3]

Im Buch Paragranum, niedergeschrieben 1530, identifiziert sich Paracelsus allerdings ausdrücklich mit Luther im Kampf gegen seine Feinde. Er polemisiert dort gegen die unwissenden und betrügerischen „doctor und meister“: „warumb seind sie mir so gehaß? darumb muß ich ein Luther heißen und bin Theophrastus nit Lutherus. Lutherus verantwort das sein; ich werde das mein auch beston. Ir tuts nit zu êren sonder zu nachreden; dan ir verachten den Luther und ir meinen, ir wissen mer als er. also sol ich Luther sein, und ir sollen mer wissen als ich. schemen stünd euch wol an, dan ir seind mir darumb feind, das ir nichts können.“[4] Etwas später fragt er nach dem Motiv der Gegner und gibt die Antwort: „ darumb, ir verhoffent, Luther werd verbrennt und Theophrastus sol auch verbrennt werden.“[5] „sie heißen mich iren ketzer, iren Luther“.[6] And dann wird er direkt: „Ir seid aus der schlangen art, darumb ich das gift von euch erwarten muß. Mit was spot habt ir mich ausplasimirt, ich sei Lutherus medicorum […]? ich bin Theophrastus und mer als die, den ir mich vergleichent“.[7]

In unserem Kreis [der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft] ist die Frage naheliegend, ob und inwieweit meine Überlegungen zu diesem bis heute umstrittenen „Luther der Ärzte“ auch dazu beitragen kann, einen neuen Zugang zum Werk Viktor von Weizsäckers zu finden. Es ist bekannt, dass sich gegenwärtig nicht allzu viele Zeitgenossen mit ihm befreunden können.[8] Kurzum: Weizsäckers Werk gilt vielen als ein irgendwie rätselhaftes, kaum fassbares Gedankengebilde, dunkel, unverständlich, fremd. Witzigerweise wird Ähnliches vom Werk des Paracelsus gesagt.

Auch Paracelsus ist heute ein weithin unverstandener Autor, eine professionelle Paracelsus-Forschung im internationalen Maßstab findet nicht statt. Selbst unter Medizinhistorikern wird sein Werk im Allgemeinen kaum beachtet. Es gibt noch nicht einmal eine aktuelle Gesamtedition der Paracelsus-Schriften, was höchst erstaunlich und wissenschaftspolitisch beschämend ist. Indem wir uns Paracelsus zuwenden, so die Arbeitshypothese, können wir möglicherweise die Spannweite der Weizsäcker‘schen Anthropologie in neuem Licht kennenlernen. Aber gilt nicht auch das Umgekehrte: Indem wir Weizsäcker im Hinterkopf haben, lässt sich Paracelsus besser verstehen?

Ich möchte eine Bemerkung zum Begriff der Teilhabe vorausschicken. Dieser Terminus kommt bei Paracelsus explizit nicht vor. Aber wir werden sehen, dass die Idee der Teilhabe so fundamental und so selbstverständlich für sein Denken ist, dass wir ihn als einen Visionär der kosmischen Teilhabe in naturphilosophischer wie anthropologischer Hinsicht bezeichnen können. Dabei geht es Paracelsus letztlich um die Mit-Teilung, wobei Sender und Empfänger miteinander korrespondieren, dass das Teil-Haben sich zu einem Ganz-sein ergänzt. Die pariticipatio ist gewissermaßen die Voraussetzung der communicatio. Meine Ausführungen sind in fünf Kapitel gegliedert, wobei ich im letzten auf Weizsäckers Paracelsus-Bild eingehen möchte.

  1. „Vieh“ und „Engel“: Der Mensch, ein Mischwesen aus Natur und Geist

Der Mensch sei, so formuliert Paracelsus in seiner programmatischen Schrift Astronomia magna oder die ganze Philosophia sagax der großen und kleinen Welt“ (verfasst 1536/37), ein Mischwesen, ein Doppelwesen, das zwei Leiber besitze: den elementischen und den astralischen. Ersterer entspringe der Erde und sei „viehisch“, letzterer entspringe dem Himmel und sei „englisch“ oder „geistig“.  Der Mensch ist somit Vieh (vich) und Engel in einer Person, ein Medium, ein Vermittler zwischen unsichtbarer und sichtbarer Welt. Doch gibt es eine gemeinsame Wurzel der beiden Welten: nämlich der limus terrae, „pulver oder staub“, zum „maior mundus“ gehörend: „und also ist der mensch gemacht aus himel und erden, das ist aus obern und undern geschöpfen.“[9]  Daraus leitet Paracelsus unmittelbar die Notwendigkeit der beiden für den Arzt zentralen Wissensgebiete ab: philosophia (Naturkunde) und astronomia (Astrologie). „darumb ist der mensch ein subiectum der philosophei, diweil er aus dem limo [terrae] gemacht ist. Und der limus ist vom himel genommen, also ist er auch ein subiectum der astronomei. also mögen astronomia und philosophia nicht voneinander gescheiden werden, dan aus der erden und himel ist er gemacht.“[10]

So wachse der wahre Naturforscher, der „philosophus“, „in zween weg […], einer ist im himel, der ander in der erden, das ist aus iedweder sphaern, und ist ein ietliche sphaer ein halber anfang, beide ein ganzer anfang“.[11] So sei der „astronomus“ nur der komplementäre „philosophus“, denn ihre beiden Bereiche Himmel und Erde verschränkten sich: „da der saturnus ist nicht allein im himel sonder auch im understen des meers und um hülisten [in den tiefsten Höhlen] der erden.“ Die „astra“ im Leib des Menschen solle der Arzt erkennen, die „anatomie“ der Sterne im Menschen wissen. Zwei Voraussetzungen müssten erfüllt sein, damit der Himmel im Menschen wirken könne: Es muss ein „Fenster“ geben, durch welches das Gestirn in den menschlichen Leib eingehen kann, und „es muß etwas im leib sein, das die gestirn annimbt, so sie in leib wirken“.[12]

Im Menschen vereinigen sich nach Paracelsus aber nicht nur „zwen leiber“, sondern auch „zwen geist“ (Geiste oder Geister): ein göttlicher und ein “vichischer”. In der Schrift De lunaticis heißt es: „die geist der Menschen“ seien „ir zwen“: „dan das ist ie war: das der mensch ein biltnus gottes ist, dabei hat er auch ein götlichen geist in im. nun ist er aber sonst ein tier, und als ein tier ein tierisch geist. das seind nun zwei widerwertige, jedoch aber eins muß dem andern weichen. nun sol der mensch kein tier sein, sonder ein mensch. sol er nun ein mensch sein, so muß er aus dem geist des lebens des menschens leben, und also hinweg tun den vichischen geist.“[13] An dieser Stelle wird die Grundeinstellung des Paracelsus deutlich: Er plädiert als Pädagoge für Erziehung und Bildung, nicht nach den Vorgaben der Autoritäten und Buchgelehrten, sondern aus Wissen (scientia) durch „Erfahrung“ der göttlichen Natur – Paracelsus spricht auch von „erfarnheit“ oder „experientia“. So ist seine astronomia (die wohl eher als Astrologie zu verstehen ist) als eine der vier Säulen der Medizin neben philosophia, alchimia und virtus (Tugend des Arztes) gerade keine fatalistische Lehre von der Herrschaft der Gestirne, sondern eher ein Programm, wie sich der Mensch davon befreien kann.

Nun war Paracelsus ein Kind seiner Zeit und kein Aufklärer im modernen Sinn, für den Teufel, Dämonen, Hexen, Nachtgeister (spectra) nicht mehr existiert hätten. Gerade dort, wo Paracelsus auf Hexen und Besessene eingeht, zeigt sich seine geistige Verankerung in der volkstümlichen, kirchlich kultivierten Dämonologie. So schreibt er in De sagis et earum operibus, fragmentum[14], dass die „unholdischen Aszendenten“ als „aufsteigend zeichen der bosheit“ die Rolle des Teufels übernähmen. Sie prädisponierten das Kind bei der Geburt zur Hexe: „Also wachsen auch die hexen in der geburt, so der geist, der hexenvater und mutter nit ausgetriben wird, so wurzlet es in der hexen so lang, bis er sie underricht.“[15] Keine hexe könne jedoch ein Unhold sein, es sei denn, sie sei „mit den unholdischen ascendenten geboren und von ihm nicht durch erbare erzihung gescheiden“.[16]

  1. „Licht der Natur“ und „Licht Gottes“: Zusammenfließende Lebensquellen

Fiat lux! „Es werde Licht“, heißt es in der biblischen Schöpfungsgeschichte (Genesis 1,3). Licht gehört zu den bedeutendsten Symbolen in der Kulturgeschichte. Es sei hier an die Sonnengottheiten erinnert, die zu verschiedenen Zeiten in unterschiedlichen Kulturen verehrt wurden, an die unterschiedlichsten Arten der Mystik, wie wir sie in Europa seit dem Mittelalter in Form von visionären Erleuchtungen kennen, sowie – besonders wichtig für die Medizingeschichte – die Visualisierung der Heilkräfte der Natur als lichtvolle Ausstrahlungen, die große Bedeutung im Mesmerismus um 1800 erlangen sollte, der von elektrischen Phänomenen inspiriert ein äußerst feines kosmische Fluidum  annahm. Auf die Geschichte dieser Lichtmetaphorik, die ja zu allen Zeiten und in allen Kulturen komplementär gegenüber dem dunklen Bösen als heilbringend und heilsbringend begriffen wurde, kann ich hier nicht näher eingehen. Tatsache ist, dass bei Paracelsus wie bei keinem anderen Arzt und Naturphilosophen der Begriff des Lichts eine zentrale Rolle spielt.[17] Dabei unterscheidet er zwei Kategorien: das Licht der Natur und das Licht Gottes.

Das „liecht der natur“ – das lateinische lumen naturae taucht bei Paracelsus nur selten auf[18] – ist das „liecht microcosmi“, das also im menschlichen Organismus wohnt, aber darüber hinaus in allen Naturdingen: Tieren, Pflanzen, Mineralien, weswegen es vom Arzt, dem Naturphilosophen auch als Heilmittel eingesetzt werden kann. So heißt es in einer frühen Schrift um 1520: „das liecht der natur ist ein ewigs liecht, dan es kompt aus den engeln und bleibt in den seelen, dorin kein tot ist. das tötlich liecht aber, das sterbt, das ist der tötliche schulmeister. dan do werden nit absterben die künst mechanica und all gesang und alle music und alle geometrie und alle philosophei, sondern sie werden nach irem [der Seele] tot im selbigen ewig stan, und als volkomen als die engel dorin erfahren. Dan dieweil die engel, doctores, meister, hantwerker etc sind, künstler etc, so darf sich die sêl des nit beschemen, das sie inen gleich stet“.[19]

Ein weiterer Aspekt des natürlichen Lichts wird in einer Schrift zehn Jahre später erörtert. Die Natur erscheint als schöpferisches Prinzip (als natura naturans nach philosophischem Sprachgebrauch), als „schulmeister“ des Arztes. Man müsse zugestehen, „das das liecht der natur disen schüler gelernt hat“ [20] – und keine andere Instanz: „das kann ein edler lermeister sein, nemlich das liecht der natur; welcher mensch ist so weis oder weißt das von im selbst?“[21] Schließlich sei „got der lerer der arznei“, wie es im Buch Pragranum heißt, denn „alle künst sind götlich, sind aus got und nichts aus anderm grunt. Dan der heilig geist ist der anzünder des liechts der natur, darumb niemants lestern mag die astronomei, niemants die alchimei, niemants die medicin, niemants die philosophei, niemants die theologei [usw]“.[22] Aus dem Zerbrechen dieser Ordnung seien alle Irrtümer (irrung, irsal), gemeint sind hier vor allem die Irrlehren der Medizinschulen, entsprungen: „dan die ordnung des natürliche liechtes ist in der kindheit zerbrochen worden, und der vihische verstant fürgetrungen und also alle professiones geregirt“.[23]

Schließlich erhält das Licht der Natur in der eingangs erwähnten Astronomia magna noch eine religiös-tiefenpsychologische Bedeutung. Paracelsus vergleicht hier Ärzte mit Propheten, mit Aposteln, die Gott offenbarten, „der mit feurigen zungen in inen geret hat“.[24] So müsse die vollkommene Unterweisung „aus dem liecht der natur genomen werden, wie die aposteln von got genomen haben. […] das liecht der natur underweise den arzet aus der philosophei, der astronomei, und nit der mensch für sich selbst, in dem doch das natürlich liecht gar nit ist.“  Wie verhält sich das Licht der Natur zum Licht Gottes, dem ewigen Licht, dem „liecht des heiligen geistes“, wie Paracelsus es hier auch nennt? Letzteres Licht umfasst Ersteres, ohne in irgendeiner Weise im Gegensatz zu ihm zu stehen. Es gehe um die „warheit beider liechter“[25]: Sie sind hierarchisch aufeinander bezogen: Eine Heide mag „mag ein heid sein, groß im liecht der natur und aber unbekant im heiligen geist“.[26]  Somit steht das göttliche („ewige“) Licht über dem der Natur und dementsprechend empfiehlt Paracelsus, vom natürlichen zum göttlichen Licht aufzusteigen oder auch vom göttliche Licht her das natürliche zu entdecken. Mit dieser Konstruktion lehnt sich Paracelsus an das weltanschauliche Grundraster von Naturphilosophie und Alchemie seiner Zeit an, nämlich die hierarchische Trias von Gott, Natur und Mensch. Gott erscheint darin als schöpferischer Urquell und oberste Instanz, die göttliche Natur als Medium, Vermittlerin zwischen Himmel und Erde, als Dienerin Gottes und Lehrmeisterin des Menschen, und der an die Erde gefesselte Mensch mit seinem „tötlich leib“ als Schüler der Natur, ja, buchstäblich als „Äffin der Natur“ (simia naturae), wie sie im 17. Jahrhundert eindrucksvoll ins Bild gesetzt wurde.[27] Insofern er dem göttlichen Licht folgt, kann der Arzt aus christlicher Perspektive sogar wie ein Prophet oder Apostel tätig werden.

  1. „ein ietlich krankheit ist ein frucht des tots“: Der Tod im Leben  

In der Geschichte der gelehrten Medizin hat die Zäsur zwischen Leben und Tod seit der Antike große Bedeutung. Der Arzt ist von alters her für den Gesundheitszustand des Menschen zwischen Geburt und Tod („von der Wiege bis zur Bahre“) zuständig.  Allerdings hat sich diese Lebensspanne seit dem 20. Jahrhundert – unter anderem dank molekularer Genetik und Hightech-Medizin – ausgedehnt und beginnt nun schon mit bzw. vor der Zeugung und schließt auch die Weiterbehandlung von Organen „Hirntoter“ mit ein. Wie dem auch sei: Spätestens seit der Aufklärung ist die Medizin generell davon überzeugt, des man auf einer linearen Zeitachse ziemlich genau den Punkt angeben könne und auch müsse (man denke an die bis ins 19. Jahrhundert andauernde Problematik des Scheintods), wo der menschliche Organismus stirbt und zu einer Leiche wird.

Von Paracelsus, einem Autor des 16. Jahrhunderts, wird diese Vorstellung grundlegend durchkreuzt. Denn seine ärztliche Anthropologie verschränkt in untrennbarer Weise Medizin und Theologie. So ist der Leib als solcher „tötlich“, das heißt: nicht mit Leben schlechthin, der Lebenskraft, wie ein späterer Ausdruck lautet, zu identifizieren. Das Leben entspringt dem Licht der Natur, das von Gott kommt. Wo dieses Licht abgeschirmt oder verfälscht wird, entsteht Krankheit und Tod. Paracelsus sieht zwischen beiden keinen Kausalzusammenhang. Gegen den Tod ist tatsächlich kein Kraut gewachsen, gegen die Krankheit aber sehr wohl: „dan kein krankheit ist nicht, sie hat ir arznei: und aus keiner krankheit (der contractur) entspringt der tot, [es] mag widerstên ein faex [Bodensatz, Abschaum – H.S.] und causa der krankheit der arznei.“[28] Wenn Paracelsus hier sagt, der Tod sei nicht eine Folge der Krankheit, so behauptet er in einer anderen Schrift, die Krankheit sei die Frucht des Todes: „ ein ietlich krankheit ist ein frucht des tots, das verstant also. zu gleicher weis wie in baum steht im winter dürr und entlaubet, so aber der früling kompt, so scheußt er sein proßlen, darnach sein bletter darnach sein blust, darnach dringt [sic] er die frucht herfür. Also wie dem baum ist, also ist auch einer jeglichen krankheit.“[29] Und wieder woanders, in De vita longa (1526/27 vefasst), lesen wir: „Der Tod bringt keine Krankheit, auch keine Krankheit den Tod. Und ob sie schon beieinander sind, so stehen sie doch zusammen gleich wie ein Feuer und Wasser, so wenig ist bei ihnen eine Vereinigung. Denn jede natürliche Krankheit haßt den Tod und flieht ihn, kein Glied im Leibe liebt ihn. So ein besonderes Wesen, geschieden von der Krankheit, ist der Tod.“[30]

Dies Aussagen zusammengenommen folgen keiner stringenten Logik, sie sind widersprüchlich und vieldeutig. Jene märchenhafte Welt tut sich auf, die letztlich alle, Gelehrte wie Laien, in dieser umwälzenden Epoche, erlebten – eine Welt der „Antilogik“, um einen Terminus von Weizsäcker zu gebrauchen.[31] So bedeutet bei Paracelsus der Tod beides: Zum einen, Endresultat eines Krankheitsprozesses, der mit allen Mitteln der wahren ärztlichen Kunst („im Lichte der Natur“) zu bekämpfen ist; zum anderen ein von Gott bestimmtes Schicksal (Paracelsus spricht einmal von einem „fatal“)[32], das nicht manipulierbar ist. Es gibt keine „normale“ Lebensdauer und die moderne statistische Errechnung von Durchschnittsalter und Überlebenszeit liegt Paracelsus natürlich fern. (Aber wir sollten uns bewusst sein, dass auch die heutige Molekularbiologie die fatale Tatsache anerkennen muss, dass der Tod angesichts der „Apoptose“, des programmierten Zelltods, „ein Programm und kein Zerfall“ ist – ein Programm, das der modernen Medizin und ihrem evolutionsbiologischen Entwicklungsgedanken Rätsel aufgibt.)[33]

Der Lebenszyklus des Menschen ist nach Paracelsus dem Zyklus der Jahreszeiten und der Pflanzenwelt analog, wobei er die Metapher des Baumes bevorzugt verwendet, auch um den Zyklus einer Krankheit zu veranschaulichen, wie wir bereits gehört haben. Aber dieser Zyklus ist kein Selbstläufer. Sein Leben wird unterhalten von einer Kraftquelle, die außerhalb des Leibes liegt. Hier sind, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, vor allem drei Begriffe wichtig, mit denen diese numinose Quelle umschrieben wird: „götliche weisheit“, „unsichtbar feur“ und „balsam“.

  1. „götliche weisheit im tötlichen leib“: Das Leben im Tod

Dem lebenden Organismus – Paracelsus spricht durchweg von „leib“ – ist der Tod mit seiner Empfängnis unaufhebbar eingeboren. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung, erscheint der leibliche Tod als absoluter Tod schlechthin, gleichsam als schwarzes Loch, von dem das Leben mit unwiderstehlicher Gewalt angezogen wird und in dem es endgültig verschwindet. Der Clou bei Paracelsus ist jedoch, dass dieser dem Tod verfallenen „tötliche leib“ in sich einen untilgbaren Lebenskern aufweist, einen unauslöschbaren göttlichen Funken. Am ausführlichsten hat Paracelsus das Nebeneinander und Ineinander von medizinischer und theologischer Anthropologie in seiner Astronomia magna dargelegt, woraus ich schon mehrfach zitiert habe. Dort ist zu lesen: “ich rede aber alein von des menschen tierischer art, die gescheiden ist von anderer tierischer natur, begabt mit götlicher weisheit, begabt mit götlichen künsten, darumb wir bilich götter geheißen werden und söne des allerhöchsten. Dan in uns ist das liecht der natur und das liecht ist got. aus dem dan folgt, das wir götliche weisheit im tötlichen leib tragen. auch die künst, die niemants sein dan allein gottes, die haben wir in unsern kreften, und also werden sie uns geben, nachdem und die stunde der entpfengnus welche entpfengnus im selbigen augenblick den samen macht und gebirt im leib und in den sinnen, in vernunft und künsten.“[34]

Diese „götliche weisheit“ als lebensspendende Kraft ist bereits in der vorgestellten Metaphorik der beiden Lichter angedeutet. Das Licht wiederum wird mit Feuer und Balsam assoziiert und symbolisiert die göttliche Heilkraft der Natur. So heißt es in De natura rerum[35]: „Nun ist das leben des menschen anders nichts dan ein astralischer balsam, ein balsamische impression, ein himlischs und ein unsichtbares feur, ein eingeschloßner luft und ein tingierender salzgeist. wiwol es mit vielen und mer namen genennet möchte werden“.[36] Es entspricht durchaus dem kosmischen Fluidum, wie es Franz Anton Mesmer, der Begründer des animalischen Magnetismus, 250 Jahre später beschrieben hat. Auch er sprach von einem „unsichtbaren Feuer“, einem „Lebensfeuer“, einer „Allflut“, die er sogar in einer Skizze als Ausstrahlung aus dem Auge Gottes gezeichnet hat.

Paracelsus‘ Rede vom „Feuer“ verweist auf die Alchemie. Himmel und Erde sind durch eine Brücke von Licht und Feuer miteinander verbunden, wie es in der frühneuzeitlichen Emblematik häufig ins Bild gesetzt wurde. Es gibt aber auch bösartige, teuflische Feuer (auch schwarze, dunkle Feuer), die den Körper wie Parasiten befallen. Paracelsus spricht von „Krankheitssamen“. Im Hinblick auf die fünf Entien schreibt er: „fünferlei feur sind uber den leib, wan der leib muß warten, welches feur in betret und im ein krankheit mache.“[37]

Balsam (balsamus) entspricht der seit der Antike tradierten „Heilkraft der Natur“ (physis). So lautet seine lateinische Definition in den ansonsten deutsch verfassten Vorlesungen über Wunden und Wundarznei (1527/28): „Balsamus est, quod praeservat naturam a putrefactione et reducit naturam in suam virtutem.“ [38] In einer früheren Schrift zur Wundarznei heißt es: „der leib hat in im ein balsam, der alle ding im leib behüt for feulung. […] Dieser balsam, damit die ulecera sollen geheilet werden, ligt in den eußeren elementen und ist der balsam, der die anderen genera defendirt, das sie nit faulen.“[39] Es ist das Lebensfeuer, das der Arzt zu schützen und zu stärken hat, nicht aus eigener Machtvollkommenheit, sondern im „Lichte der Natur“.

Der bedeutende Paracelsus-Interpret Walter Pagel hat die Zusammenhänge des medizinischen Weltbilds des Paracelsus mit Neuplatonismus und Gnosis wunderbar herausgearbeitet.[40] Eine umfassendere   wissenschaftshistorische Kontextualisierung ist bis heute ein Desiderat der Paracelsus-Forschung, was insbesondere für die Kabbala zutrifft, auf deren magische Geheimlehre Paracelsus häufig anspielte.[41] Er propagierte eine theologische Lebensphilosophie, nicht primär, um als Laienprediger Anhänger um sich zu scharen, sondern um als Arzt die herrschende Medizin (die „arznei“ der „schulen“) auf eine radikal neue Grundlage zu stellen: Die Medizin sollte keinen theologischen Überbau erhalten, nicht im konfessionellen Sinn religiös indoktriniert werden, sondern durch konsequente Naturforschung in der „Bibel der Natur“ (liber naturae) lesen lernen und somit im Lichte der Natur und damit zugleich im Lichte Gottes wandeln. Mit diesem Ansatz beeinflusste Paracelsus nachfolgende Generationen von Ärzten und Naturforschern zutiefst, vor allem die Alchemisten unter ihnen,

  1. „Ein mächtiger Freund“: Über Viktor von Weizsäckers Paracelsus-Bild[42]

Weizsäcker erwähnt Paracelsus zumeist nur en passant in einem Atemzug mit anderen Autoritäten der Medizingeschichte. Sein Artikel „Bilden und Helfen (Hippokrates und Paracelsus)“ macht jedoch hiervon eine Ausnahme.[43] Er offenbart nicht nur die besondere Bedeutung des Paracelsus für Weizsäcker, sondern auch die Grundkonstellation seiner, Weizsäckers, Theoriebildung schlechthin.[44] Just in jenem Jahr 1926, in welchem er – der sich als Kliniker gerade enthusiastisch der Psychoanalyse zugewandt hatte – Freud in Wien besuchte, erschien diese Schrift, in der er sich ebenso für Paracelsus begeisterte. Für diesen stehe der christliche Glaube im Zentrum. In der „Natur als Kreatur“, so Weizsäcker, „begegnet der gläubige Paracelsus dem Arzte Paracelsus, hier der Theologe dem Naturforscher“.[45]

Seine hagiographische Stilisierung des Paracelsus passt zum romantische angehauchten („deutschtümelnden“) Narrativ von deutschsprachigen Autoren der 1920er und 1930er Jahre, von den Paracelsus-Editoren Karl Sudhoff und Wilhelm Matthießen bis hin zum Romanschriftsteller Ernst Guido Kolbenheyer. Man kann beobachten, wie das Paracelsus-Bild jener Zeit zutiefst vom vorherrschenden Luther-Bild imprägniert war: Der Kampf der tiefgründigen deutschen Geistesgröße gegen die Niederungen oberflächlicher, nur rationaler Weltanschauung, die man bei den welschen Südländern vermutete. So spricht Weizsäcker vom „nordischen Geheimnis“, der „heidnisch-magische[n] Welt“, den „deutschen Worten Kampf und Liebe“, die er der „stilgebildete[n] Kraft der Formen der Mittelmeervölker“ gegenüberstellt.[46] Paracelsus übte über die Jahrhunderte hinweg eine ungeheure Wirkung aus, wobei die Paracelsus-Bilder erheblich von dem des 20. Jahrhunderts abwichen, wie es auch bei Weizsäcker auftaucht. Erwähnt seien nur Jakob Böhme, die so genannten Rosenkreuzer, Goethe oder gar Rudolf Virchow, wenn wir Walter Pagel folgen.[47]

Weizsäcker war beileibe kein intimer Paracelsus-Kenner, aber er konnte das, was seinerzeit über ihn gedacht und geschrieben wurde, hervorragend nutzen, um seinen eigenen Standpunkt als Arzt zu bestimmen: nämich das Zusammengehen von Wissen und Glauben, Natur und Geist und in letzter Konsequenz von medizinischer und theologischer Anthropologie. Hippokrates und Paracelsus, das war Weizsäckers Zauberformel, die für seine gesamte Lehre maßgeblich wurde.[48] Wenn Hippokrates für Weizsäcker das Wissen repräsentiert, so Paracelsus die Macht, die Magie.  Als Ärzte „haben wir zu ihnen das Verhältnis der Nachkommen, Söhne.“[49] Nur aus diesem „Verwandtschaftsverhältnis“, nicht als Historiker, „als objektiver Betrachter“, könne er über sie sprechen. Dabei ist klar, auf wen er mehr zählt, mit wem er mehr sympathisiert: nämlich mit Paracelsus, den „mächtige[n] Freund“.[50]

Diesen bewundert er als Revolutionär: Er sei „ein vulkanischer Durchbruch, eine blendende Stichflamme im Gefüge seiner Zeit, nicht umgeben von Schülern, sorgsam bildend und überliefernd, nein, einsam auf sich gestellt, unstet meist verhöhnt und leidenschaftlich zugleich geliebt.“[51] So erscheint Paracelsus als einsamer Held, „stets mußte seine eigene Glut den Krater erfüllen, den er in seiner Umwelt erzeugt hatte.“ Er habe die Welt „noch mehr revolutioniert als geformt. Und hierin ist zugleich seine Gottnähe ausgedrückt.“[52] Sein (christlicher) Glaube habe ihn „in sein nur geistliches Endziel bei Gott“ „hineinreißen“ können. Der „Magier Paracelsus“ sei „hart an das Haus der Galenisten und Hippokratiker [gestoßen]: wehe ihrer grauen Theorie und ihrem starren System“.[53]

Weizsäcker ist vor allem von einem Tatbestand fasziniert: „die größte Naivität und kraft des sinnlichen Realismus und die größte Nähe und Wirklichkeit des göttlichen Wirkens in Natur und Mensch sind hier eng miteinander verbunden: es ist ein und die gleiche Glaubenskraft und Lebenskraft, welche die sinnliche wie die übersinnliche Welt bis in Greifnähe heranzieht.“[54] Dieses Zitat erklärt vielleicht, was Weizsäcker im Gespräch mit Freud in Wien 1926 gemeint hat, als er zu diesem sagte, er sei  „im Nebenamte wohl auch etwas Mystiker“.[55] Für Weizsäcker war Paracelsus in jener Umbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg, als die so genannte „Krise der Medizin“ ihren Höhepunkt erreichte, ein leuchtendes Vorbild. In seiner Autobiografie „Natur und Geist“ bezeichnete er diese Epoche im Rückblick als „eine oppositionelle Gärung, aus welcher wohl ein Reformator hätte hervorgehen können. Aber es erschien weder ein Luther noch ein Paracelsus“.[56]  An anderer Stelle spricht Weizsäcker von einer „enttäuschte[n] Sehnsucht“: „es fehlte der Paracelsus unserer Zeit; und ich jedenfalls hätte ein solcher nicht werden können, sei es aus Mangel der Anlage, sei es aus Schwäche der Überzeugung.“[57] Weizsäckers Kritik der naturwissenschaftlichen Medizin entspringt einem gewissen Anachronismus. Er bedauert, dass sie die Weltanschauungen und Erkenntnisse aus früheren Zeiten, die Bedeutung von Religion, Magie, Naturphilosophie für die Heilkunde ignoriert und die Theologie gänzlich aus ihrem Menschenbild ausblendet hat. Von daher wird – über Paracelsus hinaus – auch sein Faible für Theosophie, Mystik und Romantik verständlich. Aber Weizsäcker wurde nicht zu einem esoterischen Eskapisten, er stellte sich der hartleibigen Realität der klinischen Universitätsmedizin.

 

Schluss

Zum Schluss möchte ich noch einmal Paracelsus zu Wort kommen lassen. In folgenden Zitaten wird vielleicht deutlich, dass Teil-Habe als Voraussetzung der Mit-Teilung zu verstehen ist. Im „Spital-Buch“ von 1529 – im selben Jahr erschien hier in Wittenberg der Große und der Kleine Katechismus von Martin Luther – schreibt er: „der höchste grund der arznei ist die liebe; dan in welcher maß die liebe ist, dermaßen wird auch das wetter über uns gehen. das ist, ist unser liebe groß, so werden wir große frucht in der arznei dardurch schaffen, wird sie bresthaftig sein, so werden unsere frücht mangelhaftig funden.“[58] Und in der Schrift „Von hinfallenden Siechtagen der Mutter [Gebärmutter]“, zur selben Zeit verfasst, bringt er seine ärztliche Anthropologie in ihrer fundamentalen Verschränkung von Medizin und Theologie auf eine brillante Formel. Es geht darin nicht nur um Barmherzigkeit, sondern um das Erkennen und Handeln im Lichte der Natur, das heißt: um wahrhafte Bildung, die nur durch immer strebende Arbeit erworben werden kann. So steht am Ende des Zitats ein paracelsischer Schlüsselbegriff, nämlich „erfarenheit“: „schwezen, süß reden blandiren [schmeicheln] ist des mauls ampt, helfen aber, nuz sein, ist des herzen ampt. im herzen wechst der arzt, aus got get er, des natürlichen liechts ist er, der erfarenheit.“[59]

[1] Vortrag im Rahmen der Tagung „Die Teilhabe des Todes am Leben“ der Viktor von Weizsäcker Gesellschaft am 13. Oktober 2017 in der Stiftung Leucorea Lutherstadt Wittenberg.

[2] Heinz Schott: Lutherus medicorum“: Wege und Irrwege der Paracelsus-Rezeption. In: Medizin und Sozialwesen in Mitteldeutschland zur Reformationszeit. Hrsg. von Stefan Oehmig. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt, 2007, S. 273-288.

[3] Siegfried Wollgast: Zur Wirkungsgeschichte des Paracelsus im 16. Und 18. Jahrhundert. In: Resultate und Desiderate der Paracelsus-Forschung. Hg. von Peter Dilg und Hartmut Rudolph. Stuttgart: Steiner, 1993 (Sudhoffs Archiv, Beihefte 31), S. 113-144, hier S. 115.

[4] SW, 8, S. 38.

[5] A. a. O., S. 43 f.

[6] A. a. O., S. 47.

[7] A. a. O., s. 62 f.

[8] So erscheint Weizsäcker aus Sicht gewisser Rezensenten als schwer verständlich und irgendwie fremd. Einer bemerkte, die „Pathosophie“ sei in einer „manchmal mehr verdunkelnden als erhellenden Sprache“ verfasst (FAZ vom 2. Mai 2005; http://www.buecher.de/shop/fachbuecher/pathosophie/weizsaecker-viktor-von/products_products/content/prod_id/13281267/ ;14.09.2011), vieles bleibe, wie ein anderer Rezensent bemängelte, „dunkel und verborgen in der komplizierten Denk- und Ausdruckswelt des Autors, in der auch Mystischem Bedeutung zukommt“( SZ vom 8. August 2005; http://www.buecher.de/shop/fachbuecher/pathosophie/weizsaecker-viktor-von/products_products/content/prod_id/13281267/ ;14.09.2011), überhaupt nehme sich, wie ein weiterer Rezensent meinte, Weizsäcker mit der Gesamtausgabe seiner Schriften im Suhrkamp-Verlag als etwas seltsamer Fremdkörper aus“ (NZZ vom 10. Juni 2006; http://www.perlentaucher.de/buch/20998.html 14.09.2011). Besonders auffällig wird das Unverständnis und die Hilflosigkeit dort, wo vom „Mystiker“ Weizsäcker oder gar dessen „Mystizismus“ die Rede ist, wie die Kontroverse um eine Textpassage in Udo Benzenhöfers Werkbiographie vor Jahren gezeigt hat (Udo Benzenhöfer: Der Arztphilosoph Viktor von Weizsäcker. Leben und Werk im Überblick. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2007, S. 141; http://viktor-von-weizsaecker-gesellschaft.de/assets/pdf/Mitteilungen_Nr22_08.pdf?id=8 ; 20.09.2011 / http://viktor-von-weizsaecker-gesellschaft.de/assets/pdf/Mitteilungen_Nr23_08.pdf?id=8 ;20.09.2011).

[9] Viktor von Weizsäcker: Sämtliche Werke (= SW), 12, S. 33.

[10] Ebd.

[11] SW, 8, S. 145 f.

[12] SW, 8, S. 163.

[13] SW, 14, S. 43

[14] SW, 14, S. 5–27.

[15] Ebd., S. 9.

[16] A. a. O., S. 14.

[17] Kurt Goldammer. Die Lichtsymbolik in philosophischer Weltanschauung, Mystik und Theosophie vom 15. Bis 17. Jahrhundert. In: Studium Generale 13 (1960), S. 671.

[18] Heinz Schott: „In the Light of Nature“: The Imagery of Paracelsus. In: Systèmes de pensée précartésiens. Ed. by Heinz Schott and Ilana Zinguer.  Paris: Honoré Champion 1998, pp. 277-301 ; in particular p. 280 resp. 296.

[19] SW, 1, S. 319.

[20] SW, 8, S. 298.

[21] A. a. O., S. 299.

[22] A. a. O., S. 208.

[23] A. a. O., S. 81.

[24] SW, 11., S. 164.

[25] SW, 9, S. 28.

[26] A. a. O., S. 29.

[27] Heinz Schott: Magie der Natur. Historische Variationen über ein Motiv der Heilkunst. Aachen: Shaker, 2014, Bd. 2, S. 193-198.

[28] SW, 2, S. 486.

[29] SW, 14, S. 180.

[30] Zit. n. Helmut Hiller; Paaracelsus-Lexikon. Anger:  Verlag Eick, 1996, S. 292.

[31] Viktor von Weizsäcker: Das Antilogische (1950), in: GW, 8, S. 316-322.

[32] SW, 2, S. 486.

[33] Jens Reich: „Medizin: Leben und Vergehen“, in: DIE ZEIT, 20. März 2008 Nr. 13;  http://www.zeit.de/2008/13/Edi-Reich-Nachwort (3.01.2016).

[34] SW, 12, S. 120.

[35] SW, 11, S. 307-403

[36] SW, 11, S. 330.

[37] SW, 1, S. 172; die Entien-Lehre des Paracelsus unterscheidet fünf verschiedene Dimensionen der Krankheitsursache: Ens naturale, Ens veneni, Ens astrale, Ens spiritual und Ens deale.

[38] SW, 5, S. 331.

[39] SW, 6., S. 135.

[40] Walter Pagel: Das medizinische Weltbild des Paracelsus. Seine Zusammenhänge mit Neuplatonismus und Gnosis. Wiesbaden: Steiner, 1962 (Kosmosophie; Bd. 1)

[41] „Paracelsus und die Kabbala“ wäre ein interessantes Forschungsprojekt. Ein entsprechender Ansatz kam nicht zustande, da der vorgesehene Hauptbearbeiter Christoph Dröge überraschend verstarb.

[42] Autobiografische Notiz:

Es könnte scheinen, als wollte ich durch eine bestimmte Paracelsus-Interpretation Weizsäckers Denken erläutern. Aber, und das ist mir erst kürzlich aufgefallen, das Umgekehrte trifft mindestens ebenso zu: Erst die Beschäftigung mit Weizsäckers medizinischer Anthropologie hat mir à la longue über verschiedene Stationen einen Zugang zu Paracelsus ermöglicht. Am Anfang meines Medizinstudiums in Heidelberg wurde ich im Weizsäcker-Seminar von Wolfgang Jacob mit den philosophischen Grundfragen des Arztseins konfrontiert (was ist Gesundheit, was ist Krankheit, was heilt, was kränkt?). Diese wurden zur Leitlinie für meinen Werdegang als Medizinhistoriker. Erst im reiferen Alter habe ich mich dann Paracelsus zugewandt, der diese Grundfragen so vehement wie kaum kein anderer aufgeworfen und auf seine radikale Weise beantwortet hat. Insofern habe ich Ihnen heute eine Auslegung des Paracelsus dargeboten, die auch von meinem Verständnis des Weizsäcker’schen Werks geprägt ist. Man könnte von einer wechselseitigen Kommunikation sprechen, die man als Autor imaginiert. Und es gibt in meinen Augen kaum ein größeres Vergnügen für einen historisch Forschenden, als Gestalten der Vergangenheit untereinander und vielleicht mit einem selbst ins Gespräch zu bringen. (Ich versuche gerade, Dantes „Göttliche Komödie“ zu lesen.)

[43] In: Viktor von Weizsäcker: Gesammelte Schriften, Bd. 5, S. 143-161.

[44] Der Epileptologe Dieter Janz war von dieser Schrift inspiriert: 40 Jahre später veröffentlichte er seinen Artikel „Leitbilder der Epilepsie bei Hippokrates und Paracelsus“; vgl. den Wiederabdruck in Jahrbuch Literatur und Medizin, Bd. 4. Hg. von Bettina von Jagow und Florian Steger. Heidelberg: Winter 2010, S. 195-213; sowie Rainer-M.E. Jacobi: Ein unbekannt gebliebener Text von Dieter Janz zu den Leitbildern der Epilepsie bei Hippokrates und Paracelsus; a. a. O., S. 187-194.

[45] Ebd., S. 153.

[46] Weizäscker, GS, 5, S. 159.

[47] Walter Pagel: Virchow und die Grundlagen der Medizin des XIX. Jahrhunderts. Jena: G. Fischer, 1931 (Jenauer medizin-historische Beiträge; H. 14); Heinz Schott: Was können wir in unserer heutigen Situation von Virchow lernen? (Vortrag), siehe: https://schott.wordpress.com/2014/06/01/was-konnen-wir-in-unserer-heutigen-situation-von-virchow-lernen-ein-vortrag-von-heinz-schott/ ; vgl. auch Weizsäcker, GS, 5, S. 159.

[48] Solche theoriebildenden Zauberformeln, die fragmentarische Anleihen bei wohlbekannten Autoritäten machen und mit gewissen Versatzstücken ihre Lehre konstruieren, sind in der Wissenschaftsgeschichte nicht ungewöhnlich.  Ich erinnere nur an Sigmund Freuds luftige Konstruktion des Ödipus-Komplexes aus dem Drama des Sophokles und dem „Hamlet“ von Shakespeare in der „Traumdeutung“.

[49] Weizsäcker, GS, 5, S. 144.

[50] Weizsäcker, GS, 5, S. 160.

[51] A. a. O., S. 151.

[52] A. a. O., S. 152.

[53] A. a. O., S. 153.

[54] A. a. o., S. 154 f.

[55] Viktor von Weizsäcker: Natur und Geist. Göttingen 1954, S. 43.

[56] Weizsäcker, GS, 1, S. 51.

[57] A. a. O., S. 161.

[58] SW 7, S. 369.

[59] SW, 8, S. 321.

Medizinhistorisches Institut der Universität Bonn 1988 bis 2016: Die „Chroniken“ (Jahresberichte)

Am 1. Juni 1987 übernahm ich die Leitung des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bonn (MHI). Nach einer Eingewöhnungszeit erschien dann der erste Jahresbericht („Chronik 1988“) im Frühjar 1989. Er umfasste den Zeitraum SoSe 1988 und WiSe 1988/89. Offizielle trat ich zum 1. September 2014 in den Ruhestand, leitete jedoch das Institut in Selbstvertretung noch bis zum  30. März 2016, sodass die Chroniken mit dem WiSe 2015/16 enden.

Eine zusammenfassende Publikation dieser Berichte in gedruckter Form war nicht geplant. Deshalb veröffentliche ich sie jetzt in meinem Blog, auch um selbst bequem darauf zurückgreifen zu können. Sie stellen ein Dokument dar, das insbesondere auch die Geschichte der Medizinhistoriografie betrifft und für zukünftige Wissenschaftsforscher möglicherweise von Interesse sein kann.

Hier der Link zur PDF der 689 Druckseiten umfassenden Dokumentation.

 

Ansprache zur Erinnerung an Prof. Dr. phil. Dr.med. Rolf Wüllenweber (2017)

Diese Ansprache zur Erinnerung an den Bonner Neurochirugen Rolf Wüllenweber hielt ich am 11.09.2017 im Uniclub Bonn anlässlich der „Vernissage Sammlung Wüllenweber“, moderiert von Prof. Dr. Lothar Hönnighausen.

Zum wissenschaftlichen Werdegang von Rolf Wüllenweber

Er wurde er 15. August 1924 in Derschlag (heute Ortsteil von Gummersbach; Oberbergischer Kreis) geboren und starb am 12. März 2000 in Bonn.  

Ich habe kürzlich den Lebenslauf aus seiner philosophischen Dissertation von 1948 entdeckt und darf daraus zitieren:

„Nach Ablegen des Abiturs an der Oberschule für Jungen in Gummersbach am 26.3.1942 begann ich im Sommersemester 1943 mit dem Studium der Medizin an der Universität Berlin. Vom Wintersemester 1943/44 bis zum Wintersemester 1944/45 war ich an der Universität Prag immatrikuliert, wo ich mich neben dem Medizinstudium dem Studium der Psychologie und Philosophie widmete. Im Februar 1945 bestand ich das Physikum an der Universität Prag.

Im Sommersemester 1946 nahm ich das Studium an der Universität Bonn auf, wo ich neben dem Medizinstudium auch das Studium der Philosophie und Psychologie fortsetzte. […] Im Winter 1946/47 begann ich mit den Versuchen der vorliegenden Arbeit.“

1948 promovierte er im Alter von 24 Jahren im Fach Psychologie mit der Dissertation: Deutungen expressionistischer Bildkompositionen als psychologische Testmethode: Untersuchungen über die Stimmungslage Tuberkulosekranker.

Auf diese Schrift werde ich noch zurückkommen.

Ab 1956 arbeitete er in der neu etablierten Neurochirurgischen Universitätsklinik unter Peter Röttgen, wo er sich nach seiner medizinischen Promotion 1963 habilitierte und dann als Oberarzt und schließlich Außerplanmäßiger Professor tätig war.  

1973 folgte er einem Ruf an die FU Berlin und kehrte schließlich als Nachfolger von Peter Röttgen 1978 nach Bonn zurück, wo er die Neurochirurgische Klinik bis zu seiner Emeritierung 1989 leitete.

Sein Forschungsschwerpunkt lag auf der Hirndurchblutung und dem Hirnstoffwechsel sowie der chirurgischen Behandlung von Hirnanomalien wie etwa des Hydrocephalus. Zusammen mit den Epileptologen Heinz Penin und Christian E. Elger (1987 als Professor für Prächirurgische Epilepsiediagnostik berufen) begründete Wüllenweber Bonns Ruf in der neurochirurgischen Behandlung der Epilepsie. Er stand also am Anfang der wissenschaftsbasierten Epilepsiechirurgie in Bonn, die dann nach seiner Emeritierung von seinem Nachfolger Johannes Schramm ausgebaut wurde. Somit schuf er zusammen mit anderen die Voraussetzung für die herausragende Stellung, welche die heutige Neurowissenschaft in Bonn auch international genießt (Man denke an das Life and Brain Center sowie das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen/DZNE, zwei Forschungseinrichtungen mit stattlichen Gebäuden auf dem Venusberger Klinikumsgelände).

Zum medizinethischen Engagement von Rolf Wüllenweber

Rolf Wüllenweber setzte sich intensiv mit medizinethischen Fragestellungen in einer Zeit auseinander, wo die Medizinethik fachlich und administrativ noch nicht etablierte war und zum Pflichtkanon in Forschung, Lehre und Krankenversorgung gehörte. Er organisierte in den 1980er Jahren ein Ethik-Kolloquium, das über zehn Jahre lang im Nervenzentrum stattfand. Wie ich von meinem Vorgänger Nikolaus Mani weiß, hatten die betreffenden Veranstaltungen große Anziehungskraft und wurden sehr gut besucht. Hier wurden Fragen zum Anfang und Ende des Lebens, zur ärztlichen Schweigepflicht, zur Gentechnologie und nicht zuletzt auch das damals brisante AIDS-Problem öffentlich diskutiert.

Sein Interesse an geisteswissenschaftlichen Fragestellungen, die er auf sein Fachgebiet bezog, zeigte sich auch daran, dass er einen interdisziplinär arbeitenden Spezialisten in seiner Klinik förderte: nämlich Detlef Linke (1945-2005), der ab 1982 die Abteilung für Neurophysiologie und Neurochirurgische Rehabilitation leitete. Linke war ein Grenzgänger zwischen Medizin und Philosophie und war ein kritischer Begleiter der aufblühenden Neurowissenschaften.

Exkurs zur phil. Dissertation von 1948: Zu Wüllenwebers Bildverständnis

Der Haupttitel dieser Dissertation lautet: „Deutungen expressionistischer Bildkompositionen als psychologische Textmethode“. Ich habe diese Arbeit kürzlich in der ULB Bonn aufgetrieben, sie liegt als Mikrofiche vor. Ich habe sie komplett gescannt. (Ich gebe die Dateien gerne an Interessenten weiter). Korreferent war der namhafte Philosoph und Psychologe Erich Rothacker (1888-1965), Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Bonn. Referent (Doktorvater) war der „Dozent Dr. med. et phil. C. Fervers“, der eine Privatklinik in Solingen-Ohligs betrieb und ab 1950 als apl. Professor an der Bonner Universität die Abteilung Medizinische Psychologie leitete.

Rolf Wüllenweber setzte sich also experimentalpsychologisch mit der Stimmungslage Tuberkulosekanker auseinander. Die Tuberkulose war nach dem Zweiten Weltkrieg „Volkskrankheit Nr. 1“ (die New York Times sprach sogar im April 1947 von „Europas Mörder Nr. 1“), wozu insbesondere Paul Martini engagiert Stellung bezogen hat. Es ist erstaunlich, wie er auf den wenigen Seiten der Einleitung ein weites Panorama der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ins Auge fasst.  Er erwähnt u. a. die Formdeutungsversuche von Leonardo da Vinci, die Klecksographien Justinus Kerners, den psychologischen Rorschach-Test. Er erinnert an alte Tuberkuloseärzte und zitiert ausgiebig den tuberkulosekranken Dichter Klabund. Er erwähnt auch Molière, Schiller, Christian Morgenstern, Novalis und Chopin.

Ihn interessiert vor allem die magische Wirkung des Bildes: „Die Malerei begegnet uns hier als Mittel der Welt und Seelenbeschwörung.“ (S. 6) Vor allem orientiert er sich an Albert Schweitzers „afrikanischen Geschichten“ (1938), wo das Erblicken des eigenen Spiegelbildes bei einem bestimmten Eingeborenenstamm den Tod verursachen kann. „Die magische Wirkung des Bildes ist so gross, dass die in diesem Falle eine Ohnmacht, in anderen Fällen, die Schweitzer beschreibt, den Tod – ebenfalls ohne jede organische Ursache – zur Folge hat.“ (ebd.) Er verweist darauf, „wie der magische Glaube von der Gewalt des Bildes noch heute in unserer Umgangssprache zum Vorschein kommt“. (S. 7) (Beispiel. „den Teufel an die Wand malen.“) Und er kommt sogar auf die indische Yogapraxis zu sprechen, wobei das Bild bei der Meditation nicht „durch seinen ästhetischen Gehalt, sondern durch seine magische Macht“ auf das innere Wesen des Menschen einwirke. (ebd.)      

Soweit ein kurzer Einblick in diese Dissertation. Als Medizinhistoriker, der sich mit dem Begriff der Magie beschäftigt hat, bin ich sehr angetan. [Übergabe der Kopie an Prof. Honnighausen]      

 Anekdotisches zum Schluss

Wüllenwebers Wohnzimmer in seinem Haus auf dem Venusberg ist in die Literatur eingegangen. Matthias Brand, der jüngste Sohn des früheren Bundeskanzlers, berichtet in seinen Kindheitserinnerungen „Raumpatrouille“ (2016), wie er öfters – durch einen direkten Zugang im Zaun schlüpfend – das alte Ehepaar Lübke im Nachbarhaus besuchte, freundlich aufgenommen wurde und dort besten Kuchen zu essen bekam. Just dieses Haus übernahm später Rolf Wüllenweber.

Ich selbst habe Rolf Wüllenweber noch kurze Zeit nach meinem Dienstantritt in Bonn 1987 als Fakultätskollegen erlebt. Er war nach meinem Eindruck ein sensibler Gentleman. Unvergesslich ist mir mein Antrittsbesuch bei ihm als neuberufener Kollege. Er empfing mich sehr freundlich, ließ mich Platz nehmen, entkorkte formvollendet eine Flasche Sekt (wahrscheinlich war es Champagner) zur Feier des Tages und stieß mit mir auf meine Bonner Zukunft an. Diese Willkommenskultur war für mich eine freudige Überraschung und blieb in dieser Form einzigartig.  

 

Placebo: The Mysterious Legacy of Magic in Medicine (2017)

Am 7. August 2017 hielt ich im Rahmen von ICTAM IX (= 9th International Congress on Traditional Asian Medicines) an der Universität Kiel einen Vortrag. Ich war als Keynote Speaker zur „Plenary Session: Traditional Medicines & Global Health“ eingeladen und wurde eingeführt von Frau Prof. Dr. Angelika C. Messner, der Hauptorganisatorin des Kongresses.   

Hier meine PPT-Präsentation.

Hier die PPT-Präsentation als PDF-Datei.

Im Folgenden die Folien zum direkten Ansehen.

 

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Magie, Sympathie und Resonanz im Kontext von Medizin- und Kulturgeschichte (2017)

Am 18. Mai 2017 hielt ich an der Hochschule für Künste im Sozialen in Ottersberg (bei Bremen) diesen Vortrag im Rahmen des Wissenschaftlichen Seminars im Sommersemester 2017:

„Resonanz — Interdisziplinäre Perspektiven auf ein Modell“

auf Einladung von Frau Prof. Dr. Céline Kaiser, meiner ehemaligen Mitarbeiterin am Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn.

Hier ist das Redemanuskript zum Download.

Hier ist die dazugehörige PPT-Präsentation.

„Du weißt, geliebte Königin …“: Novalis und die Magie der Natur (2017)

Diesen Vortrag habe ich im Rahmen der Festwoche zum 245. Geburtstag von Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (Novalis) vom 4. bis 7. Mai 2017

„’Construction der transscendentalen Gesundheit‘: Novalis und die Medizin im Kontext von Naturwissenschaften und Philosophie um 1800“

am 6. Mai 2017 im Schloss Oberwiederstedt gehalten, wo Novalis am 2. Mai 1772 geboren wurde.

Hier mein Redemanuskript als PDF.

Hier die dazugehörige Powerpoint-Präsentation.