Der „innere Arzt“ – Historische Anmerkungen zum Menschenbild der Medizin (2018)

Diesen Vortrag hielt ich am 15. Dezember 2018 an der Evangelischen Akademie Tutzing auf dem 30. Medizin-Theologie-Symposium zum Rahmenthema

Wer heilt, hat recht? Zum Menschenbild im Gesundheitswesen.

Hier die PPT-Präsentation.

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Zur Notwendigkeit und zu Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Prognosen (2018)

Vom 8. bis 10. Oktober 2018 fand die Herbsttagung des Leopoldina-Studienzentrums in Halle (Saale) statt:

Kann Wissenschaft in die Zukunft sehen?

Prognosen in den Wissenschaften

Hier der Link auf die Leopoldina Homepage.

Hier der vorbreitete Text meines Statementes bei dem die Tagung eröffnenden Roundtable-Gespräch am 8.10.2018, von dem ich mich jedoch in freier Rede weitgehend gelöst habe

Podiumsdiskussion am 8.10.2018

Zur Notwendigkeit und zu Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Prognosen

Statement von Heinz Schott

Kann Wissenschaft in die Zukunft sehen?

Ob und inwiefern Wissenschaft in die Zukunft sehen kann, sei dahingestellt. Aber der Anspruch, aufgrund einer wissenschaftlichen Analyse gegebener Fakten Zukünftiges zuverlässig vorhersehen zu können – wenngleich eventuell auch nur durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen eingeschränkt – , ist ein Wesensmerkmal wissenschaftlicher Forschung. Prognosen in den Wissenschaften haben insofern etwas mit denen der Magie und Religion gemeinsam, als auch letztere mit systematischen Beobachtungen und Beschreibungen verknüpft sind. Der Hinweis auf die mantischen Künste in der Antike, etwa die Astrologie, die zugleich Ausgangspunkt der Astronomie war, soll hier genügen.

Inwiefern hat die Prognostik eine politische und damit gesellschaftliche Funktion?

Wahrscheinlich hat die Prognostik zu allen Zeiten eine wichtige Funktion im Hinblick auf das gehabt, was wir heute „Politikberatung“ nennen – von der Antike bis heute (ich verweise auf den Vortrag von Stefan Maul: „Prognose im Alten Orient“ und den von Christian Hof: „Prognosen in der Zukunft des Menschen: Biodiversität“). Wissenschaftliche Prognosen dienen gerade heute in Politik und Gesellschaft zur Legitimierung grundlegender Entscheidungen und haben insofern eine immense Bedeutung für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Besonders augenfällig wird dies beispielsweise an der flächendeckenden „Verspargelung“ der Naturlandschaft mit Windrädern aufgrund prognostischer Modellrechnungen der Klimaforschung, die von einem anthropogenen Treibhauseffekt durch CO2-Emmissionen als primäre Ursache des Klimawandels ausgeht.

Inwiefern können notwendige wissenschaftliche Prognosen problematisch sein?

Ein Beispiele aus der Medizin soll genügen. Der Arzt muss bei einer therapeutischen Intervention, etwa in der Onkologie, wissen, wie sich diese auf den weiteren Krankheits- bzw. Heilungsprozess seines Patienten auswirkt. Aber auch die besten Richtlinien der evidenz-basierten bzw. personalisierten Medizin haben – bezogen auf den individuellen Kranken – ihre unaufhebbare prognostische Unschärfe bezogen auf den einzelnen Menschen und sein „Schicksal“ (selbst wenn wir vom Phänomen der „Wunderheilung“ oder „Spontanremission“ einmal absehen, das sich jeder Prognostik entzieht). Man ist hier mit dem Problem der Wahrscheinlichkeit konfrontiert, wie in der Meteorologie und anderen Disziplinen.

Was sind die Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Prognosen

Prognosen können eine gewaltige Durchschlagskraft im sozialen und politischen Raum entfalten, wenn sie in eine Wechselwirkung mit dem „Zeitgeist“ treten und zu einer mächtigen Ideologie verschmelzen. Wenn wir uns die Erfolge der präventiven Medizin durch Bakteriologie und Hygiene Ende des 19. Jahrhunderts vor Augen halten, so offenbart sich der Erfolg wissenschaftlicher Prognostik sehr überzeugend, etwa im Hinblick auf Impfprogramme und hygienische Maßnahmen. Freilich erscheinen die Misserfolge wissenschaftlicher Prognostik noch spannender zu sein. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Rassen- und Erbbiologie im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die scheinbar biologisch und statistisch bewiesenen Vorhersagen der Rassen- und Erbbiologen, wonach die Menschheit durch ungehinderte Fortpflanzung minderwertiger bzw. krankhafter Erbanlagen oder auch durch verderbliche Rassenmischung in naher Zukunft zugrunde gehen würde, schürte eine biologische Untergangsangst, auf der später die radikalen Programme des NS-Regimes aufbauen konnte (Stichwörter: Ausmerze und Auslese). Kaum ein Mediziner, kaum ein Wissenschaftler konnte sich damals dem Sog des Biologismus entziehen, was keineswegs nur auf Deutschland zutrifft. Dies sollte uns heute zu denken geben, wenn heute eine bestimmte wissenschaftliche Prognose als unumstößliche Wahrheit ausgegeben wird. wie seinerzeit die erbbiologisch argumentierende Degenerationslehre.

Wie können wir uns vor prognostischen Irrtümern oder Irrwegen schützen?

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Prognostik, ihre „radikale Historisierung“ (Olaf Breibach), ist aus meiner Sicht das geeignete Mittel, um sich vor prognostischen Fixierungen und den damit zusammenhängenden massenpsychologisch wirksamen Strömungen zu schützen. Die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte bietet uns reichhaltiges Anschauungsmaterial für prognostische Irrwege. Die Rassenbiologie habe ich schon erwähnt. Wie sehr wissenschaftliche Prognostik von kulturellen, ideologischen und allgemeinpolitischen Faktoren abhängt und diese wiederum verstärken kann, lässt sich am Beispiel des „Waldsterbens“, einer deutschen mentalen Spezialität, in den 1980er Jahren, aufzeigen. Viele Ökologen und weite Kreise der Bevölkerung waren überzeugt, dass um die Jahrtausendwende der Schwarzwald mehr oder weniger verschwinden und einer Karstlandschaft Platz machen würde. (Ich war seinerzeit in Freiburg und erinnere mich an die betreffenden Diskussionen und Schreckensbilder). Weitere analoge Beispiele wären leicht zu finden. Wer sich mit der Geschichte der wissenschaftlichen Prognosen auseinandersetzt, ist gegen ideologisch fixierte Zukunftsvisionen gefeit, ob diese nun den Weltuntergang oder das Paradies auf Erden prophezeien. (Ich verweise auf den Abendvortrag von Joachim Radkau: „Im Zickzack deutscher Zukünfte“.)

Wie können wir Prognosen anthropologisch verstehen?

Wissenschaftliche Prognosen gehören wie die religiösen, etwa die Prophetie (es sei an die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse erinnert) meines Erachtens zur conditio humana. Sie haben ein wichtiges Merkmal gemeinsam: Sie diagnostizieren einen verderblichen Zustand, der ohne angemessene Intervention bzw. Einstellung zum Untergang führt. Schuld kann abgetragen werden, der Sünder kann Buße tun,der Unterdrückte kann revoltieren. Nur dann ist Rettung möglich. Der Begriff des „Umwelt-“ oder „Klimasünders“ impliziert dieses Denken. Insofern enthält die Prognostik, sei sie wissenschaftlich, sei sie religiös verortet, einen Rettungsanker, gewissermaßen ein Evangelium: nämlich: „Wir können, ja wir müssen etwas tun“. Man denke an den „wissenschaftlichen“ Marxismus-Leninismus und seine prognostische Dialektik und davon abgeleitete Parteiprogramme.

Was aber passiert, wenn sich – jenseits aller Prognostik – Unvorhersehbares ereignet?

Wenn etwa Naturmächte am Werk sind, welche die absolute Ohnmacht des Menschen und seiner Kultur demonstrieren und die entweder wissenschaftlich vorhersagbar sind (wie der Einschlag größerer Meteoriten) oder sich wissenschaftlicher Prognostik entziehen (Erbeben, Vulkanausbrüche, Pandemien)? Wahrscheinlich ist der Gedanke des völligen Ausgeliefertseins so unerträglich, dass wir ihn weitgehend verdrängen müssen. Die anthropologische Frage ist letztlich kosmologisch-existenzieller Natur, dort, wo wir nicht nur nicht in die Zukunft sehen, sondern überhaupt nicht mehr sehen können. Platons Höhlengleichnis ist durchaus aktuell. Wer von uns kann es wagen, aus der Höhle der Prognostik ans grelle, blendende Tageslicht zu treten, ohne sich sofort wieder in die Höhle, die Illusion wissenschaftlicher Weissagekünste, zurückzuflüchten?

Wie können wir mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen?(2018)

Vom 8. bis 10. Oktober 2018 fand die Herbsttagung des Leopoldina-Studienzentrums in Halle (Saale) statt:

Kann Wissenschaft in die Zukunft sehen?

Prognosen in den Wissenschaften

Hier der Link auf die Leopoldina Homepage.

Hier der vorbreitete Text meines Statementes beim abschließenden Roundtable-Gespräch am 10.10.2018, von dem ich mich jedoch in freier Rede weitgehend gelöst habe.

 

Podiumsdiskussion am 10.10.2018

Wie können wir mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen?

Statement von Heinz Schott

Die wichtigste Fragestellung im Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen ist: Inwieweit können wir der betreffenden Vorhersage vertrauen? Inwieweit ist sie sicher? Können wir von ihr konsequent bestimmte Handlungsstrategien ableiten? Ist die Prognose deshalb schon richtig, weil sie das Gütesiegel einer wissenschaftlichen Einrichtung trägt? Im Hinblick auf die Politikberatung ist zu bedenken: Wissenschaftliche Prognosen müssen wahr sein, d. h. den Anschein von zweifelsfreier Eindeutigkeit haben, wenn sie die Funktion erfüllen sollen, politische Entscheidungen zu legitimieren. Aber gerade in dieser Voraussetzung liegt das Problem. Denn die Wissenschaft kann auch im Zusammenspiel der Disziplinen nicht die komplexe Totalität eines Objekts erfassen, muss aus methodischen Gründen immer Einschränkungen und Ausblendungen vornehmen. Noch wichtiger vielleicht ist die Tatsache, dass Wissenschaft als soziales Subsystem selbst von partikularen Interessen geleitet und ökonomisch wie ideologisch abhängig von der politisch-gesellschaftlichen Situation ist. Die „Freiheit der Wissenschaft“ ist ein großartiges Ideal, das jedoch, wenn überhaupt, nur ausnahmsweise realisiert werden kann.

Wie können wir nun mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen? Aus meiner Sicht als Akademiker, Medizinhistoriker und Staatsbürger sind im Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen folgende drei Gesichtspunkte wesentlich:

1. Historisierung und Relativierung von Prognosen

Es ist von großer Bedeutung, ob wir Prognosen positivistisch als gesicherte Extrapolation gegebener Fakten ansehen oder sie als Vorhersagen in einem bestimmten historischen Kontext begreifen. Im ersteren Falle ist die Zukunft absolut einzuschätzen, im letzteren Fall werden Vorhersagen relativiert. Die in meinen Augen wichtigste Relativierung von Vorhersagen ist ihre Betrachtung in historischer Perspektive. Wie sahen entsprechende Prognosen in früheren Zeiten aus? Worin unterscheiden sie sich von der heutigen Situation und worin sind sie sich ähnlich? Die historische Relativierung („Historisierung“) ist entscheidend dafür, wie wir mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen: doktrinär oder reflektiert, ideell fixiert oder offen im Sinne einer kritischen Wissenschaft.

2. Bewahrung der Freiheit angesichts der Notwendigkeit von Prognosen

Prognosen, ob wissenschaftlicher oder außerwissenschaftlicher Natur, sagen mehr oder weniger eindeutig die Zukunft in einer bestimmten Hinsicht voraus. Ihre Gefahr liegt in ihrer suggestiven Kraft der Überzeugung, die vielfach weniger im Wissen als im Glauben gründet. Und der Glaube kann Berge versetzen, wie es schon in der Bibel heißt. Er entzieht sich der kritische Diskussion und ist in seiner doktrinären Fixierung wissenschaftsfeindlich. Für mich eindrucksvoll ist folgendes historische Beispiel aus dem Sozialleben, das auch wissenschaftshistorisch zu denken geben kann: Der berühmte russische Psychiater Bechterew schilderte um 1900 folgende Begebenheit: Eine der zahlreichen christlichen Sekten in Russland war sich absolut sicher, dass die Welt zu einem bestimmten, nahe bevorstehenden Zeitpunkt untergehen würde. Sie wollten diesem mit Gebeten und Gesängen bei Kerzenschein entgegensehen, um ins Himmelreich zu gelangen. So ließ sich die Menschengruppe von ca. 30 Personen in einem Kellergewölbe einmauern. Monate später wurden ihre Leichen geborgen, offenbar waren die Leute erstickt. Aus der Prognose des Weltuntergangs hatten sie in ihrem im Sinne eine konsequente Gegenstrategie abgeleitet. Wo absolute Gewissheit herrscht, gibt es keine Alternative.

3. Gelassenheit und Selbstvertrauen („Gottvertrauen“) im Umgang mit Prognosen

Für Wissenschaftler kann es verlockend sein, mit dem Nimbus und dem beeindruckenden Instrumentarium der Wissenschaft und ihrer Organisationen (unbewusst) in die Rolle von Mantikern, Propheten oder Hellsehern zu schlüpfen, ohne das dies erkannt oder thematisiert werden kann. Der beste Schutz vor angeblich wissenschaftlich erwiesenen Prognosen – und diese können auch utopische Paradiesvorstellungen (wie etwa die absolut gesunde oder die klassenlose Gesellschaft) betreffen – ist aus meiner Sicht Gelassenheit und Selbstvertrauen im Wissen um die Hinfälligkeit und Endlichkeit allen Lebens, vielleicht sogar des Kosmos, ohne deshalb der Verzweiflung anheimzufallen, dass alles sinnlos sei. Insofern hat der Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen sehr viel mit der philosophischen Einstellung des Einzelnen zu tun, die nicht aus innerwissenschaftlichem Prozedere abgeleitet werden kann. Für eine solche Einstellung kann uns die Wissenschaft einschließlich der Theologie kein allgemein gültiges Rezept liefern.

Woher kommt die Ablehnung des „Andersartigen“? Wie kann sie überwunden werden?

Auf der Herbsttagung des Leopoldina-Studienzentrums „‘Andersartigkeit‘ und Identität in menschlichen Gesellschaften“ vom 4.-6.102016 in Halle (Saale) hatte ich das Roundtable-Gespräch am 6.10.2016 zu moderieren. Hierzu machte ich mir im Vorfeld einige Gedanekn. Ich versuchte, eine Typologie des „Andersartigen“ zu entwerfen. Hier die zwei Seiten Text.

Zur Tagung siehe auch diesen Beitrag.

Zum Gedenken an Peter Propping (2017)

Zur Einführung in die Herbsttagung des Leopoldina-Studienzentrums „‘Andersartigkeit‘ und Identität in menschlichen Gesellschaften“ vom 4.-6.102016 in Halle (Saale) hielt ich eine kurze Ansprache. Im Folgenden die Passage, die sich besonders auf Peter Propping (1942-2016) bezieht, der diese Tagung mit größtem Engagement initiiert hatte und dem die betreffende Thematik eine Herzensangelegenheit war. Das vollständige Manuskript meines Redetexte kann hier eingesehen werden. 

Als ich 1987 nach Bonn kam, war Peter Propping bereits da. Er wurde zu meinem Glück schon bald Dekan der Medizinischen Fakultät. Obwohl er als Humangenetiker im nun anbrechenden Zeitalter des Rankings, der Impactfaktoren und der Leistungsorientierten Mittelvergabe (LOMV) zum Spitzenreiter bei der quantifizierenden Bemessung wissenschaftlicher Leistung aufstieg, sorgte er dafür, das die Medizingeschichte als einzige Disziplin der Medizinischen Fakultät von der (zumindest für geisteswissenschaftliche Fächer) absurden Impactfaktoren-Zählerei ausgenommen wurde – was übrigens bis heute so ist. Er hat mich auch in anderer Weise des Öfteren beschützt und unterstützt: etwa durch die Abwehr bestimmter Attacken unliebsamer Kollegen oder bei Beschwerden gegenüber der universitären Obrigkeit, wo es um die richtige Wortwahl ging. Er war für mich ein Partner, auf den man sich verlassen konnte: Angstfrei, nüchtern und zugleich begeisterungsfähig, offen auch für kritische Einwände und bittere Wahrheiten. Er war ein recht guter Menschenkenner, der allergisch gegen eitles Auftreten und substanzloses Schwadronieren reagierte, aber diese Allergie als höflicher Mensch nur Nahestehenden zu erkennen gab (oder zuflüsterte, was dann gemeinsames Lachen auslöste).

Er verstand sich als Naturwissenschaftler und hatte doch großen Respekt vor philosophischen und existenziellen Fragen, die er ernst nahm und sozusagen an sich herankommen ließ. Eine Frage trieb ihn besonders um: Wie hätte ich mich selbst in jener Zeit verhalten, als die Humangenetik noch Rassenbiologie bzw. Rassenhygiene hieß? Und wie können wir über jene Zeit – also die Zeit seines eigenen Vaters, der dem Krieg zum Opfer fiel, bevor er geboren wurde – gerecht urteilen, ohne selbstgerecht zu werden? An Peter Propping hat mich vor allem seine wache Selbstkritik beeindruckt, die ihn bei allen professionellen Erfolgen, die er zu verzeichnen hatte, bescheiden und demütig machte. So organisierten wir gemeinsam Anfang der 1990er Jahre eine Vorlesungsreihe im Studium Universale der Universität zum Thema „Biologismus, Rassenhygiene, Eugenik“, die später unter dem Haupttitel „Wissenschaft auf Irrwegen“ erschien und manches von dem, was wir auf dieser Tagung behandeln wollen, schon angesprochen hat.

Zur Tagung siehe auch diesen Beitrag.

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Peter Propping/Heinz Schott (Hg): Wissenschaft auf Irrwegen: Biologismus – Rassenhygiene – Eugenik. Bonn: Bouvier Vergl. 1992

 

 

 

Die Anfänge der Rhein-Universität 1818-1870 (2018)

Im Rahmen der Präsentation der Festschrift „Geschichte der Universität Bonn 1818-2018“ am 15. Oktober 2018 im Festsaal der Universität hielt ich den Kurzvortrag

Die Anfänge der Rhein-Universität 1818-1870.

Im Folgenden zunächst das Programm, anschließend mein Redemanskript sowie die gezeigte PPT-Folie, auf die ich mich eingangs beziehe. 

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Das Programm der Veranstaltung am 15.10.2018 im Festsaal der Universität Bonn

Magnifizenz, meine sehr verehrten Damen und Herren!

Vorab möchte ich mich bei Frau Rafaela Hiemann, die seit kurzem Zimmer heißt, sowie bei Herrn Dr. Thomas Becker für die unverzichtbare Unterstützung beim Verfassen meines Beitrags zur Festschrift herzlich bedanken.

Springen wir mitten hinein ins volle Studentenleben (Folie). Sie sehen in der Mitte das fröhliche Treiben der „Trierer Tischgesellschaft“, die sich später „Corps Palatia“ nannte. Man kann die Rheinromantik im Hintergrund erahnen. Bei der Frau, die links unten zu sehen ist, handelt es sich sicher nicht um eine Studentin, denn das Vollstudium von Frauen war in Bonn erst ab 1908 möglich. Unterhalb des roten Punkts ist der weltweit (eingedenk Chinas) bekannteste Bonner Student zu sehen: Karl Marx, der in diesem Jahr ebenfalls 200. Geburtstag hat. Rechts oben sehen sie ein Bleistiftporträt des 17jährigen Studenten, das erst kürzlich entdeckt wurde und jetzt in Trier ausgestellt ist. Marx musste wegen „nächtlichen Lärmens und Trunkenheit“ eine Nacht im Karzer verbringen. Für solche Bestrafungen der Studenten war der Universitätsrichter Salomon zuständig (links oben), der hier als Salamander karikiert wurde. In Bonn etablierten sich rasch Studentenverbindungen, so genannte Burschenschaften und Landsmannschaften. Es sei daran erinnert, dass Hoffmann von Fallersleben bereits 1819 als Bonner Burschenschafter die „Bonner Burschenlieder“ herausgab. Im selben Jahr kam es, als Reaktion auf die Ermordung des Schriftstellers August von Kotzebue durch einen Burschafter zur sog. Demagogenverfolgung. Die restaurativen Regierungen im Deutschen Bund versuchten, Aktivitäten von nationalrevolutionären, freiheitlich gesinnten Studenten und Professoren – in Bonn wäre vor allem Ernst Moritz Arndt zu nennen – zu unterdrücken.

Was war nun die Ausgangssituation der Universitätsgründung vor 200 Jahren? Nach dem Wiener Kongress erhielt Preußen die Rheinlande zugesprochen, fortan als Preußische Rheinprovinz bezeichnet. Die Regierung in Berlin hatte gemäß der Konzeption Wilhelm von Humboldts 1810 in Berlin und 1811 in Breslau eine Reformuniversität eingerichtet. Die dritte sollte in der Rheinprovinz etabliert werden, und zwar nicht in Köln, wo man aus konfessionellen Gründen Unruhen befürchtete, sondern in dem beschaulichen, ruhigen Städtchen Bonn. Von Anfang an wollte man eine Volluniversität etablieren. So war die heutige Fakultätsstruktur bereits damals angelegt: Zwei theologische Fakultäten, eine juristische, eine medizinische und eine auch die naturwissenschaftlichen Disziplinen umfassende philosophische Fakultät, von der sich erst 1936 die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät abspaltete. Die bereits 1847 gegründete Landwirtschaftliche Lehranstalt in Poppelsdorf wurde schließlich 1934 als Fakultät in die Universität integriert.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …“ Das gilt, wie ich meine, in besonderer Weise für die neugegründete Bonner Universität. Exakte Naturbeobachtung, experimentelle Naturforschung und romantische Naturphilosophie verbanden sich zu einer kreativen Atmosphäre der Forschung und Lehre, wobei Goethe gewissermaßen als Leuchtturm anvisiert wurde, wie man bei dem Physiologen Johannes Müller und dem Botaniker Christian Gottfried Nees von Esenbeck, dem Begründer des Botanischen Gartens, sehen kann. Die naturwissenschaftlichen Disziplinen standen mit denen der Medizinischen Fakultät in regem Austausch – es sei hier an die „Niederrheinische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde zu Bonn“ erinnert, auf deren Sitzung am 4. Februar 1857 etwa der Neandertaler Schädelfund erstmals wissenschaftlich diskutiert wurde. Ebenso kamen in den Geisteswissenschaften („Buchwissenschaften“) in dieser Atmosphäre innovative Impulse zum Tragen. Beispielhaft sei hier auf den Literaturhistoriker und Altphilologen August Wilhelm Schlegel verwiesen, eine legendäre Gestalt der Frühromantik, der 1818 auf den ersten Lehrstuhl für Indologie nach Bonn berufen wurde und zu dessen Hörern neben vielen anderen Heinrich Heine und Karl Marx gehörten. Ich kann hier nur soviel sagen: Das Aufblühen der Geisteswissenschaften war dem der Naturwissenschaften sicher ebenbürtig.

Die Revolution 1848/49 machte sich auch an der Universität Bonn bemerkbar. Studenten und Dozenten beteiligten sich an der demokratischen Bewegung, wobei Gottfried Kinkel, apl. Professor für Kunst- und Literaturgeschichte, zur Symbolfigur wurde. Doch auf diesen spannenden, wenngleich relativ erfolglosen Versuch der politischen Emanzipation kann ich hier nicht eingehen. Für die Geschichte unserer Universität wichtiger war der konsequente Ausbau der Universität und die Ausdifferenzierung der Fächer nach der Jahrhundertmitte. So hatte beispielsweise von 1855 bis 1858 Hermann von Helmholtz noch den Lehrstuhl für Anatomie und Physiologie inne, der nach seinem Weggang aufgespalten wurde. Bis 1870 hatte sich Bonn zu dem entwickelt, was wir heute wahrscheinlich als Eliteuniversität bezeichnen würden – damals noch ohne Exzellenzcluster und Exzellenzstrategie.

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Die projizierte Folie, auf der sich der Text eingangs bezieht

Anmerkung vom 17.10.2018:

Die Uni Bonn hat auf ihrer Homepage („News“) einen Bericht über die Präsentation der Festschrift publiziert.

Der Bericht von Rüdiger Franz im General-Anzeiger vom 17.10.2018 geht näher auf die Redebeiträge der einzelnen Referenten ein. Zu meinem Beitrag findet sich folgende Passage:

„Damit war der Reigen für die Referenten eröffnet, die sich am Montag auf ein winziges Exzerpt ihrer aufwendigen Kernbohrungen beschränken mussten. So blätterte Medizinhistoriker Heinz Schott das Familienalbum auf und präsentierte einen jungen Jurastudenten, der als Mitglied des heutigen Corps Palatia unbekümmert den Bonner Karzer kennengelernt hatte: Ein gewisser Karl Marx, und nur einer unter all den Zahllosen, die nach dem Studium in Bonn einen großen Namen trugen.“

Vom 8. bis 10. Oktober 2018 fand am Leopolodina-Studienzentrum eine spannende Tagung statt: 

Kann Wissenchaft in die Zukunft sehen? Prognosen in den Wissenschaften.

Ich habe sowohl bei der Eingangsdiskussion als auch bei der abschließenden Podiumsdiskussion teilgenommen (siehe Tagungsprogramm). Im Folgenden meine vorbereiteten Stellungnahmen, die ich allerdings nicht verlesen habe. Das hätte die Atmosphäre des freien Gesprächs gestört. 


 

Podiumsdiskussion am 8.10.2018

Zur Notwendigkeit und zu Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Prognosen

Statement von Heinz Schott

Kann Wissenschaft in die Zukunft sehen?

Ob und inwiefern Wissenschaft in die Zukunft sehen kann, sei dahingestellt. Aber der Anspruch, aufgrund einer wissenschaftlichen Analyse gegebener Fakten Zukünftiges zuverlässig vorhersehen zu können – wenngleich eventuell auch nur durch Wahrscheinlichkeitsrechnungen eingeschränkt – , ist ein Wesensmerkmal wissenschaftlicher Forschung. Prognosen in den Wissenschaften haben insofern etwas mit denen der Magie und Religion gemeinsam, als auch letztere mit systematischen Beobachtungen und Beschreibungen verknüpft sind. Der Hinweis auf die mantischen Künste in der Antike, etwa die Astrologie, die zugleich Ausgangspunkt der Astronomie war, soll hier genügen.

Inwiefern hat die Prognostik eine politische und damit gesellschaftliche Funktion?

Wahrscheinlich hat die Prognostik zu allen Zeiten eine wichtige Funktion im Hinblick auf das gehabt, was wir heute „Politikberatung“ nennen – von der Antike bis heute (ich verweise auf den Vortrag von Stefan Maul: „Prognose im Alten Orient“ und den von Christian Hof: „Prognosen in der Zukunft des Menschen: Biodiversität“). Wissenschaftliche Prognosen dienen gerade heute in Politik und Gesellschaft zur Legitimierung grundlegender Entscheidungen und haben insofern eine immense Bedeutung für die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft. Besonders augenfällig wird dies beispielsweise an der flächendeckenden „Verspargelung“ der Naturlandschaft mit Windrädern aufgrund prognostischer Modellrechnungen der Klimaforschung, die von einem anthropogenen Treibhauseffekt durch CO2-Emmissionen als primäre Ursache des Klimawandels ausgeht.

Inwiefern können notwendige wissenschaftliche Prognosen problematisch sein?

Ein Beispiele aus der Medizin soll genügen. Der Arzt muss bei einer therapeutischen Intervention, etwa in der Onkologie, wissen, wie sich diese auf den weiteren Krankheits- bzw. Heilungsprozess seines Patienten auswirkt. Aber auch die besten Richtlinien der evidenz-basierten bzw. personalisierten Medizin haben – bezogen auf den individuellen Kranken – ihre unaufhebbare prognostische Unschärfe bezogen auf den einzelnen Menschen und sein „Schicksal“ (selbst wenn wir vom Phänomen der „Wunderheilung“ oder „Spontanremission“ einmal absehen, das sich jeder Prognostik entzieht). Man ist hier mit dem Problem der Wahrscheinlichkeit konfrontiert, wie in der Meteorologie und anderen Disziplinen.

Was sind die Erfolgsfaktoren wissenschaftlicher Prognosen

Prognosen können eine gewaltige Durchschlagskraft im sozialen und politischen Raum entfalten, wenn sie in eine Wechselwirkung mit dem „Zeitgeist“ treten und zu einer mächtigen Ideologie verschmelzen. Wenn wir uns die Erfolge der präventiven Medizin durch Bakteriologie und Hygiene Ende des 19. Jahrhunderts vor Augen halten, so offenbart sich der Erfolg wissenschaftlicher Prognostik sehr überzeugend, etwa im Hinblick auf Impfprogramme und hygienische Maßnahmen. Freilich erscheinen die Misserfolge wissenschaftlicher Prognostik noch spannender zu sein. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Rassen- und Erbbiologie im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert. Die scheinbar biologisch und statistisch bewiesenen Vorhersagen der Rassen- und Erbbiologen, wonach die Menschheit durch ungehinderte Fortpflanzung minderwertiger bzw. krankhafter Erbanlagen oder auch durch verderbliche Rassenmischung in naher Zukunft zugrunde gehen würde, schürte eine biologische Untergangsangst, auf der später die radikalen Programme des NS-Regimes aufbauen konnte (Stichwörter: Ausmerze und Auslese). Kaum ein Mediziner, kaum ein Wissenschaftler konnte sich damals dem Sog des Biologismus entziehen, was keineswegs nur auf Deutschland zutrifft. Dies sollte uns heute zu denken geben, wenn heute eine bestimmte wissenschaftliche Prognose als unumstößliche Wahrheit ausgegeben wird. wie seinerzeit die erbbiologisch argumentierende Degenerationslehre.

Wie können wir uns vor prognostischen Irrtümern oder Irrwegen schützen?

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Prognostik, ihre „radikale Historisierung“ (Olaf Breibach), ist aus meiner Sicht das geeignete Mittel, um sich vor prognostischen Fixierungen und den damit zusammenhängenden massenpsychologisch wirksamen Strömungen zu schützen. Die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte bietet uns reichhaltiges Anschauungsmaterial für prognostische Irrwege. Die Rassenbiologie habe ich schon erwähnt. Wie sehr wissenschaftliche Prognostik von kulturellen, ideologischen und allgemeinpolitischen Faktoren abhängt und diese wiederum verstärken kann, lässt sich am Beispiel des „Waldsterbens“, einer deutschen mentalen Spezialität, in den 1980er Jahren, aufzeigen. Viele Ökologen und weite Kreise der Bevölkerung waren überzeugt, dass um die Jahrtausendwende der Schwarzwald mehr oder weniger verschwinden und einer Karstlandschaft Platz machen würde. (Ich war seinerzeit in Freiburg und erinnere mich an die betreffenden Diskussionen und Schreckensbilder). Weitere analoge Beispiele wären leicht zu finden. Wer sich mit der Geschichte der wissenschaftlichen Prognosen auseinandersetzt, ist gegen ideologisch fixierte Zukunftsvisionen gefeit, ob diese nun den Weltuntergang oder das Paradies auf Erden prophezeien. (Ich verweise auf den Abendvortrag von Joachim Radkau: „Im Zickzack deutscher Zukünfte“.)

Wie können wir Prognosen anthropologisch verstehen?

Wissenschaftliche Prognosen gehören wie die religiösen, etwa die Prophetie (es sei an die Offenbarung des Johannes, die Apokalypse erinnert) meines Erachtens zur conditio humana. Sie haben ein wichtiges Merkmal gemeinsam: Sie diagnostizieren einen verderblichen Zustand, der ohne angemessene Intervention bzw. Einstellung zum Untergang führt. Schuld kann abgetragen werden, der Sünder kann Buße tun,der Unterdrückte kann revoltieren. Nur dann ist Rettung möglich. Der Begriff des „Umwelt-“ oder „Klimasünders“ impliziert dieses Denken. Insofern enthält die Prognostik, sei sie wissenschaftlich, sei sie religiös verortet, einen Rettungsanker, gewissermaßen ein Evangelium: nämlich: „Wir können, ja wir müssen etwas tun“. Man denke an den „wissenschaftlichen“ Marxismus-Leninismus und seine prognostische Dialektik und davon abgeleitete Parteiprogramme.

Was aber passiert, wenn sich – jenseits aller Prognostik – Unvorhersehbares ereignet?

Wenn etwa Naturmächte am Werk sind, welche die absolute Ohnmacht des Menschen und seiner Kultur demonstrieren und die entweder wissenschaftlich vorhersagbar sind (wie der Einschlag größerer Meteoriten) oder sich wissenschaftlicher Prognostik entziehen (Erbeben, Vulkanausbrüche, Pandemien)? Wahrscheinlich ist der Gedanke des völligen Ausgeliefertseins so unerträglich, dass wir ihn weitgehend verdrängen müssen. Die anthropologische Frage ist letztlich kosmologisch-existenzieller Natur, dort, wo wir nicht nur nicht in die Zukunft sehen, sondern überhaupt nicht mehr sehen können. Platons Höhlengleichnis ist durchaus aktuell. Wer von uns kann es wagen, aus der Höhle der Prognostik ans grelle, blendende Tageslicht zu treten, ohne sich sofort wieder in die Höhle, die Illusion wissenschaftlicher Weissagekünste, zurückzuflüchten?


 

Podiumsdiskussion am 10.10.2018

Wie können wir mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen?

Statement von Heinz Schott

Die wichtigste Fragestellung im Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen ist: Inwieweit können wir der betreffenden Vorhersage vertrauen? Inwieweit ist sie sicher? Können wir von ihr konsequent bestimmte Handlungsstrategien ableiten? Ist die Prognose deshalb schon richtig, weil sie das Gütesiegel einer wissenschaftlichen Einrichtung trägt? Im Hinblick auf die Politikberatung ist zu bedenken: Wissenschaftliche Prognosen müssen wahr sein, d. h. den Anschein von zweifelsfreier Eindeutigkeit haben, wenn sie die Funktion erfüllen sollen, politische Entscheidungen zu legitimieren. Aber gerade in dieser Voraussetzung liegt das Problem. Denn die Wissenschaft kann auch im Zusammenspiel der Disziplinen nicht die komplexe Totalität eines Objekts erfassen, muss aus methodischen Gründen immer Einschränkungen und Ausblendungen vornehmen. Noch wichtiger vielleicht ist die Tatsache, dass Wissenschaft als soziales Subsystem selbst von partikularen Interessen geleitet und ökonomisch wie ideologisch abhängig von der politisch-gesellschaftlichen Situation ist. Die „Freiheit der Wissenschaft“ ist ein großartiges Ideal, das jedoch, wenn überhaupt, nur ausnahmsweise realisiert werden kann.

Wie können wir nun mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen? Aus meiner Sicht als Akademiker, Medizinhistoriker und Staatsbürger sind im Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen folgende drei Gesichtspunkte wesentlich:

1. Historisierung und Relativierung von Prognosen

Es ist von großer Bedeutung, ob wir Prognosen positivistisch als gesicherte Extrapolation gegebener Fakten ansehen oder sie als Vorhersagen in einem bestimmten historischen Kontext begreifen. Im ersteren Falle ist die Zukunft absolut einzuschätzen, im letzteren Fall werden Vorhersagen relativiert. Die in meinen Augen wichtigste Relativierung von Vorhersagen ist ihre Betrachtung in historischer Perspektive. Wie sahen entsprechende Prognosen in früheren Zeiten aus? Worin unterscheiden sie sich von der heutigen Situation und worin sind sie sich ähnlich? Die historische Relativierung („Historisierung“) ist entscheidend dafür, wie wir mit wissenschaftlichen Prognosen umgehen: doktrinär oder reflektiert, ideell fixiert oder offen im Sinne einer kritischen Wissenschaft.

2. Bewahrung der Freiheit angesichts der Notwendigkeit von Prognosen

Prognosen, ob wissenschaftlicher oder außerwissenschaftlicher Natur, sagen mehr oder weniger eindeutig die Zukunft in einer bestimmten Hinsicht voraus. Ihre Gefahr liegt in ihrer suggestiven Kraft der Überzeugung, die vielfach weniger im Wissen als im Glauben gründet. Und der Glaube kann Berge versetzen, wie es schon in der Bibel heißt. Er entzieht sich der kritische Diskussion und ist in seiner doktrinären Fixierung wissenschaftsfeindlich. Für mich eindrucksvoll ist folgendes historische Beispiel aus dem Sozialleben, das auch wissenschaftshistorisch zu denken geben kann: Der berühmte russische Psychiater Bechterew schilderte um 1900 folgende Begebenheit: Eine der zahlreichen christlichen Sekten in Russland war sich absolut sicher, dass die Welt zu einem bestimmten, nahe bevorstehenden Zeitpunkt untergehen würde. Sie wollten diesem mit Gebeten und Gesängen bei Kerzenschein entgegensehen, um ins Himmelreich zu gelangen. So ließ sich die Menschengruppe von ca. 30 Personen in einem Kellergewölbe einmauern. Monate später wurden ihre Leichen geborgen, offenbar waren die Leute erstickt. Aus der Prognose des Weltuntergangs hatten sie in ihrem im Sinne eine konsequente Gegenstrategie abgeleitet. Wo absolute Gewissheit herrscht, gibt es keine Alternative.

3. Gelassenheit und Selbstvertrauen („Gottvertrauen“) im Umgang mit Prognosen

Für Wissenschaftler kann es verlockend sein, mit dem Nimbus und dem beeindruckenden Instrumentarium der Wissenschaft und ihrer Organisationen (unbewusst) in die Rolle von Mantikern, Propheten oder Hellsehern zu schlüpfen, ohne das dies erkannt oder thematisiert werden kann. Der beste Schutz vor angeblich wissenschaftlich erwiesenen Prognosen – und diese können auch utopische Paradiesvorstellungen (wie etwa die absolut gesunde oder die klassenlose Gesellschaft) betreffen – ist aus meiner Sicht Gelassenheit und Selbstvertrauen im Wissen um die Hinfälligkeit und Endlichkeit allen Lebens, vielleicht sogar des Kosmos, ohne deshalb der Verzweiflung anheimzufallen, dass alles sinnlos sei. Insofern hat der Umgang mit wissenschaftlichen Prognosen sehr viel mit der philosophischen Einstellung des Einzelnen zu tun, die nicht aus innerwissenschaftlichem Prozedere abgeleitet werden kann. Für eine solche Einstellung kann uns die Wissenschaft einschließlich der Theologie kein allgemein gültiges Rezept liefern.